Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 8 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Angesichts der großen Not, in der sich die russischen Glanbensgenossen befinden, mußte die Tätigkeit des Hilfsvereines in unvermindertem Maße fortgesetzt werden. Die größte Hilfe, die der Verein den Bedrängten bieten konnte, war auch in diesem Jahre wieder, daß er den Verfolgten durch Erleichterung der Beschwerden bei der Auswanderung die Möglichkeit gewährte, sich den Verfolgungen zu entziehen und jenseits des Ozeans eine neue Heimat aufzusuchen. Hierauf gab Herr Dr. Nathan in großen Zügen einen Ueberblick über das Schul werk des Hilfsvereines im Orient. Das Schulwerk, das der Hilfsverein der Deutschen Juden in Galizien, Bulgarien, Rumänien, der europäischen und asiatischen Türkei unterhält und unterstützt, ist im verflossenen Schuljahr wiederum, insbesondere im türkischen Orient durch Gründung neuer Institute in Saloniki, Jerusalem, Jaffa und Haifa bedeutend erweitert und ausgestaltet worden. Die altberühmte, bereits länger als ein halbes Jahrhundert bestehende Edler von Lämel-Schule in Jerusalem, die ein wichtiges Mittelglied für das Schulwerk des Hilfsvereines in Palästina bildet, ist in das Eigentum und die Verwaltung des Hilfsvereines der Deutschen Juden übergegangen. Auch sind bereits Terrains in Jerusalem und Jaffa erworben worden, auf denen binnen kurzem eigene Gebäude für Schulen und Kindergärten, insbesondere für das Lehrerseminar des Hilfsvereines erstehen werden. Der Hilfsverein unterhält und subventioniert an 50 Bildungs- und Erziehungsanstalten in den genannten Ländern, davon etwa 30 in Palästina. Die Ausgaben für das Schulwerk betrugen 1910 rund 180.000 Mk. WAHLBEWEGUNG. Dr. S. R. Landau als Reichsrats-Kandidat. Entgegen den in verschiedenen Wiener Tageszeitungen enthaltenen Versionen kandidiert Dr. S. R. Landau weder in Brody, noch in Suczawa, sondern im Städtebezirk Buczacz-Sniatyn-Zaleszczyki-Borszczöw-Tlumacz gegen den konservativen Armenier Baron Moysa. Dr. Landau kandidiert auf Grund des jüdisch-nationalen Programms, welches er in seiner Broschüre „Der Polenklub und seine Hausjuden" vor vier Jahren aufgestellt hat. Die Kandidatur Dr. Landaus ist unabhängig davon, ob das zionistische Zentralkomitee dieselbe unterstützen wird oder nicht. Sollte letzteres nicht der Fall sein, dann werden die Wähler dieses Bezirkes erst recht darüber zu entscheiden haben, ob Dr. Landau, der seit mehr als 20 Jahren im Dienste der galizischen Juden journalistisch und politisch unter Opfern an Zeit, Geld und Gesundheit tätig ist, ihr Mandat verdient. Das Publikwerden dieser Kandidatur hat genügt, um im Lemberger „Tagblatt" und im Krakauer „Czas" Glossen hervorzurufen. Was im „Czas" der Renegat Jnländer schreibt, ist selbstverständlich gleichgiltig. Das „ Tagblatttt aber wird bald in der Lage sein, die Worte sehr genau zu erfahren, mit welchen Herr Adolf Stand Herrn Dr. Landau persönlich und durch dritte Personen zur Kandidatur ermuntert hat. Wenn das „Tagblatt" den Wahlkampf damit beginnt, daß es unter Veröffentlichung einer erfundenen Nachricht aus Sniatyn die öffentliche Meinung bezüglich einer jüdischen Kandidatur irreführen will, dann werden sich auch Mittel und Wege finden, dieser Art der Publizistik wirksam entgpgenzutreten. * - * * Die Kandidataren in der Leopoldstadt. Den Kandidaten Dr. Mittler und Dr. 0 f n e r wird auch diesmal ein zionistischer Zählkandidat entgegengestellt. Als solcher tritt Ingenieur Stricker auf. Seitens der Sozialdemokraten soll sich Herr Austerli tz, der konfessionslose Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung", ein ehemaliger Deutschnationaler, um das Mandat bewerben. Es ist merkwürdig, daß Herr Austerlitz gerade in diesem für ihn am wenigsten aussichtsreichen Bezirk auftritt. Nach den Erfahrungen, welche die Konfessionslosen in der Inneren Stadt erst jüngst gemacht haben, sollten die Herren vernünftigerweise die jüdischen Bezirke — boykottieren. * * * Die Wahlbewegung in Galizien. Lemberg, den 18 April. Die jüdischen Wähler beginnen langsam die Bedeutung der bevorstehenden Wahlen zu erkennen und sie rüsten daher zum Wahlkampf. Leider sind sie noch zu wenig organisiert; nach dieser Richtung ist in den letzten vier Jahren fast gar nichts geschehen. So fehlt denn noch immer die maßgebende Instanz, welche den jüdischen Massen in autoritativer Form eine Richtschnur erteilen und die geeignetsten Kandidaten ausfindig machen würde. An solchen fehlt es natürlich nicht. Leute, die sich um jüdische Angelegenheiten nie bekümmern, die vielmehr ihren Ehrgeiz dreinsetzen, in christlichen Gesellschaften nicht aufzufallen, erschienen plötzlich auf der Oberfläche. Zu diesen gehört Dr. Steinhaus aus JasJo, der sich allen Ernstes durch den Statthalter dem jüdischen Bezirk Zölkiew-Belz aufdringen lassen möchte. Die sonstigen Hausjuden haben sich noch nicht ganz bezüglich ihrer Wahlbezirke entschieden. Dr. Kolischer verläßt definitiv Kolomea, laviert aber noch zwischen Sambor und Brody. Dr. Gold kandidiert zwar in seinem bisherigen Wahlbezirke Zloczöw, aber er befindet sich als „Allpole" in der komischesten Situation. Bleibt er „Allpole", dann wird ihn der Statthalter bekämpfen, schwenkt er ein zu den Fortschrittlichen, dann werden die Allpolen einen eigenen Kandidaten aufstellen. G a 11 dürfte in Tarnopol nicht mehr kandidieren. Ueber die Person der offiziellen Kandidaten ist bisher nichts bekannt. In diesem Bezirke will auch Herr Adolf Stand kandidieren. Seine Wahl wäre nur dann möglich, wenn die Ruthenen sofort in der ersten Wahl für ihn eintreten. In Stanislau sind die Chancen des Emanuel Rauch besser geworden, da der bisherige Abgeordnete Stwiertnia „anderweitig" vom Statthalter versorgt werden soll. Am 22. d. M. sollen alle „nationalen" Kandidaturen in Ostgalizien durch die Rada Narodowa festgestellt werden. Im Anschlüsse daran will auch das Zionistische Zentralkomitee seine Kandidaten namhaft machen. Wir werden dann klarer sehen und die Chancen besser beurteilen. * * * Die Landtagswahlen, in der Bukowina, Gzernowitz, Mitte April. Am 26. und 28. d. M. wird die endgültige Entscheidung fallen. Dort zwischen Dr. Weisselberger und Dr. Kellner, hier zwischen Dr. S t r a u e h e r und einem noch unbekannten Gegner. Denn, falls Doktor Kellner am 26. fällt, so ist es möglich, daß er sein Glück noch im letzten Kampf gegen Dr. Straucher selbst versuchen wird. Der Kampf des Dr. Kellner gegen Dr. Straucher hat bereits einen Vorteil den Bukowinaer Juden gebracht: