Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 10 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N5Ü5 «OML-ZEiOJNG DfS.R.LäNDfiU XIII. JAHRGANG. WIEN, 19. MAI 1911. Nr. 10. Die neuentdeckten Oden Salomos*) Von Dr. M. Fri&dländer (Wien). Vorbemerkung der Redaktion. Wir beginnen hiemit die Publizierung einer eingehenden Würdigung der jüngst von dem Engländer H a r r i s entdeckten, für die Gesc-Mclite des vorchristlichen Judentums geradezu epochalen. „Oden Salomos", welche Ad. Harnack in deutscher Uebersetzung (aus dem Syrischen) mit eindringendem Kommentar ediert. Harnack äussert sich über alle Massen erstaunt über die überraschend hohe geistige und religiöse Entwicklung, die aus diesen Oden spricht, eine Entwicklung, von der mau bisher keine Ahnung gehabt habe, und er hat mit anerkennenswertem Flcisse die Interpolationen, welche später von christlicher Hand für den kirchlichen .Gebrauch vorgenommen wurden, herausgeschält und die rein jüdischen zutage gefördert. Wir haben lange ungeduldig darauf gewartet, dass diese Oden auf berufener jüdischer Seite die so sehr verdiente Würdigung finden werden. Doch vergebens! Des langen Wartens müde, entschlossen wir uns endlich, an einen Fachmann mit der Bitte heranzutreten, Stellung zu diesen Oden zu nehmen, um ihren hohen Wert einem grossen Leserkreis vermitteln zu können. Unsere Bemühungen waren von Erfolg und wir sind in der Lage, aus der Feder des bekannten Gelehrten Dr. M. F r i e d 1 ä n d e r in Wien eine in die Tiefe gehende Besprechung dieses denkwürdigen Fundes, welche auch polemische Stellung zu Harnacks Untersuchungen und Eesultaten nimmt, zu bringen, welche zweifellos das Interesse unserer Leser in hohem Masse erregen wird. *) Ein jüdisch-christliches Psalmbuch aus dem ersten Jahrhundert. (The Odes... of Salomou, now first published from the Syriac Version by J. Rendel Harris 1909.) Aus dem Syrischen übersetzt von Johannes Flemming, bearbeitet und herausgegeben von Ad. Harnack. Leipzig 1910. Die von J. R. Harris jüngst entdeckten, in englischer Uebersetzung aus dem Syrischen edierten Oden Sa;lomos, welche Harnack kritisch bearbeitet (1910) herausgegeben, sind von solcher Bedeutung für die Beleuchtimg der religiösen Bewegungen im Judentum des Zeitalters Jesu, daß sie die größte Beachtung nicht nur der jüdischen und christlichen Theologen, sondern der gesamten gebildeten Welt verdienen. Es sind rein jüdische, vom Christentum noch völlig uiiberührte Erzeugnisse, die nur später von christlicher Hand interpoliert wurden. Das hat Harnack so sorgfältig und erschöpfend dargetan, daß* wir darüber kein Wort mehr zu verlieren brauchen. Was hier aber noch zu leisten übrig bleibt, das ist, den Boden aufzusuchen, auf welchem diese Oden entstanden, den Verfasser und seine Gemeinde ausfindig zu machen. In seiner Untersuchung kommt Harnack zu folgenden Resultaten: „Die Oden stellen das Mittelglied dar, welches uns bisher fehlte, um von einem sehr wichtigen Strang der spätjüdischen Literatur zu den Voraussetzungen der Frömmigkeit und Theologie des Johannes zu gelangen, ohne den synoptischen, d. h. den geschichtlichen Jesus Christus auch nur zu streifen und ohne jeden Messianismus." „Kann uns" — so fährt Harnack fort — „eine ersehntere, wichtigere Kunde überhaupt gebracht werden? Aber noch mehr läßt sich sagen. Was der christliche Mterpolator der Oden durch seine Interpolationen bezweckt und bis zu einem gewissen Grade auch erreicht hat, nämlich diesen Komplex von Frömmigkeit und Theologie — diese höchste, bisher ungeahnte Blüte spätisraelitischer Religionsentwicklung, diesen hoch gesteigerten Individualismus — mit Christus in Zusammenhang zu setzen und ihn ins „Christliche"