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Neue Nationalzeitung · 1911-05-05 · Heft 9 (5.5.1911) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 9 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9 ,Neue National-Zeitung" Seite 7 f)ie Parlamenfswahlen in Galizien.*) Galizien erfordert eine besondere Würdigung. Nicht bloß weil es ein Fünftel der Abgeordneten — 106 — wählt und schon dadurch die Entscheidungen des Abgeordnetenhauses wesentlich zu beeinflussen vermag, sondern hauptsächlich deshalb, weil dort der Polenklub seine traditionelle Machtstellung unter schweren Kämpfen zu verteidigen haben wird, derselbe Polenklub, der seit der Aera Taaffe das Fundament einer jeden Regierungsmajorität gebildet und traditionell alle Staatsnotwendigkeiten bereitwilligst konzediert hat Wenn polnische, ja selbst Wiener Blätter schon jetzt, zu Beginn der Wahlbewegung, die Konfiguration des Polenklubs schildern, bevor die Wähler noch gesprochen haben, so bringen sie eigentlich bloß Hoffnungen und Wünsche zum Ausdruck, die an gewissen Stellen bestehen mögen. Die Wünsche gehen in erster Linie dahin, daß die Allpolen in verminderter, dagegen die Konservativen und Bauernparteiler (Stapinskis Verband) in vermehrter Zahl aus den Wahlen hervorgehen. Ob diese Wünsche in Erfüllung gehen werden, ist noch fraglich. Die Allpolen werden wohl einige Landgemeinden verlieren, dafür aber einige Städte erobern. Sie stellen in Rzeszow, Tarnow, Przemysl und Kolomea die Bürgermeister, in deren Händen sich der Wahlapparat konzentriert, als Kandidaten auf und heften damit den Sieg an ihre Fahne. Die Tatsache, daß in Kolomea, wo seit Beginn der Verfassung nur Juden (Dr. Landesberger, Rabbiner Schreiber, Dr. Bloch usw.) gewählt wurden, ein allpolnischer Kandidat mit Aussicht auf Erfolg das Mandat anstrebt, beweist eine starke Zuversicht der Partei. Die Partei Stapinskis dürfte einige Landgemefcidemandate der allpolnischen Partei und der Stojalowskischen Zentrumspartei abnehmen, so daß sie im Westen Galiziens die unbestrittene Herrin am flachen Lande sein wird. Die Konservativen können nur auf den Zuwachs der Minoritätsmandate Buczacz und Trembowla, wo an Stellei Dr. Gabeis und Dr. Mahlers die Grafen Badem jun. und Baworowski kandidieren, rechnen. Sie verlieren dagegen wahrscheinlich das Städtemandat Podgorze (Dr. v. Korytowski) und bestimmt das Städtemandat Zolkiew, wo der gewesene Vizepräsident Professor v. Starzynski nicht mehr auf die Protektion des Wunderrabbis von Beiz rechnen kann. Dieser Bezirk ist in seiner Majorität jüdisch. Bei den vorletzten Wahlen hat Statthalter Graf Potocki dem Wunderrabbi versprochen, daß die projektierte jüdische Religionslehrerschule in Lemberg nicht errichtet wird, wenn Starzynski das Mandat erhält, und Starzynski wurde gewählt. Jetzt grollt der Wunder- . rabbi. Die Schenkeirfrage hat auch unter seinen Anhängern schwere Verheerungen angerichtet und er verlangt vom Staathalter einen jüdischen Kandidaten. Die Ruthenen verfügten im aufgelösten Hause über 28 Mandate aus Galizien, respektive nach dem Tode Dr. Gabeis über 29 Mandate, Diese dürften ihnen erhalten bleiben. Aber untereinander werden sie sich bekämpfen. Die rührigen Radikalen unter *) Diesen Artikel hat unser Heransgeber in der „W i e n e r S o n n-'u nd Montagszeitung" vom 24. v. M. veröffentlicht, um der großen Oeffentlichkeit im Gegensatze zu den tendenziösen Berichten polnischer Korrespondenten in der Wiener Presse auch