Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 8 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 8 Juden und ^Ruthenen. l Der bevorstehende Wahlkampf drängt die Frage eines Bündnisses zwischen Juden und Ruthenen in Ostgalizien gebieterisch in den Vordergrund. Beide Teile sind auf einander angewiesen. In den ostgalizischen Landgemeinden haben es die jüdischen Wähler sehr oft in der Hand, zwischen einem ruthenischen und einem russophilen, resp. einem polnischen Kandidaten zu entscheiden, anderseits können oppositionelle jüdische Kandidaten zahlreiche Städte-Bezirke wie B r o d y, Stryj-Kalusz, Buczacz-Sniatyn, Tarnopol usw, nur dann erobern, wenn die ruthenischen Wähler geschlossen für sie eintreten. Bei den letzten R ichsratswahlen haben die Herren Stand, Dr. Gabel und Dr. Mahler nur den Ruthenen ihren endgültigen Sieg zu verdanken gehalt. Daraus geht absolut nicht hervor, wie die Gegner des Jüdischen Klubs unablässig höhnten, daß die jüdischnationalen Abgeordneten Geisel des Ruthenenklubs sind. Es bleibt den jüdischen Abgeordueten unbenommen, für die Verwirklichung der jüdischen Postulate einzutreten, die politischen und wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung zu verteidigen. Indem jedoch die jüdischen Abgeordneten für die nationale und politische Gleichberechtigung der Ruthenen. kämpfen, indem sie den Ruthenen dazu verhelfen, in die polnische Souverenität in Galizien eine Bresche zu schlagen, bahnen sie auch ihrem eigenen Volke den Weg zur Freiheit und Gleichheit, zur Befreiung von der polnischen Bevormundung, die die jüdische Eigenart erdrücken möchte. Es hat jedoch im Laufe der letzten vier Jahre oft Momente gegeben, da die ruthenische Repräsentanz gegenüber dem Jüdischen Klub Argwohn hegen zu müssen glaubte, da die ruthenischen Abgeordneten in der Haltung des Jüdischen Klubs jene Entschiedenheit und Unbeugsamkeit vermißten, welche de Fundamente einer Waffenbrüderschaft bilden müssen. Ein Argwohn führt leicht zu Mißverständnissen und aus Mißverständnissen entsteht oft eine Entfremdung. Diese Entfremdung muß verhütet werden, denn sie wäre für die Juden gleichbedeutend mit Isolierung. Die Haltung der Juden gegenüber den Ruthenen muß daher offen, klar und programmatisch festgelegt werden. Persönliche Schwächen Einzelner für die Polen müssen zurückgestellt werden, denn es handelt sich um die Zukunft des ganzen jüdischen Volkes in Galizien. Die Führer aller polnischen Parteien gehen erbarmungslos über jüdische Leichen hinweg und es wäre ein Akt politischer Unreife, wollte man im Zustande aufgezwungener Notwehr nicht die Hand der nächsten Bundesgenossen ergreifen und festhalten. Ein Zusammengehen der Juden mit den Ruthenen im bevorstehenden Wahlkampf ist ein Akt der Notwehr und der Notwendigkeit! Mögen die Polen, denen jede selbständige jüdische Bewegung als ein Sakrileg gegen die polnische Nation erscheint, diese Allianz wie immer auslegen — sie wird für uns im Wahlkampf eine Stütze und eine Ermunterung bilden. L. (Weitere Artikel folgen.) Der Jahresbericht des ,J4ilfsvereines der Deutschen Juden". Berlin, Ende März.*) Am 19. März fand im Hotel Prinz Alfarecht die Generalversammlung des Hilfsvereines der Deutschen Juden statt. Am Vorstandstiscb hatten unter anderem die Herren Dr. James Simon, Generalkonsul Landau, Dr. Paul Nathan, Geh. Justizrat Timend o r f e r und Bankdirektor Simon Platz genommen. Außerdem waren zahlreiche Zentralkomitee-Mitglieder aus allen Teilen des Reiches anwesend. Der Vorsitzende Herr Dr. James Simon eröffnete die Versammlung, die sehr zahlreich besucht war, mit einem warmen Nachruf auf die im Laufe des Jahres verstorbenen Mitglieder der Verwaltung und hob besonders die Verdienste der verewigten Herren Dr. Hirsch Hildesheimer, Berlin, und Rabbiner Dr. H o r o w i t z, Frankfurt a. M. hervor. In Anerkennung dieser Verdienste ernannte die Generalversammlung beide zu Ehrenmitgliedern des Hilfsvereines. Der Vorsitzende konnte alsdann feststellen, daß, wie in jedem Jahre, auch im Jahre 1910 die Mitgliederzahl des Hilfsvereines gestiegen und seine Einnahmen gewachsen seien. Der Verein hat jetzt über 22.000 Mitglieder mit mehr als 154.000 Mk. Jahresbeiträgen. Außerdem sind an einmaligen Zuwendungen im Berichtsjahre 195.000 Mk. eingegangen. Zum Bericht über die Tätigkeit des Vereines übergehend, schilderte der Vorsitzende zuerst die Notlage der Juden in Galizien, die sogar dazu geführt hat, daß eine staatliche Enquete eingeleitet wurde. Auch die jüdischen Organisationen haben sich unter dem Vorsitze der IGA in zwei Konferenzen damit befaßt, was zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der Juden Galiziens getan werden könnte. An diesen Arbeiten hat sich der Hilfsverein in regster Weise beteiligt. Zur Lage der Juden in Rußland führte Herr Dr. Simon aus, daß die Bedrückung der Juden dort in unvermindertem Maße während des Jahres 1910 angedauert hat. Aus Hunderten von Orten werden täglich bald einzelne Juden, bald größere oder kleinere Gruppen von Juden vertrieben, so beispielsweise aus Riga, Libau, Tula, Tiflis, Tambow, Torobez, aus Zarizin und Tomsk, also aus allen Teilen Rußlands, von der europäischen bis zur asiatischen Grenze, Viele tausende Familien sind im Laufe des Jahres auf diese Weise heimatlos geworden. Dieser Kampf gegen das Wohnrecht der russischen Juden wurde auf der ganzen Linie, wie auch der systematische Kampf gegen die Bildungsbestrebungen der Juden von der Regierung fortgeführt. Die berüchtigte Prozentnorm, die Bestimmung, daß an den staatlichen höheren Schulen nur 3 Prozent Juden in den Hauptstädten, 5 Prozent in sonstigen Gegenden, die außerhalb des Rayons liegen, und 10 Prozent im Rayon zugelassen werden, wurde in wenig erweiterter Form auch auf die Privatschulen und Kommerzschulen übertragen. Zwar sei es erfreulieh, so führte der Redner aus, daß ein Gesetzentwurf über die Abschaffung des Ansiedlungsrayons in der Duma mit 203 gegen 138 Stimmen einer Kommission überwiesen worden sei, doch sei bei der herrschenden Strömung in Rußland kaum zu erwarten, daß dieser Entwurf in absehbarer Zeit Gesetz werde. Der schwere Druck, der auf den Juden Rußlands lastet, hat, wie es nicht anders sein kann, seine Rückwirkung auch auf die ohnehin traurige wirtschaftliche Lage. *) Dieser Bericht erscheint leider wegen Raummangels verspätet. Die Redaktion.