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Neue Nationalzeitung · 1911-05-19 · Heft 10 (19.5.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 10 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite, 2 ,Neue National-Zeitung" Nr. 10 zu transponieren, das hat Johannes nicht durch dieses mechanische Mittel, sondern durch eine einheitliche Konzeption und daher in einem viel höheren Maße erreicht! Er hat den synoptischen Christus mit dieser Religion von Licht, Liebe, Leben verschmolzen und in ihm begründet!"1) Und welche Lehren will Harnack aus diesen Oden gezogen wissen? „Wir lernen", sagte er, „aus den Oden in einem entfernten Zweige des Judentums einen religiösen Individualismus kennen, wie wir ihn bisher kaum geahnt haben und jedenfalls in dieser Stärke nicht zu belegen vermochten. Daß dieser Individualismus in seiner Freiheit von aiuem Mythischen — das ist vielleicht das Frappanteste — und Zeremoniosen, in seiner spirituellen Reinheit und. seiner relativen Loslösung von der nationalen Religion eine wichtige Vorstufe des Christentums ist, ist klar. — Wir lernen aus diesen Oden, daß die Konzeption von Licht, Wahrheit, Leben, von Glaube, Liebe, Hoffnung, von Erkenntnis und Unvergänglichkeit, von Prädestination und neuer Geburt — nicht christlich, sondern bereits vorchristlich sind. Wir lernen aus den Oden, da'ß es auch in Palästina ein r eligiös sehr hochstehendes Judentum gegeben hat, das (ähnlich wie Philo) von messianischen Gedanken kaum berührt gewesen ist, welches messianische Ideen nicht brauchte, um Trost und Frieden zu gewinnen, da es auf der Linie der jüngeren kanonischen Psalmen Gotteserkenntnis, Gottesnähe, Erlösung, Wiedergeburt und Seligkeit bereits gefunden hatte."2) Wie man sieht, ist Harnack höchlichst frappiert, in diesen neu aufgefundenen Oden ein jüdisches vorchristliches, zum mindesten abseits , vom Christentum entstandenes Geistesprodukt erkennen zu müssen, welches schmetternd den bevorstehenden Anbruch der messianistischen Religion verkündet. Mir aber, der ich seit mehr als zwei Dezennien unentwegt auf ein solch vorchristliches weitausgreifendes Judentum hinweise, gereicht dieser Fund, welchem sicherlich noch andere folgen werden, zur großen Satisfaktion. Und nicht von einem „entfernten Zweig des Judentums" wie Harnack meint, rühren die Oden her, sondern von einer großen, weitverzweigten Familie, die sich seit den Propheten und Spruchdichtern, insbesondere seit Sirach unter dem herrschend gewordenen griechischen Geiste entwicklte: in Aegypten wie in Kleinasien; in Syrien wie in Peräa; in Athen wie in Rom. Der unbefangene Forscher muß sich jedoch billig fragen, wohin das Judentum geraten, zu welchem die Verfasser der jüngeren kanonischen Provsrbien und des Koheleth gesprochen, die schon völlig von der Nation absahen und nur das Individuum im Auge hatten, das Zeremonialgesetz kaum mehr berührten und nur Gottesfurcht und Sittenlehre predigten? Wohin das Judentum des in demselben Geleise nach vorwärts sich bewegenden Volkslehrers Sirach, der der Allgemeinheit zustrebenden Verfasser der Weisheit und der sibyllischen Orakel, der Lehrer der jüdisch-hellenistischen Schule? Wohin das Judentum der vorchristlichen Apokalistiker? Und eine andere Literatur hatte doch das Judentum in den drei letzten vorchristlichen Jahrhunderten nicht! Ist es da nicht das Natürlichste, daß dieses Weltjudentum in die Weltreligion, die es vorbereitet und auf die es mit allen Segeln lossteuerte, schließlich