Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 10 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ,Neue National-Zeitung" Nr. 10 aufgetreten ist, jetzt plötzlich die Friedensschalmei bläst und warum sich in der Oeffentlichkeit beharrlich das Gerücht erhält, daß ein so schwacher Kandidat wie Dr. Ringel, ein Mann, der sowohl im Wahlkreise, wie in ganz Galizien unbekannt ist, äußerlich gar nichts repräsentiert, der eigentlich jetzt in erster Linie seine Advokatursprüfung zu machen hätte, gegen den offiziellen Kandidaten, gegen den Vizebürgermeister von Tarnopol, Dr. Landesberg, nur deswegen aufgestellt wird, damit Dr. Landesberg wieder in Tarnopol die Kandidatur Stands fördere. Es ist das Bemerkenswerteste des bevorstehenden Wahlkampfes, daß die zionistische Partei in Galizien nicht mehr den moralischen Mut und den Trotz wie im Jahre 1907 besitzt, sondern sehr viel auf die Gnade und das Wohlwollen des Statthalters setzt. Herr Frostig, der Redakteur des „Tagblatt", hat in der Wählerversammlung des Dr. Landau den Statthalter gegen die Angriffe des Dr. Landau in Schutz genommen. Zionistische Agitatoren als Schutztruppe Bobrzynskis, das ist auch ein interessantes Merkmal dieser Wahlkampagne. * * * Der Wahlkampf in Sniatyn. (100 Kronen für eine zionistische Partei-Kandidatur.) Ein Wähler aus Sniatyn schreibt uns: Wenn man die Berichte des Lemberger „Tagblatt" über den Stand der Wahlagitation bei uns liest, so würde man sicher glauben, daß der zionistische Kandidat schon alle Stimmen unserer Bürger in der Tasche hat. Inzwischen enthalten diese Berichte zumeist direkte Lügen und Erfindungen. Als Vertreter unserer Stadt bei der Vertrauensmännerversammlung des Dr. Zipper in Buczacz sind zwei Herren erschienen (Margulies und Toker), welche die einzigen stimmberechtigten Zionisten in unserer Stadt sind. Auf welchem Niveau Herr Margulies steht, sehen wir am besten daraus, daß er sich dem Dr. Landau durch eine Mittelsperson erboten hat, für 100 Kronen nachLemberg zu reisenund fürihn dort beim zionistischen Zentral-Wahlkomitee die Bestätigung seiner Kandidatur zu erwirken, ein Ansinnen, welches Herr Dr. Landau entschieden zurückgewiesen hat. Derselbe Herr Margulies war einmal Präsident des hiesigen zionistischen Vereines, mußte aber die Stelle niederlegen; Herr Toker wurde aus diesem Vereine ausgeschlossen. Warum? . . . So schauen die hiesigen „zionistischen Vertrauensmänner" aus, mit welchen Dr. Zipper seinen Kandidaten proklamiert hat. Eine faustdicke Lüge des „Tagblatt" war es auch, daß sich der Abgeordnete Stefanyk bereit erklärt hat, mit den ruthenischen Wählern den Kandidaten des Dr. Zipper am Bahnhofe zu erwarten. Die ruthenischen Wähler haben überhaupt noch in keiner Weise zu den Wahlen in diesem Bezirke dezidierte Stellung genommen und dürften wahrscheinlich eher einen eigenen Kandidaten aufstellen, als dem Doktor Ringel ihre Stimmen geben. Die Sprengung der Versammlung Dr. Landaus durch halbwüchsige Burschen unter Führung Frostigs hat für deren Kandidaten jedoch durchaus keine Stimmung gemacht und die meisten Bürger sind sich darüber klar, daß eine Partei, die in dieser gewaltsamen Weise die Redefreiheit verletzt, sehr wenig vertrauenerweckend ist. Große Entrüstung hat es jedoch hervorgerufen, daß der Rädelsführer der die Versammlung sprengenden Mittelschüler und Redakteur des „Tagblatt" Moses Frostig in seiner Antwort auf die Rede des Dr. Landau, welcher den Statthalter wegen der Vernichtung von Tausenden jüdischer Schenker angriff, folgendes erwidert hat: „Nicht der Statthalter ist an unserem Unglücke schuld, sondern die Finsternis, der Chassidismus. Gebt's dem Volke Licht, gebt's ihm Kultur und es wird ihm besser gehen." Herr Frostig wäre für die Provokation beinahe durchgeprügelt worden, wenn ihn nicht Dr. L andau und Dr. Sinnreich geschützt hätten. Jener Passus hat uns viel zu denken gegeben, da wir uns stets vorgestellt haben, daß die zionistische Partei eine nationale und Wirtschaftspartei ist, daß sie dem Volke materiell helfen will, nicht daß sie einen Kulturkampf in dem ohnedies zerklüfteten Galizien heraufbeschwören will1. Der zionistische Redakteur hat eben etwas zu viel aus der Schule geschwatzt, was ihm bei seiner Jugend allerdings nicht verargt werden kann. Die jüdischen Wähler werden sich aber fragen, ob sie sich dazu mißbrauchen lassen werden, einen religiösen Kampf zu entfachen, bloß um im Interesse einiger Streber Tatsachen vertuschen zu lassen und dem Statthalter, der Tausenden jüdischen Familien ihr : ehrliches Brot weggenommen hat, ein gutes Zeugnis auszustellen, Wenn die zionistische Partei bisher für die galizischen Juden gar nichts erwirkt hat, so ist daran nicht die Finsternis, nicht der Chassidismus, sondern die Bequemlichkeit ihrer „Führer" schuld, die sich wohl ins Parlament wählen lassen und Diäten beziehen, aber die nichts tun und trotzdem sie sehr reich sind, für das Judentum nicht das mindeste Opfer bringen. Jetzt will man „die Finsternis" für alles verantwortlich machen. So dumm sind aber unsere Wähler doch nicht, um sich täuschen zu lassen. * * * Der „Hazefirah" über die Reichsratswahlen in Galizien. In der polnischen Presse wird jetzt mit großem Eifer ein Artikel ausgebeutet, welchen Herr Dr. Simon Bernfeld, der bekannte Vielschreiber über alles mögliche und Mitarbeiter der „We 11", im hebräischen Tagblatte des Zionisten Sokolow „Hazefirah" unter dem Titel „Die jüdische Politik in Galizien" veröffentlichte. Dieser Artikel wendet sich gegen die politische Betätigung der galizischen Zionisten sowie insbesonders gegen die Allianz mit den Ruthenen. Der ständige Mitarbeiter der „Welt" schreibt über die galizischen Zionisten folgendes: „Wir lesen in der letzten Zeit ellenlange Berichte über die Tätigkeit des Jüdischen Klubs und was dieser Klub, der aus 4, respektive 3 Mitgliedern bestanden hat, für die Juden geleistet. Es wird erzählt, daß dieser Klub geradezu europäische Geschichte gemacht habe ...