einmal im wahren Lichte die rgalizischen Wahlen" zu schildern. Die Redaktion. der Führung Dr. Trylowskis und Dr. Baczynskis werden in mehreren Bezirken den nationalen Ruthenen bäuerliche Kandidaten entgegenstellen — falls nicht ein Kompromiß zustandekommt und ihnen zwei neue Mandate konzediert werden. Die Russophilen werden als Anhänger Dr. Korols und Dr. Dudykiewicz' einander befehden. Ersterer hat sein Mandat in den Landgemeinden Zolkiew bereits gesichert. Dr. Dudykiewicz, der verbissenste Moskowit, der bei den vorigen Wahlen von den ukranischen Parteien in vier Bezirken zu Fall gebracht wurde, tritt jetzt mit günstigen Chancen in den Landgemeinden Brody- Sokal an Stelle seines Anhängers Dr. Markow auf. Wenn ich von den Wahlbewegungen in Galizien spreche, so kann ich wohl die Stellung der Juden schwer übergehen. Sie zählen 12 Prozent der Gesamtbevölkerung und bilden in den Städten das Gros der Wähler: bald als absolute, bald als relative Majorität. In den ostgalizischen Städten, wo das ruthenische Element zahlreich vertreten ist, haben sie gemeinsam mit den Ruthenen jedenfalls das entscheidende Votum. Auf diese Weise eroberten die Juden in Westgalizien zwei Mandate (Krakau-Judenviertel und Przemysl), in Ostgalizien sechs (Drohobycz, Tarnopol, Zloczow, Brody, Kolomea und Lemberg-Judenviertel). Die städtischen Mandate von Zolkiew mit 60 Prozent jüdischer Bevölkerung, von Buczacz und Brzezany mit jüdisch - ruthenischen Majoritäten wurden nur durch Terrorismus und Wahlmißbräuche den Juden entrissen. Bei freien Wahlen wären den Juden mindestens 11 Mandate sicher. Diese Eventualität wird jetzt von gewissen Kreisen befürchtet. Noch mehr wird befürchtet, daß die Mehrheit der Gewählten sich dem Jüdischen Klub anschließen könnte. Denn die jüdische Bevölkerung, speziell in Ostgalizien, hat allen Grund, mit den bisherigen Verhältnissen unzufrieden zu sein. Das rücksichtslose Vorgehen in der Schenkerfrage hat Zehntausende Existenzen ruiniert und die brotlosen Landjuden vermehren nun den ohnedies schrecklichen jüdischen Pauperismus in den Städten. Die jüngst vom Landesausschuß veranstaltete Enquete über die Lage des jüdischen Proletariats ist ohne jeden praktischen Erfolg geblieben, wie es in Ihrem Blatte auch vorhergesagt wurde. Die Massen der jüdischen Wähler gehören diesem verhungerten, verzweifelten Proletariat an. Das wissen die maßgebenden Faktoren in Galizien sehr genau. Sie ziehen aber daraus noch immer nicht die richtigen Konsequenzen. Rechnen sie denn noch immer auf ihre verläßlichen „Polen mosaischer Konfession", die sich ihnen jetzt mehr denn je als Kandidaten anbiedern? Rechnen sie auf die Geheimnisse der Wahlurne? Pochen sie auf ihre Macht, die ihnen die Möglichkeit gibt, in den Wahlkommissionen willkürlich zu entscheiden? Warum müssen denn gerade in jüdischen Bezirken die allerkonservativsten Mandatsbewerber, die nirgends durchdringen können, forciert werden? Bei den vorigen WTahlen hat es sich gezeigt, daß die Juden politisch reif und selbstbewußt geworden sind, daß sie entschlossen sind, sich mit den Ruthenen zu liieren, um sich als freie und gleichberechtigte Staatsbürger durchzusetzen. Eine solche elementare Bewegung kann man durch Machtmittel aufhalten, aber nicht niederringen. Das sollte man an maßgebender Stelle einsehen. Dann würde man auch den Weg finden zu den wirklichen Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung

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