Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 8 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Verein unter Führung seines Präsidenten S. Bio d eine Exkursion nach dem neuen Industriehause und dem Hause des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft. Beide I. Schwarzeubergplatz. Zusammenkunft 3/410 Uhr im Vestibüle des Industriehauses flllCN UEl£tCiL6N Dr. Abraham Wolf — tödtlich verunglückt Wie „Das jüdische Volk" berichtet, ist Dr. A. Wolf vor mehreren Wochen in Philadelphia von der elektrischen Straßenbahn überfahren und getödtet worden. Dr. Wolf hat als Student mehrere Jahre in Wien verbracht und in zionistischen Kreisen wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und Schlichtheit viele Freunde gehabt. Er übersiedelte dann nach St. Louis, wo er sich als Arzt niederließ. Vor fünf Jahren hatte er das schreckliche Unglück, auf einer Sommerfrische in Mähren Frau und Kind zu verlieren, da sie während des Badens ertranken. Nun hat auch ihn in Philadelphia, wo , er seinen Wohnsitz nahm, ein jäher Tod erreicht! Er war kaum 43 Jahre alt. Ehre seinem Andenken! Korps-Kommandant Mordechai George Valabregue. Ein jüdischer Korps-Kommandant mit dem Vornamen Mordechai. . . . Wir finden ihn heute in Frankreich — dem Lande der Dreyfus-Affäre. General Valabregue sollte statt des Korps-Kommando die Chefstelle des Generalstabes übernehmen, aber dagegen erhob die russische Regierung Einsprache. Eine ähnliche hohe Stellung wie Valabregue hat von jüdischen Offizieren lediglich Kriegsminister Ottolenghi in Italien erreicht. Professor Daniel Chwolsohn — gestorben. Dieser, .hervorragende Gelehrte, dessen Tod in der gesamten jüdischen Presse viel Beileid hervorgerufen hat, war ein moderner Marrane. Daniel Chwolsohn wurde am 10. Dezember 1820 in Wilna als Sohn armer Eltern geboren. Das Cheder und später dieJeschiba waren die Lehranstalten, in denen er, wie die meisten seiner Zeitgenossen, seine Jugendjahre verbracht und gründliche talmüdische Kenntnisse sich angeeignet hatte. Die Beschäftigung mit Religionsphilosophie weckte in ihm das Verlangen nach profanem Wissen und nach Sprachkenntnis. Er erlernte, wie er selbst erzählte, ohne jegliche Hilfe irgend eines Lehrers, die russische, französische und deutsche Sprache und begab sich 1840 nach Bresjau, um sich dort dem Studium der orientalischen Sprachen zu widmen. 1847 ging er nach Wien, um die dortigen orientalischen Handschriften zu benutzen, und 1850 nach Petersburg, wo sein Hauptwerk „Die Sabier und der Sabismus" (1856) durch die dortige Akademie veröffentlicht wurde. Um diese Zeit erfolgte seinUebertritt zur evangelischen Kirche — ein Schritt, den er später, wie Eingeweihte wissen, nicht minder als seine ehemaligen Glaubensgenossen aufrichtig bedauerte, aber nicht rückgängig machen konnte. Er wurde nun 1855 ordentlicher Professor der orientalischen Fakultät an der Universität und 1858 Professor d e r h e br äi s ch e n Sprache und biblischen Archäologie an der russischen Geistlichen-Akademie zu Petersburg. Von außerordentlicher Bedeutung und für uns Juden von ganz besonderem Interesse war sein mit größler kritischer Schärfe verfaßtes Buch gegen die Blutlüge, das, wie allgemein behauptet wird, den Kaiser Nikolaus I. von der Unhaltbarkeit jener Beschuldigung so vollständig überzeugte, daß er die strengsten Strafen gegen die Verbreiter jenes gefährlichen Irrwahns verhängen ließ. Diese wirkungsvolle Schrift sowie eine erhebliche Anzahl von apologetischen Aufsätzen in der russischen Tagespresse, in denen er mit großer Wärme für die rechtlosen Juden gegen die Vorurteile ihrer Bedrücker kämpfte, eroberten ihm aufs neue die Sympathien seiner ehemaligen, eine Zeitlang ihm grollenden Glaubensgenossen und