Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-04-07 · Heft 7 (7.4.1911) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 7 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425837--1996-2428394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 7 „Neue National-Zeitung" Seite 15 ihm von ihrer frommen Tat. Ihr schien es, daß ihr aus dein Grabe zugerufen wurde, daß der Allmächtige Lea verziehen habe und es wurde ihr leicht ums Herz. Welchen Eindruck wird es machen, wenn jetzt ein fremder Mann das Geschirr ausspülen wird? Sollen die Leute erfahren, daß ihr Schwiegersohn ein Ungläubiger ist? Und die alte Frau fühlte sich einsam und unglücklich. Sie bemerkte nicht, daß ihre Tochter mit verweinten Augen' bei der Tür stand. Vielleicht hätte sie dieser Anblick ein wenig getröstet. * * * Lea trat wieder in Benjamins Zimmer. Er lag auf dem Divan und las, doch nun legte er das Buch weg und sah sie an. Lea ging zum Fenster. Sie wußte nicht, wie sie ein Gespräch mit ihm anknüpfen sollte und trommelte verlegen an die Fensterscheiben. Benjamin zündete sich eine Zigarette an und nahm wieder das Buch zur Hand. „Vielleicht wirst Du doch gehen?" fragte Lea endlich. „Nein!" „Die Mutter weint." „Was kann ich dafür?" Seine Antworten ärgern sie. Sie möchte weinen oder sonst irgend etwas tun. „Du bist böse," stieß sie hervor. „Das merkst Du erst jetzt?" „Hör' auf so zu reden," rief sie heftig und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er warf ihr einen Blick zu und beschäftigte sich dann wieder mit dem Buch. „Du treibst Dummheiten," sagte er leise. „Dummheiten mache ich — ich?" stieß sie nach einer Weile hervor und ging im Zimmer auf und ab, nervös mit dem Taschentuch spielend. „Natürlich," antwortete er. „Warum soll die Mutter wegen solch einer Kleinigkeit leiden?" fragte sie. „Ist es denn meine Schuld?" „Wessen Schuld denn?" Er lachte. „Du hast kein Herz," rief sie ihm zu. „Sag' Lea, gehorchst Du fihr immeir?" fragte Benjamin. Benimmst Du Dich immer so, wie sie es will? Aber Kind! Täglich, tagtäglich beleidigen wir sie in ihren heiligsten Gefühlen und wegen dieser Kleinigkeit regst Du Dich auf. — Kind!" Sie antwortete nicht, sondern ging auf und ab und zupfte an ihrem Taschentuch. „Auf einmal bist du eine gehorsame Tochter geworden," fügte er noch hinzu und 'nahm wieder das Buch zur Hand. „Warum sollen wir ihr nicht einmal eine Kränkung ersparen," rief Lea. „Das Spülen des Geschirrs ist eine Kleinigkeit, die wir ihr nachgeben könnten. Das hat mit meinen Prinzipien nichts zu tun. Wenn wir ihr den Wunsch nicht erfüllen, wird sie in den Feiertagen hungern . . ." „Soll sie Leib, den Schames, schicken." „Sie schämt sich, einen fremden Mann darum zu ersuchen." „Unter solchen Vorurteilen will ich nicht leiden . . ." Lea setzte sich zu Benjamin. „Ich werde mit Dir gehen und Dir helfen das Geschirr tragen," sagte sie und streichelte seine Haare. Dann beugte sie sich nieder zu ihm und sie küßten einander. „Ich sehe gern, wenn Du nett zu mir bist", sagte Benjamin, „aber zum Teich gehe ich nicht. — Ich gebe ja in allem nach. Wir führen ein frommes Haus — nicht? Sonst würde sie es ja bei uns nicht aushalten. So etwas darf sie aber von mir nicht verlangen. — Habe ich nicht Recht?" „Nein," sagte sie, stand vom Divan auf und durchquerte ein paarmal das Zimmer. Dann ging sie zur Mutter. * * * Die Mutter legt das Geschirr in einen Korb. Sie weiß nun, was sie zu tun hat. Sie denkt daran, daß sie vor Jahren einmal, als ihr Mann sich auf Reisen befand und erst am letzten Tag vor Ostern nach Hause kommen konnte, selbst den Chumiz *) verbrennen mußte. Sie hatte damals keine andere Wahl — und so wird sie auch heute selbst zum Flusse gehen. Sie will mit dem Schwiegersohn nicht länger streiten. Sie muß sich jetzt darauf gefaßt machen, so manche Vorrichtungen des Familienvaters selbst zu besorgen. Aber traurig macht es sie, sehr traurig! „Ich werde Leib, den Schames, holen lassen", sagte Lea. „Ich brauche niemand," antwortete die Alte entschlossen und legte ein Gefäß nach dem anderen in den Korb. „Was willst Du beginnen?" fragte Lea. „Das wirst Du gleich sehen. — Ich gehe allein." „Allein?" „Ich weiß, Gott sei dank, wie man es macht. Alles werde ich allein tun", sprach sie mit großer Erbitteruag. „Das Gesehirr spülen, den Chumitz verbrennen, Erew Tawschielen machen **), den Seder halten, die Fragen des jüngsten Familienmitgliedes stellen und selbst beantworten. — Alles will ich allein machen." Ihre Worte kamen gedehnt aus dem Mund, als wollte sie ihren Sinn in der Tiefe erfassen, um sich das ganze Elend ihrer Witwen-Einsamkeit zum Bewußtsein zu bringen. Lea hatte Erbarmen mit der Mutter. Sie half beim Einpacken des Geschirrs und suchte die Tränen zurückzuhalten. „Warte einen Augenblick," rief sie aus. „Die Teller liegen nicht gut. Laß mich nur allein machen. — So — siehst Du, jetzt ist es schon besser." Die Mutter freute sich der Teilnahme der Tochter und wurde besser gelaunt. „So, jetzt ist's recht", fuhr Lea fort. „Weißt du was, Mutter, ich gehe mit dir und werde dir das Geschirr zureichen." Die Mutter umarmte und küßte sie. „Doch eine Tochter", sprach sie wie für sich. Lea wischte eine Träne von der Wange und rannte ins nächste Zimmer. Bald kam sie mit einem Leintuche zurück, mit dem sie das Geschirr zudeckte. Sie arbeitete flink und ihr Gesicht bekam Farbe. Ihre schönen blauen Augen leuchteten. *) Chumiz gesäuertes Brot. **) Eine Zeremonie, welche am Vorabend eines Feiertages geübt wird, um die Speisen, die für einen Samstag bestimmt sind, am Feiertag kochen zu dürfen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.