Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 10 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 „Neue National-Zeittmg" Seite 7 Meine Augen lesen das und meine Ohren hören es und doch hasse ich diesen politischen Schwindel, diesen gemeinen Betrug, daß ich es für meine nationale Pflicht erachte, derartige Machinationen öffentlich zu brandmarken. Man wird mich wahrscheinlich einen Abtrünnigen nennen, wenn ich es wage, unsere politischen Götzen anzugreifen, wenn ich den Mut habe, öffentlich zu erklären, daß ich durchaus kein Glück darin für die Juden sehe, wenn die Zionisten mit Hilfe der Ruthenen zwei, sogar drei Mandate erobern und im Parlamente einen „Klub" aus drei oder vier Mitgliedern schaffen, wenn ich öffentlich erklären werde, daß dies alles nur eine Selbsttäuschung ist und unsere nationale Bewegung schädigt — man wird mir dafür Steine nachwerfen, daß ich dies alles öffentlich erkläre." Selbstverständlich beuten die polnischen Blätter unter der Aufschrift „Ein Zionist gegen die zionistische Politik" diesen Artikel aus, was ihr gutes Recht ist. Das Auffallende aber ist, und dies veranlaßt uns, auf den Artikel zurückzukommen, daß die zionistische Presse in Galizien, speziell das „Tagblatt", welches in gemeinster Weise jeden jüdisch-nationalen Kandidaten anpöbelt, wenn er nicht vom Lemberger Komitee geeicht ist, d i e s e n A r t i k e 1 ganz verschweigt und nicht einmal dagegen polemisiert, wiewohl dieser Artikel ganz darnach ausschaut, wie wenn er seitens der Moszkos bestellt wäre. Allein im jetzigen Wahlkampfe darf uns nichts wundern. Für die Lemberger Herren sind der Statthalter und die Hausjuden sacrosanct und sie stürzen sich mijt ihrem Wutgeheul nur auf diejenigen, welche ihr unter nationaler iVlaske verhülltes Strebertum entlarven. Wir möchten aber doch noch weiter fragen: „Wie ist es möglich, daß der ständige Mitarbeiter des zionistischen Zentralorganes die Politik der galizischen Zionisten in einem zionistischen Blatte angreift?" Wie kommt es, daß auf diesen Artikel gar nicht geantwortet wird? ... * * * Ein Preisrätsel für Herrn Adolf Stand. Das polnische Blättchen des Herrn Stand, „Wschöd", nennt in seiner letzten Nummer den Dr. Landau einen „politischen Abenteurer". Wir erlauben uns mm an Herrn Ex-Abgeordneten Adolf Stand folgende Anfrage zu richten: Wenn Dr. S. R. Landau, welcher den Doktortitel erworben hat und Advokat ist, von diesem Erwerbe lebt und seine freie Zeit sowie sein erspartes Geld für die Erhaltung einer jüdischen Zeitung, für die Herausgabe jüdischer Broschüren, für zahlreiche Reisen, nach Paris (im Interesse der jüdischen Bergarbeiter von Boryslaw), nach Schlesien (im Interesse der jüdischen Kolonie Machnajim) ausgegeben hat, usw. ein politischer Abenteurer ist — wie nennt man einen Mann, welcher zu faul war, um auch nur eine einiige Staatsprüfung zu machen, welcher in seinem Leben nie gearbeitet und nichts verdient hat, weil ihm seine Eltern ein Vermögen hinterlassen haben, und welcher ein politisches Mandat deshalb anstrebt, weil er ohne dieses Mandat nichts, höchstens ein entgleister Student wäre? * * * „Unser Programm." In demselben Artikel des „Wschöd* lesen wir: „Wir werden mit aller Konsequenz Personen bekämpfen, die sich unter unser Programm stecken. „Unser Programm!" Wessen oder welches Programm soll damit gemeint sein? Vom „Wschöd" ist uns nicht bekannt, daß er irgend ein Programm hätte. Die zionistische Partei hat allerdings im Jahre 1897 von einer Siebener- Kommission, in der auch Dr. S. R. Landau gesessen ist, das Baseler Programm erhalten, allein im Baseler Programm steht nichts von einer inneren politischen Betätigung, resp. von einer Gegenwartspolitik. Was meint also der „Wschöd" mit „unser Programm?" Meint er etwa ein jüdischnationales innerpolitisches Programm? Aber dieses existiert ja nicht! Die zionistische Partei ist eben bis jelzt noch gar nicht dazu gekommen, ein politisches Programm zu emVwerfen. Im Monate April hat Dr. Michael Ringel dem Dr. S. R. Landau erzählt, daß er (Dr. Ringel) sich vor einigen Monaten an Herrn Adolf Stand wegen Abfassung eines Parteiprogrammes gewendet hat. Herr Stand, dessen Bequemlichkeit ja bekannt ist, meinte damals: Wir haben ja noch 2 Jahre Zeit .... Dem Herrn Stand haben also 4 Jahre seines Abgeordnetenmandates noch nicht genügt, um ein Parteiprogramm zu verfassen. Wie borniert klingt demgegenüber die großtuerische Aeußerung, daß Dr. S. R. Landau sich unter „unser Programm" stecke. Wir sind dagegen in der Lage, bei dieser Gelegenheit eine sehr interessanteEpisode der jüdischen Oeflentlichkeit mitzuteilen. Als im Jahre 1908 der Jüdische Klub sich beim Ministerpräsidenten Baron Beck vorstellte, fragte dieser den Obmann des Klubs, Herrn Dr. Straucher, nach dem Programm des Klubs. Dr. Straucher geriet in die größte Verlegenheit und zitierte nun als Programm die von Dr. S. R. Landau in seiner Broschüre: „Der Polenklub und seine Hausjuden" entworfenen programmatischen Bestrebungen der Jüdischnationalen. Es hat daher Dr. Landau nicht notwendig, sich unter das Programm von Leuten, die Abgeordnetenmandate an sich reißen und sich dann auf die faule Haut niederlegen, zu verstecken. Die Herren vom „ Wschöd" können mit derartigen Entstellungen wohl Gymnasiasten, aber nicht reife Bürger täuschen. WAHLBEWEGUNG. Der neueste Hansjude. Krakau, Mitte Mai. Also, Dr. Adolf Groß ist doch in die Laube gegangen. Die Partei der „Unabhängigen Juden* gibt ihrem Kandidaten den Freibrief zum Eintritt in den Polenklub und schaufelt sich damit das eigene Grab. Der Entschluß des Dr. Groß ist psychologisch sehr interessant. Vor vier Jahren hat er in schwerem Kampfe gegen den Kandidaten des Kahals das Mandat erobert; die Wählerschaft trat begeistert für ihn ein, weil er dem Polenklub nicht beizutreten erklärte. Seitdem ist Dr. Groß bequem geworden, er will keinen Kampf riskieren, er fürchtet wohl auch, in einem Kampf zu unterliegen und so zieht er es vor, in den Polenklub einzutreten, um den Preis, daß der Kahal keinen Gegenkandidaten aufstellt. Die Erklärung des Dr. Groß kommt den Wählern ganz plötzlich; auf eine solche Fahnenflucht des Mannes, der zu den intimsten