Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-05-19 · Heft 10 (19.5.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 10 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425840--2028-2428429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 zionistische Partei so tief gesunken ist, daß sie jetzt die Wahl ihres Kandidaten von der Gnade des Bürgermeisters Bernard Stern abhängig macht, dem sie vor drei Jahren die schweren Verbrechen und Ehrlosigkeiten vorgeworfen hat, und zwar in dem Tagblatte, dessen Herausgeber derselbe Dr. Ringel ist. Jedenfalls ist es recht merkwürdig, daß gerade in diesem Wahlkreise die Lemberger Herren zuerst ihren Kandidaten nominiert haben. Sie haben eben gesehen, daß sie ihrer Sache nicht mehr sicher sind, und wenn General Zipper zu derartigen niedrigen terroristischen Mitteln greifen mußte, um für seinen Kandidaten Stimmung zu machen, so ist das auch ein Beweis dafür, daß es mit der Popularität seines Kandidaten sehr schlecht bestellt ist. Niemand kennt diesen Mann hier und man ist auch nicht gesonnen, sich ihn aufdrängen zu lassen — nicht einmal vom „General" Zipper. EinWähler. * * * Zionistische „Solidarität". Man schreibt uns aus Czernowitz: Wie ich in den Lemberger zionistischen Blättern lese, wird dort anläßlich des Kampfes im 32. Wahlkreise sehr viel von Einigkeit und Solidarität gesprochen und es wird allerseits im Namen dieser Solidarität gefordert, daß nur Kandidaten, die vom Lemberger Zentral-Wahlkomitee aufgestellt werden, von der jüdischen Wählerschaft anerkannt werden, wobei auch gefordert wird, daß jeder Kandidat sich verpflichtet, dem jüdischen Klub beizutreten. Nun geschieht etwas Merkwürdiges. Bei der Aufstellung von Kandidaten für den jüdischen Klub wird der Obmann des jüdischen Klubs, der älteste jüdisch Nationale Abgeordnete in Oesterreich, Dr. Straucher, gar nicht einmal gefragt. Man fragt ihn gar nicht, wenn es sich um die Bestellung von Kandidaten handelt, mit denen er zusammen im Jüdischen Klub sitzen soll. Und diese Leute sprechen von — Solidarität. Das darf uns nicht Wunder nehmen, wenn wir in Betracht ziehen, in welcher Weise Dr. Straucher von seinen Kollegen im Jüdischen Klub, insbesondere von Herrn Stand, mißachtet und bloßgestellt wird. Den traurigsten Beweis eines Mangels der Solidarität hat jedoch das Lemberger Zentral-Wahlkomitee dadurch gegeben, daß es den Löbel Taubes als Parteiagitator in seine Dienste genommen und ihm eine Kandidatur versprochen hat, demselben Löbel Taubes, welcher hier ein geradezu schändliches Pamphlet gegen Dr. Straucher veröffentlicht hat. Darin hat Taubes dem Dr. Straucher sogar die schwersten Verbrechen angedichtet. Löbel Taubes hat für den Krakauer „Tug", welcher im Lemberger Tagblatte als Organ des Löwenstein hingestellt wird, Korrespondenzen und Artikel geschrieben, und derselbe Löbel Taubes, der Korrespondent und Mitarbeiter der „Tug", der Pamphletist gegen Dr. Straucher, den Obmann des Jüdischen Klubs, wurde vom Lemberger Zentral-Wahlkomitee des Herrn Dr. Zipper als Parteiagitator angeste 11t. Wenn nun Taubes erzählt, daß er zur Kampagne gegen Doktor Straucher von Stand animiert wurde, so weiß man wohl nach dem Vorhergehenden, was man davon zu halten hat. , Ich will Ihnen noch eine traurige Episode mitteilen, welche Ihnen beweisen wird, wie die Herren in Lemberg die zionistische Solidarität nach eigener Willkür interpretieren. Die hiesige „Neue illustrierte Zeitung" hat eine Spezialnummer für Dr. Straucher anläßlich seines 25jähr. politischen Jubiläums herausgegeben. In dieser Spezialnummer, die großartig ausgefallen ist, hat weder ein Wiener, noch ein Lemberger Zionist trotz erfolgter Einladung eine Arbeit veröffentlicht. Herr Stand hat auf die an ihn ergangene Einladung nicht einmal geantwortet. Nun mögen die Lemberger Herren noch weiterhin von Solidarität erzählen; wir haben oben gezeigt, was davon zu halten ist. Wenn diese Herren den Kampf für den Jüdischen Klub in der Weise einleiten, daß sie den Obmann dieses Klubs beschimpfen, dann haben sie auch ihre eigene zersetzende Tätigkeit am besten charakterisiert. Sie haben jedes Recht verloren, das Wort „Solidarität" im Munde zu führen. * * * Wie das „Tagblatt" kämpft. Das Lemberger „Tagblatt", welches jetzt von einem Spezialisten für den Viehhandel redigiert wird, macht dem Berufe seines Redakteurs alle Ehre. Es herrscht darin die Tonart eines Viehmarktes und ein wahrer Stallgeruch, daß sich jeder Jude nur mit Ekel davon abwenden muß. Allein die Herausgeber dieses Blattes, Dr. Zipper und Dr. Ringel, scheinen sich in dieser Atmosphäre sehr wohl zu fühlen; jedenfalls dürften sie die Lügen und Entstellungen des Blattes gutheißen. Denn Dr. Zipper selbst hat in der Vertrauensmännerversammlung in Buczäcz; bewiesen, daß er von gar keiner Verlogenheit zurückschreckt. Dr. Zipper hat in dieser Versammlung erklärt, er könne es dem Dr. Landau nie verzeihen, daß er dem Dr. Herzl das Leben „verbittert" habe. Nun wäre folgendes zu bemerken. Vor vier Jahren, anläßlich der vorigen Reichsratswahlen, war Dr. Zipper ebenfalls Herausgeber des Tagblattes und damals war es ihm ganz recht, daß Dr. Landau vom Tagblatte eingeladen wurde, einen Artikel für dasselbe zu schreiben, „von dem wir (das Tagblatt) in unserem so schweren Wahlkampfe uns ernsten Vorteil versprechen." Hier folgt der Brief: „Tagblatt." Lemberg, am 25. Februar 1907. Wohlgeborner Herr Dr. Saul Rafael Landau, Wien, I., Zelinkagasse 11. Wir haben die Ehre an Euer Wohlgeboren mit dem ergebenen Ansuchen heranzutreten, für unser „Tagblatt" gefälligst einen Artikel schreiben zu wollen, von dem wir in unserem so schweren Wahlkampfe uns ernsten Vorteil versprechen. Es handelt sich uns darum, vonlhrerFeder eine Arbeit bringen zu können, in der Sie alle kulturellen, sozialen, materiellen usw. Schäden besprechen, die uns seit Beginn der Konstitutionsära beziehungsweise seit dem Einflüsse des Polenklubs im Parlamente durch diesen Klub geworden sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.