gewannen ihm die Herzen selbst der orthodoxesten russischen Rabbiner, die sich sehr häufig und nie vergeblich um Rat und Hilfe an ihn wandten. Eine jüdische Produktiv-Genossenschaft in Wien. Im Genossenschafts-Register des Wiener Handelsgerichtes finden wir seit einigen Tagen folgende Genossenschaft registriert: Einkaufs-, Magazinierungs- und Wohnungsgenossenschaft für jüdische Marktleute und Gewerbetreibende, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Wien. Gegenstand des Unternehmens ist die Unterstützung jüdischer Marktleute und Gewerbetreibender durch deren wirtschaftliche Organisation, insbesondere durch Errichtung gemeinschaftlicher Einkaufsstellen zur Verbilligung des Einkaufes, durch Schaffung von billigen Verkaufslokalen, Magazinen und Wohnungen. Der erste Vorstand besteht aus: Nathan Löffler (Obmann) Fischhändler, Josef Stahl (Obmannstellvertreter) Geflügelhändler, David Feuerberg (ObmannstellVertreter) Geflögelhändler, Josef Eskreis, Fischhändler, Benjamin Horowitz, Viktualienhändler, Wilhelm Spielberger, Geflügelhändler, Markus Reiß, Butterhändler, Simon Frost, Viktualienhändler, Moriz Kohn, Geflügelhändler, Sofie Luftig, Viktualienhändlerin, Josefine Pollak, Fischhändlerin, sämtliche in Wien. Es handelt sich hier um jüdische Marktleute am Kaimeliterplatz. Diese Art der wirtschaftlichen Selbsthilfe ist lebhaft zu begrüßen. Es wäre zu wünschen, daft auch andere Kreise des jüdischen Handels- und Gewerbestandes zu* den Vorteilen der Association Zuflucht nehmen. Eine Millionspende des Baron Hirsch Mr rnssisch-kirchliche Zwecke. Die Mitteilung.dm Dnm&- Mitgliedes Graf U w a r o w, daß Baron Hisch der nttMM&en Synode eine Million Francs zur Verfügung gestellt hat, erregte unter den Juden in Rußland peinliche Sensation. Nun werden darüber interessante Einzelheiten bekap&t* <fie zugleich einen beachtenswerten Beitrag zur Entstehnng|gpqichichte der ICA bilden. Danach war die Anregung zu jeritr Spende vom bekannten Millionär Samuel Poliakow, einem Verwandten des Baron Hirsch, ausgegangen. Poliakow wies den Baron Hirsch auf die Wichtigkeit von jüdischen Handwerksschulen in Rußland hin, deren Zöglinge nach Absolvierung dieser Anstalten das Wohnrecht im ganzen Reich haben würden. Professor Baxt trat ebenfalls sehr warm für diesen Plan ein, und Baron Hirsch erklärte sich bereit, hf i der russischen Regierung fünfzig Millionen Francs für den Unterhalt solcher Schulen zu deponieren. Aus verschiedenen Gründen erwies es sich aber zu jener Zeit als unmöglich, spezielle jüdische Schulen in Rußland zu begründen. Würden aber in den Handwerksschulen auch christliche Kinder Aufnahme finden, so könnten in denselben keine Juden als Lehrer fungieren. Poliakow kam darauf zur Ansicht, daß es unmöglich sei, fünfzig Millonen Francs für ausschließlich jüdische Bildungszwecke zu bestimmen und die christliche Bevölkerung dabei gänzlich zu übergehen. Er teilte deshalb im Namen des Baron Hirsch mit, daß er ein« Million Francs zur Ausbildung von christlichen Kindern stifte und die Regierung überwies diesen Betrag an den Synod für die unter Aufsicht der Geistlichkeit stehenden Schulen. Inzwischen verschied aber Poliakow plötzlich und Baron Hirsch bestimmte die fünfzig Millionen Francs für die Kolonisierung von Jaden in Argentinien. Das Jubiläum Dr. Harkavys. Am 30. März d. J. veranstaltete die Petersburger jüdische Gemeinde aus Anlaß des 50jährigen Schriftstellerjubiläums des ausgezeichneten jüdischen Gelehrten Dr. A. H a r k a v y eine großangelegte Jubiläumsfeier. Die Feier fand im großen Sitzungssaale der jüdischen Gemeinde statt und nahm einen überaus erhebenden Verlauf. Ueber 300 Personen aus den vornehmsten Kreisen der Petersburger jüdischen Gesellschaft hatten sich eingefunden.