Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 9 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .Neue National-Zeitun?" Nr. 9 war er noch anderer Ansicht. Er hielt eine Versöhnung mit mir für dringend geboten und schickte mir Mittelspersonen ins Haus, um sie anzubahnen. Nach der grandiosen Massendeputation der Schenker trat er im Marmorsaal des Parlaments auf mich zu und apostrophierte mich: „Herr Doktor, wir waren einmal gute Freunde, sind wir es wiederum." Da lobte er in allen Tonarten meine journalistische Feder und meine politische Erfahrung; er erklärte mich für unentbehrlich. Er hat sogar für die Passah-Nummer dieses Blattes einen Leitartikel verfaßt, dessen Veröffentlichung nur deshalb unterblieb, weil ich es ablehnte, meine bisherige Haltung gegenüber dem Klub zu desavouieren. Bei der jedesmaligen Unterredung kam Herr Stand spontan auf die Frage meiner Kandidatur zu sprechen und erklärte wörtlich: „Sie wollen doch gewiß kandidieren und dann wird Sie ja unsere Partei unterstützen. Wir werden von allen Seiten eingekreist und 'es istdaherfür uns eine Lebensfrage, daß Witf allle Natjon/aljuden fest zm sia mmienjh alten," Es wurde sogar ausdrücklich der Bezirk genannt: der Wahlkreis 32. Die entgegengesetzte Behauptung des Herrn Stand steht mit der Wahrheit im Widerspruche. Dies geht am besten aus dem Briefe des Herrn Moriz Frühling hervor, den wir an anderer Stelle veröffentlichen. Allerdings konnte Herr Stand glauben, daß er die Dienste des Blattes noch durch zwei Jahre werde in Anspruch nehmen können, bis er in die Lage käme, sein Versprechen zu erfüllen. Die unerwartete Auflösung des Parlamentes hat diese Kombination zerstört. Und Herr Stand hält sein Versprechen— indem er mich bekämpft oder aber bekämpfen läßt... Der Kampf, der gegen mich geführt wird, soll hier der Oeffentlichkeit näher dargestellt werden. Er ist sehr bezeichnend für das Niveau, auf dem sich die zionistische Presse in Lemberg und deren Inspiratoren befinden. Die jüdische Oeffentlichkeit mag entscheiden, wie es mit der Wahrheitsliebe und der Moral jener Kreise bestellt ist, die für sich das Recht in Anspruch nehmen, die jüdischen Volksmassen zu erziehen und zu führen. Das Lemberger „Tagblatt" sucht mich mit der konsequenten Bezeichnung „Datsch" oder „Wiener Datsch" zu verspotten; Lemberger Agitatoren erzählen im Wahlkreise, daß ich dem Polenklub beitreten wolle; Schulknaben werden in Ermangelung von gefügigen Wählern mit Stöcken bewaffnet und dazu mißbraucht, meine Wählerversammlungen zu sprengen. Mit diesen Waffen der Verlogenheit und des Terrorismus kämpfen Organ und Agitatoren der Partei, die sich zionistisch nennt ... Meine Entschlüsse können durch solche Mittel nicht beeinträchtigt werden. Für mich ist in erster Linie der Wille der jüdischen Wähler maßgebend. Diesem allein werde ich mich fügen. Und die jüdischen Wähler des Wahlkreises 32 haben mir zum großen Teile ihre Sympathien ausgedrückt. Sie wissen genau, daß ich kein „Wiener Datsch" bin — es wäre dies auch keine Schande — sondern ein polnischer Jude, der auf zahlreiche in Rußland und Galizien durch ihre rabbinische Autorität berühmte Urahnen zurückblicken kann, daß ich diese meine Zugehörigkeit zu Galizien stets betont habe, und zwar nicht bloß in Worten, sondern durch eine über 20jährige unermüdliche den Aermsten unseres Volkes gewidmete Tätigkeit. Diese verletzend und herabsetzend sein sollende Betitelung „Wiener Datsch" zeigt, daß der Schreiber des „zionistischen" Tagblattes schon ziemlich bei der antisemitischen Presse gelernt hat. Denn er möchte ja am liebsten schreiben „Wiener Jud" — dazu ist er aber doch noch nicht schamlos genug. Er stellt sich lieber dumm und nennt den Begründer und Präsidenten des „Verbandes der östlichen Juden" einen „Wiener Datsch". Der Gipfel politisch er Intrigue ist aber erreicht, wenn der angebliche Abgesandte des Zionistischen Zentralkomitees, ein Herr Dr. Spindel, seines Zeichens Advokaturskandidat aus Lemberg, in einer Buczaczer Versammlung erzählt hat, ich hätte versprochen, in den Polenklub einzutreten. Man schreibt mir aus Buczacz, daß diese Erzählung von den Wählern mit Hohngelächter aufgenommen wurde. Denn jeder, der kein politischer Analphabet ist, weiß in Galizien, daß ich, seitdem ich vor 22 Jahren als Hörer der Krakauer Universität journalistisch und politisch tätig wurde, nur jüdisch-national wirke, daß ich stets die Hausjuden — dieses Epitheton habe ich zuerst im Jahre 1893 in. der Wochenschrift „Zeit" geprägt — aufs schärfste bekämpft habe. Und im Jahre 1895, als der Abgesandte des Zionistischen Zentralkomitees noch kurze Höschen trug, bin ich vom Kuratorium der Wiener Israelitisch - theologischen Lehranstalt als Dozent für polnische Sprache und Literatur dafür entlassen worden, weil ich in der „Zeit" den Kurator Dri Byk und den Polenklub etwas unglimpflich behandelte. Diese Maßregelung bedeutete für mich die Vernichtung meiner wirtschaftlichen Existenz; ich stand damals ohne jeden Erwerb da und doch hatte mich diese Eventualität nicht abgeschreckt, meine Pflicht zu tun. Und nun kommen Leute, die für das Jüdentum und für ihre Ueberzeugung nie ein Opfer gebracht haben, die beim Statthalter Bobrzynski antichambrieren und mit den Polen liebäugeln — und diese Leute werfen sich mit den Waffen der niedrigsten Verleumdung zu Richtern über meine im Feuer eines 22jährigen Kampfes erprobte jüdischnationale Gesinnung auf. So beschränkt sind in Galizien die jüdischen Wähler nicht, um sich derart bevormunden zu lassen, um dem erstbesten Ehrabschneider zu glauben. Die Gründe, weshalb die Herren von der Lemberger Parteileitung den Kampf in einem durch die polnische Kandidatur gefährdeten und durch den Terrorismus berüchtigten Wahlbezirk gegen mich aufnehmen, ist mir weder bekannt noch erklärlich. Seine Gründe sind aber gewiß nicht sachlich; das beweist die persönliche Fehde und die Mittel, deren man sich dabei bedient. Ich bin überzeugt, daß die jüdische Oeffentlichkeit jetzt klar sehen wird. Diese Klarheit zu schaffen, war Aufgabe dieser Zeilen. Dr. S. R. Landau.