Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 11 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425841--2040-2428442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. "11 „Neue Nätronäl-Zeitung" Seite 3 den Testamenten der zwölf Patriarchen, „wie die Sonne und der Mond, was werden alle He i d en tun, wenn ihr euch verblendet in Gottlosigkeit."19) Aus demselben Geist und aus denselben Nöten, nur aus einer späteren, reifer gewordenen Zeit sprechen unsere Oden, deren Verfasser ein apokalyptischer Volkslehrer ist. Wo man die Oden immer aufschlagen mag, er verrät sich überall als solchen. „Der Herr", so predigt er, „hat meinem Munde die Richtung gegeben durch sein Wort und hat mein Herz geöffnet durch sein Licht . . . und hat mir gegeben zu reden (von) der Frucht seines Heils, um zu lenken die Seelen derjenigen, die zu inm kommen wollen. — Ich bin stark und mächtig geworden und habe die Welt gefangen genommen,20) und es ist durch mich geschehen zum Ruhme des Höchsten und Gottes meines Vaters. Und die (Heiden-)Völker, die zerstreut waren, wurden zusammengeschart --und sie wandelten in meinem Leben und wurden erlöst und wurden mein Volk in alle Ewigkeit."21) „Oeffnet eure Ohren, ich will zu euch reden."22) — „Er hat mich angefüllt mit Worten der Wahrheit, daß ich sie aussprechen möchte, und wie das Fließen des Wassers fließt die Wahrheit aus meinem Munde, und meine Lippen haben seine Früchte gezeitigt."2!) — „Und er leitet mich in seinem Lichte und gab mir den Stab seiner Macht, daß ich ihm Untertan mal che die Gedanken der Völker."24) Er ist durch Gott erlöst und redendes Wasser kam an seine Lippen aus dem Quell des Herrn, und er trank und ward trunken von dem lebendigen unsterblichen Wasser . . . und erleuchtet durch Gott, füllt er alles mit Früchten.25) Er öffnet seinen Mund, und der Geist Gottes spricht durch ihn.20) Und jubelnd über das Gelingen seiner Mission, jauchzt er: „Ich bin gekrönt von meinem Gott! . . . Und der mich kennt und mich großgezogen, hat mich mit Ehren bedacht und meine Erkenntnis erhoben bis zur Höhe der Wahrheit, und von da an hat er mir den Weg seiner Satzungen gegeben,27) und ich habe die .Türen geöffnet, die verschlossen waren, und habe die eisernen Riegel zerbrochen--und nichts erschien mir verschlossen, denn die Pforte zu allem war ich. Und ich ging zu allen meinen Gefangenen, sie zu lösen, daß ich keinen übrig ließe, der gebunden wäre, oder der bände.28) Und ich gab meine Erkenntnis l9) Test. Levi c. 14. — *°) Cf. Or. sib. III. 194 f. — a:) Ode 10. Cf. 81-8. — ") 9i. — S3) 12 i-a. — MJ 297-8 — as) 116-21. Cf. 14?. — *6) 166. 2T) Warum unter den Worten: „Der Weg seiner Satzungen,* wie Harnack will, nicht das mosaische Gesetz — oder im Sinne der Apokalyptiker und Weisheitslehrer richtiger ausgedrückt: die mosaische Offenbarungslehre — „sondern nur besondere Anordnungen" gemeint sein können, ist mir unverständlich. Welche andere Grundlage für seine Propaganda im Heidentum konnte unser Sänger haben? Dieselbe Lehre will er verstanden wisssen, wenn er 811—13 sagt: „Bewahret mein Geheimnis, ihr, die ihr durch dasselbe bewahret seid, bewahret meinen Glauben, ihr, die ihr durch denselben bewahrt seid, begreift meine Erkenntnis, ihr, die ihr in Wahrheit mich erkennt;" dieselbe Lehre, wenn er 4-1 9-11 „vor Freude frohlockend" ausruft : „Denn der Vater der Wahrheit erinnert sich meiner, er, der mich besessen hat vom Anfang an. Denn sein Reichtum hat mich erzeugt und der Gedanke