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Neue Nationalzeitung · 1911-04-07 · Heft 7 (7.4.1911) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 7 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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.# Seite 14 „Neue National-Zeitung-''" Nr. 7 FEUILLETON. David Pinski: Zwei Welten. Eine PessachvGeschichte. (Autorisierte UeT)ersetzung von Hermann BlumentbaJ.) Sie näherte sich ihm, legte ihre Hände auf seine Schultern und sagte sehr weich: „Benjamin, hast Du mich lieb?" Er ließ das Buch auf d(ie Kniee sinken, drückte sie lest an sich und sprach ihr nach: „Lieb?" „Wirst Du auch tun, was ich von Dir verlange?" „Ich stehe zu Befehl", rief er aus, sprang auf und stellte sich in Positur, wie ein Soldat. „Ich möchte Dich wohin schicken. Wirst Du auch gehen?" „Sogar ins Feuer, Lea!" Er machte eine theatralische Handbewegung. „Nicht ins Feuer — aber ins Wasser", entgegnete sie. „Sogar ins Meer!" „Etwas näher", lächelte sie. Ich möchte Dich bitten, daß Du das -neue Oster-Geschirr im Teiche ausspülen sollst.*) „Dorthin! . . ." „Nun?" „Schick' mich lieber ins Meer!" „Ein anderesmal. Heute tue das." „Ach nein", stößt er hervor. „Du wirst es aber tun müssen!" „Müssen?" „Die Mutter bittet Dich darum — verstehst? Das muß doch ein Mann tun. Wen soll sie also darum ersuchen?" „Den Broder Schames.**) Meine Sorge." „Aber sie will, daß Du gehen sollst . . ." „Sie will?" „Soll sie sich wegen dieser Dummheit kränken?" „Was kann ich dafür?" „Aber ich bitte Dich darum . . ." Sie streichelte sein Gesicht und sah ihn liebevoll an. „Ich werde nicht gehen", sagte er bestimmt und entwand sich ihr. „Wie kannst Du so etwas von mir verlangen? Sag' selbst, schickt sich das für mich?" „Du hast Recht, aber Du kannst mir den Gefallen schon tun. Weißt Du was, wir gehen zusammen!" Sie umarmte und küßte ihn. „Ach, Dummheiten", rief er verdrossen. „Das ist keine Beschäftigung für mich." „Dann red' ich kein Wort mehr mit Dir," rief sie zornig und verließ das Zimmer. Benjamin ging ein paarmal auf und ab. „Dummheiten," murmelte er und setzte -sich wieder zu seinem Buche. * * * Bald darauf trat die Schwiegermutter ins Zimmer. *) Nach jüdischem Ritus muß man neues-Greschirr vor dem Gebrauch in fließendem Wasser ausspülen. Dabei wird ein Segenspruch gesagt. **) Schames Bethausdiener. „Benjamindl, möchtest Du mir eine Bitte erfüllen?" sprach sie sanft. „Wenn ich kann, warum nicht," antwortete er, ohne vom Buch aufzusehen. „Wirst so gut sein und die neuen Gefäße im Teiche, gleich einige Schritte von hier, ausspülen?" „Nein." „Aber es muß doch gemacht werden," sagte sie in bitterem Ton. „Schickt wen Ihr wollt." „Wen soll ich schicken? Wenn mein Mann lebte, hätte ich Dich gewiß nicht darum gebeten." Sie hatte Thränen in den Augen und ihre Stimme zitterte. „Gebt Leib, dem Szames zehn — fünfzehn Kopeken . . ." „Mein Mann hat nie den Szames geschickt. Einen Schwiegersohn im Hause haben und einen Fremden bitten müssen ..." „Lassen Sie mich mit diesen Dummheiten in Ruhe, ich werde nicht gehen," sagte Benjamin fest und stellte sich zum Fenster. „Dummheiten nennst Du das," sagte die Alte mit bitterem Lächeln. „Ich weiß nicht, wie man ein unausgespültes Gefäß benützen kann." Benjamin antwortete nicht und blickte auf die Gasse. Die Schwiegermutter wartete eine Weile, ob er nicht doch nachgeben werde und verließ dann mit Thränen in den Augen das Zimmer. Sie fühlte sich unglücklich und verlassen. Ihre einzige Tochter war schön und klug, aber sie hat ihr noch wenig Freude gemacht. Gegen den Willen der Eltern studiert© sie und ist Lehrerin geworden. Der Vater war entschieden dagegen. Schickt sich denn dieser Beruf für die Tochter eines Unterrabbiners? — Aber Lea setzte ihren Willen durch! Dann heiratete sie Benjamin Kalmanowitsch, den ältesten Lehrer der jüdischen Elementarschule — wieder gegen den Willen der Eltern. Der Alte hat sich darüber sehr gekränkt und einen Monat nach der Hochzeit starb er. Vielleicht hat die Kränkung seinen Tod beschleunigt! Doch nein — er war ja seit Jahren brustkrank gewesen. Die Tochter traf kein Verschulden . . . Eigentlich sind die Beiden gute Kinder und die Mutter ist ihnen vom Herzen zugetan. Es sind jetzt sieben Monate seit der Hochzeit und der Schwiegersohn ist ihr wie ein eigenes Kind ans Herz gbr wachsen. — Aber fromm sind sie gar nicht! Eigentlich verzeiht sie es ihnen. Sie sind doch jung und lebenslustig. Wenn sie erst älter werden und selbst Kinder haben, werden sie schon zu Verstand kommen . . . Die Alte suchte Gott für sie günstig zu beeinflussen, indem sie oft Kerzen ins Beth-Hamidrasch schickte und Almosen spendete. Jeden Tag las sie einige Kapitel Psalmen. Von Zeit zu Zeit besuchte sie das Grab ihres Mannes und schüttete dem Verstorbenen ihr Herz aus. Sie bat ihn, daß er den Kindern beim Allmächtigen ein guter Fürsprecher sein möge. Sie wußte lange nicht, durch welches Mittel sie Gott versöhnen könnte. Doch als ihr eines Tages aufgetragen wurden für das Kalischer Reinigungsbad Spenden einzusammeln, erschien ihr das als ein gottgefälliges Werk und sie beruhigte sich. Sie ruhte nicht, bis das Bad fix und fertig war. Dann lief sie zum Grabe ihres Mannes und erzählte

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