ausmündete? ') S. 99. — *) ib. S. 118 ff. ' Und erklärt sich damit nicht aufs einfachste die so erstaunlich rasche, an den entferntesten Enden schier gleichzeitig erfolgte Ausbreitung des Christentums? Es ist ja, wenn auch unter manchem Vorbehalte, im allgemeinen richtig, wenn Harnack behauptet, daß unsere Oden, „die keinen Zusammenhang mit dem nationalen jüdischen Leben verraten, für die das ganze Zeremonienwesen einfach nicht existiert und die ebensowenig von dem Gesetze und seinen Geboten sprechen wie von Moses, David und Israel, nicht dem vulgären palästinensischen Judentum zugesprochen werden können.3) Aber das gleiche gilt ja auch von den Sprüchen Sirachs, von der Weisheit Salomos, der Sibyllistik, den Apokalypsen und der gesamten nichtpharisiäischen palästinensischen Literatur der ganzen Periode! Und was bleibt an jüdischer Literatur aus jener Zeit noch sonst zurück, das zu der Behauptung berechtigen dürfte, dieses „vulgäre palästinensische Judentum" habe damals den Geist der jüdischen Nation beherrscht? Wir wenigstens suchen vergebens nach solchen Zeugnissen. Und endlich, so sehr verblaßt in unseren Oden das Verhältnis zum Gesetz, zur Nation, zu Israel scheint, verwischt ist es nicht. Schon die Sprache ist die der Propheten, Psalmisten und Weisheitslehrer, die sie völlig in sich aufgenommen und die sie meisterhaft im Licht einer neuen Zeit handhaben: Daß der Verfasser der Odern, wie ausnahmslos sämtliche Diasporajuden, für den Tempel noch warm empfindet, das haben die Herausgeber auf den ersten Blick erkannt und darauf ihre Behauptung, daß er ein Jude und daß die Oden noch zu Zeiten des Tempels verfaßt wurden, begründet. Doch leuchtet auch , sonst bei näherem Hinsehen aus den Gesängen hervor, daß er sich als Israeliten fühlt. Wie wäre es sonst zu verstehen, wenn er Gott in Bezug auf die Auserwählten sprechen läßt: „Und sie sollen nicht meines Namens beraubt werden, denn er ist mit ihnen."4) Da ist doch zweifellos Israel gemeint; wie es denn deutlich bei Sirach heißt: „Erbarme dich deines Volkes, o Herr, das nach deinem Namen genannt wird, Israel, das du als deinen Erstgeborenen betrachtest."5) Die Auserwählten sind nach denselben Oden jene, die das s Geheimnis Gottes empfangen und [durch dasselbe bewahrt worden sind, die Gott in Wahrheit erkennen und vor denen er sein Antlitz nicht abwendet; die Gott erkannt, ehe sie waren;0) die Gottes Eigentum und die er zu seiner Rechten gestellt,7) denen die Gnade gehört, die auf sie trauten denen die Liebe gehört, die sie besessen von Anfang an.8) — Wer kann da anders als Israel gemeint sein? Er fühlt sich als Sohn des alten, von Gott von Anbeginn auserwählten Volkes, das vor allen anderen Völkern sein Eigeatum war. Er spricht von 'schweren Verfolgungen, denen er, bezw. die Auserwählten, ausgesetzt war, aus denen er nicht nur heil he.rvorgegangen, sondern sogar zur Höhe der Erkenntnis gelangt sei, um zum Befreier der Gefangenen zu werden. „Und alle, die mich sahen, sagt er, „waren erstaunt und ich kam ihnen vor wie ein Fremder. Und der mich kannte und mich großgezogen hat . . . er hat mich mit Ehren bedacht und mekie Erkenntnis erhoben bis zur Höhe der Wahrheit, und von da an hat er mir den Weg seiner Satzungen gegeben, und ich habe die Türen geöffnet, die verschlossen waren . . ."°) - (Fortsetzung folgt.) 3) ib. S. 74. — 4) Ode 822. — 5) Sir. 36 12. — 6) Ode 8 n—n. — ') 8 21. — 8) 23 2-3. — 9) 176 ff.

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