seines Herzens; and sein Wort ist mit uns auf allen unseren Wegen." Zum Ueberfluß ist der Ausdruck: „Weg seiner Satzungen" die wörtliche Uebersetzung von: derech edosecha Psalm 11914; derech pikudecha, Psalm 119 27; derech chukecha, Psalm 11933; 38) Nach Jes. 42 7; 451-2; 49 0 . ohne Neid und mein Gebet in meiner Liebe. Und i c h s ä t e a u s i n d e n, H erzen nx ein e l r u c h t und verwandelte sie in mich, und sie empfingen meinen Segen und wurden gerettet, und sie scharten sich zu mir und wurden erlöst, denn sie waren für mich die Glieder und ich ihr Haupt"29) Zweifellos, er war ein Volkslehrer und durfte angesichts der großen Erfolge, welche er und seinesgleichen im Heidentum bereits erzielt hatten, so sprechen. Wir können es uns ganz gut denken, daß so ein jüdischer Volksprophet beim Anblicke der beispielsweise zur Synagoge von Antiochia sich drängenden Griechen, welche die dortigen Juden „zu einer Art von Mitgliedern ihrer Gemeinde machten",30) zu solchen Hymnen begeistert werden konnte. Sieht doch schon ein Jahrhundert früher die jüdische Sibylle „das Gottesvolk erstarken und zum Lebensführer allen Sterblichen werden". — Wie die Sibylle, verkünden auch die Eingeweihten in den Oden „die Wahrheit aus der Eingebung heraus, die ihnen der Höchste eingegeben hat".31) „Ich bin ein Priester des Herrn", rühmt sich der Sänger unserer Oden, „und ich leiste ihm priesterlichen Dienst, und ich bringe ihm das Opfer seines Gedankens".32) „Hört mich und laßt euch erlösen, denn ich verkündige die Gnade Gottes unter euch, und durch meine Hände werdet ihr erlöst werden und selig sein."33) — „Ich sprudle Lob für den Herrn hervor, denn ich bin sein eigen, und ich will sein heiliges Loblied vortragen."31) — „Ich wurde einer von den ihm Nahestehenden, und mein Mund öffnete sich wie eine Tauwolke, und mein Herz sprudelte wie ein hervorbrechender Strom der Gerechtigkeit."3") Und auf welchem Wege will der Dichter unserer Oden das Werk der Menschenerlösung fördern? Auf demselben, denj die übrigen Weisheitsl-ehrer und Apokalyptiker einschlagen. Sie alle sind mit heißem Bemühen an der Arbeit, das Wort der Propheten: „Voll sein wird die Erde der Erkenntnis Gottes, wie die Wasser die Meerestiefen bedecken",30) zur Wahrheit zu machen: Licht zu verbreiten und Finsternis zu verscheuchen; Erkenntnis auszugießen wie Wasser! Und da er die Saat, die die Auserwählten Gottes in der Welt ausgestreut, ungeachtet aller Hemmnisse und Widerstände kräftig in die Halme schießen sieht, jauchzt er auf: „Ausgegangen ist ein Bach und ist zu einem großen und breiten Strome geworden, denn er hat alles überschwemmt und niedergerissen und zum Tempel gebracht;37) und die Hindernisse der Menschen vermochten ihn nicht zu hemmen, auch nicht die Künste derer, die das Wasser dämmen, denn er ist über die Oberflächie der ganzen Erde gekommen und hat alles angefüllt, und alle Durstigen auf Erden haben getrunken, und der Durst ward gestillt und gelöscht, denn vom Höchsten ist der Trank gegeben. Selig sind also die Diener dieses Trankes, denen sein Wasser anvertraut worden ist, sie haben die trockenen Lippen erquickt und den Willen, der kraftlos geworden war, wieder aufgerichtet; und die Seelen, die nahe daran waren, abzuscheiden, haben sie vom Tode zurückgehalten; und nj Ode 17 7 -15. — 30) Jos. Bell Jud. VH. 3. 3. — 31) Ode 1819. — ")20i. — ")339. — »*, 26i_a. — «) 366; 404-5 Cf. Deuterom. 32*-3. — 36) Jes. 119; Habak. 214. — 3T) Cf. Orac. sib m, 715 ff; 782—795.