Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 8 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 9 FEUILLETON. ^ünsflerhaus. (Jubiläums-Ausstellung.) Freitag spät abends ließ mich die schöne Kommerzienrätin dringend zum Telephon bitten: „Liebster, bester Freund, Sie müssen mir den Gefallen tun: Sie müssen mir zwei Karten zur Künstlerhauseröffnung verschaffen!" „Aber gnädige Frau, das ist ja ganz unmöglich. Ich bin doch kein Kartenbureau; Sie sehen dies ja schon daraus, daß ich nur ein viertel Telephon habe und die Karten nichst kosten." „Liebster Freund, also wenigstens eine fürmi c h (!?!). Ich habe mir doch eigens eine neue Frühjahrstoilette bestellt! Das wäre doch ein Unglück." Eine schöne Frau auf solche Wtise ins Unglück zu stürzen, dünkte uns nicht ritterlich. Wir gaben uns ein ehrbares Rendezvous und trafen uns beim Eröffnungs- Jourfix. Da wir nun im Buffett beisammen saßen, sagte die Schöne: „Gott, Sie haben es wirklich gut, Bei allem können Sie dabei sein. Und Ihr Kritikerberuf ist doch der angenehmste. Kritisieren ist doch so leicht!" „Na, wissen Sie, Verehrteste, kritisieren ist leichl!" Kritik der Kritik! „Gnädige Frau, Sie haben ja keine Ahnung, wie unendlich schwer es ist, Kritiker zu sein." Die Kommerzienrätin biß sich in die Lippen, daß sie kirschroter erglänzten. Dann verzog Sie den hübschen Mund. »Schauen Sie, Gnädigste, wenn Sie mich um ein Urteil fragen, so wollen Sie doch das eines Kritikers. In den meisten Fällen ist das Urteil aber — Verurteilung. Da hats ja der Richter noch besser — er verurteilt Schuldige. Bei uns aber gibt's nicht einmal Milderungsgründe, wir dürfen nicht einmal berücksic htigen, daß der Künstler sein Bestes zu haben bestrebt ist, daß er alle Kräfte angespannt hat — und dann ist auch die Kunst viel zu hoch, als daß Sie Mitleid beanspruchen würde. Aber, meine Gnädige, wir urteilen nicht nur über das Kunstwerk, — sondern gleichzeitig über den Künstler. Bedenken Sie, wie ein solches Urteil ihn treffen, schmerzen wird, denn er ist doppelt empfindlich. Die Beurteilung eines Kunstwerkes soll objektiv sein, während sie doch auf höchster Subjektivität der Empfindung basiert. — Meine Gnädige, Sie können gar nicht ahnen, welch harte Kämpfe da oft in uns entstehen." — „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, verehrter Freund! Unternehmen wir noch einmal einen kleinen Rundgang, sagen Sie mir Ihr aufrichtiges Kritikerurteil. Vielleicht stimmt es mit meinem überein. — Sie schlagen mir doch meine Bitte nicht ab, nicht wahr?" Dabei sah sie mich mit den prächtig funkelnden Augen so an, daß ich — willfahren mußte. Wir wollten uns dem Saal II zuwenden. Fest gebannt bleiben wir jedoch stehen. Deutlich höre ich, wie und ein bildhübsches Mädel den Leutnant fragt: „Haben Sie ein scharfes Rasiermesser?" Mein erster Gedanke, den Doppelselbstmord verhüten. „Schauen Sie, ich möchte so gerne dem „Wieland der Schmied" den Bart wegrasieren. Wie kann nur ein moderner Bildhauer einen Mann mit so viel Haaren darstellen? Wissen Sie, ganz pudelglatt, Herr Leutenant!" „Gnädige Frau, Sie haben recht; Kritisieren ist leicht." „Mein Gott, Sie brauchen solches Gerede der Leute nicht so tragisch zu nehmen. — Bitte, sagen Sie mir lieber, von wem dieses Porträt hier ist?" „Von Nikolaus Schattenstein! Das Bildnis des „Mr. Vilmarth." Sehen Sie Gnädige, wie der Mantel im Winde flattert, wie das Lose, Luftige treffend ausgedrückt ist? Merken Sie aber auch, daß der Ton, die Farbe nicht am angenehmsten ist. Sie haben ja auch das zweite Porträt „Baronin Stefi G." dieses Künstlers gesehen. Die Auffassung ist reizvoll, in der Erscheinung liegt Eleganz. — Bitte Gnädigste, sind Sie nicht ungehalten, wenn ich Sie nicht nach Katalognummern führe. Ich möchte Ihnen jetzt das Porträt von V. W. Krausz (Bildnis des Herrn Franz Fr. von Dirsztay) zeigen." Wir schritten in den nächsten Saal, vorbei an Fahringers „Vision". „Ein köstlicher Humor ist in diesem Bilde", sprach lachend eine Dame zu ihrem Begleiter. „Und das Kamel daneben!" „Sind Sie", murmelte ein bekannter Maler, der eben die „Vision" betrachtete. G'ücklicherweise, jener Herr trug einen Arm in der Schlinge, sonst wäre es noch zu einem Jijbiläumsausstellungsduell gekommen. „Hier, gnädige Frau ist das Bild von Krausz. „Hübsch in der Haltung, aber ein wenig farblos." »Mir gefallen die Porträts dieser beiden Künstler. Könnten Sie mir nicht erklären, was Sie daran auszusetzen haben?" „Kunst erklären, meine Verehrteste, das ist ein wenig schwer; man soll da nicht zuviel verstandesmäßig, nüchterntrocken zerfasern. Ich will wenigstens versuchen, Ihnen eines verständlich zu machen. Seh'n Sie, diese Bilder sagen mir zu wenig, sie haben zu wenig Seele. Wenn sie die Betreffenden nioht haben, muß eben d-*r Künstler umsomehr aus Eigenem hereinlegen. Je mehr ich mich aber in diese Bilder vertiefe, desto fühlbarer tritt mir eine gewisse Leere entgegen. Das Porträt muß gleichzeitig Bild sein, als solches anregen; nicht nur die Persönlichkeit auf dem Bilde darf Interesse erwecken. Bei den Porträts der alten Meister kennen wir ja die Dargestellten gar nicht mehr, wir wissen und fragen gar nicht nach Aehnlichkeit Und doch, Gnädigste, welche mächtige Sprache sprechen diese Bilder. Darin liegt eben Unsterbliches — der Geist des Künstlers. Bei unseren modernsten Porträtisten — viel Mode, weniger Kunst." „Ich empfinde schon, was sie meinen. Meine erste Frage war immer: Wer ist das?" „Jetzt werde ich Ihnen einen scharfen Kontrast zu Krauß und Schattenstein zeigen. Hier, das Damenporträt von Leopold Horovitz. Betrachten Sie, wie nobel da die Farbe behandelt ist, etwas Aristokratisches in der ganzen Auffassung, aber . . . ." »Mir scheint, Sie wollen mir nicht Ihr ganzes Urteil sagen. Aber jetzt werde ich Sie erinnern, daß Sie Kritiker sind." „Sie haben recht, gnädige Frau. In diesem Porträt liegt ein Ueberstudium, wodurch das Ganze etwas zu Glattes bekommt. Doch trotzdem ein imposantes Können eines ersten Künstlers. Ich werde Ihnen den Unterschied zwischen den beiden jungen Künstlern und L. Horovitz in etwas trivialerer Weise beleuchten. Dort eine mondaineD ame, vorüberhuschend, momentan ein angenehmer Eindruck; ob durch „Kunst" hervorgerufen oder nicht, läßt sich nicht sofort entscheiden. Hier die ge-