Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 7 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 7 GEM21Nö5=ün& V8R(5iNSNÄUVRitWW Wien. (Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien.) Sonntag, den 9. d M., 10 Ui.r vormittags, findet in den Räumlichkeiten des Isr. HumanitätsVereines „Wien" B'naiB'rith, IX. UinVersitätsstraße 4, die ordentliche Generalversammlung statt. Wien. (Generalversammlung der „Oesterreichisch - Israelitischen Unio n".) Dienstag, den Ii. d. M. präzise halb 8 Uhr abends, findet im Saale des Hotel Guth, IL, Stefaniestraße 14, die 26. ordentliche Generalversammlung der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" mit folgender Tagesordnung statt: 1. Mitteilungen des Präsidiums. 2: Rechenschaftsbericht. 3. Kassabericht. 4. Diskussion. 5. Wahlen in den Vorstand. 6. Anträge und Interpellationen. Der Eintritt zu dieser Generalversammlung ist nur M i tgliedern gestattet. W> ÄU.6N WElRCiLEN Der „Evangelische Hausfreund" ärgert sich. Oberrabbiner Dr. Güdemann bat unlängst im Sladttempel zur Bildung einer Ariti-Tauf-Liga angeeifert. Nattirlich wird es bei dieser Anregung, die sich von der Kanzel sehr interessant macht, bleiben. Der Oberrabbiner einer Kultusgemeinde, deren Vorsteher mitunter auch christliche Schwiegersöhne haben, wirkt nur erheiternd, wenn er Balken sieht, aber die Splitter nicht empfindet. Dagegen wird Dr. Güdemann vom „Evang. Hausfreund" blutig ernst genommen. Das : fromme Blatt ärgert sich sehr, ja es scheint um den Zuwachs zu fürchten, weil ja bekanntlich unter den getauften Juden speziell für den evangelischen Glauben Vorliebe herrscht. Und so lesen wir folgende Auslassung: „Aber'für unschicklich müssen wir es bezeichnen, wenn Dr. Güdemann eine Gründung schaffen will, die eine scharfe Spitze zeigt gegen eine so wichtige kirchliche Angelegenheit, wie es das Sakrament der Taufe ist Wohl will er nur hindern, daß ehemalige Synagogenmitglieder durch den Taufakt in die Kirche einverleibt würden, aber aueh das bedeutet ein aggressives Vorgehen wider die christliche Kirche und ihre Institutionen. Das heißt über des Nachbars Zaun steigen und seinen Garten daraufhin untersuchen, ob sich nicht dort einiges Obst findet, das ihm gehört. Wer gibt ihm das Recht dazu? Mit solchen Übergriffen wird er doch den Abfall von der Synagoge nicht eindämmen, das Eintreten der Ausgeschiedenen in die Kirche nicht verhindern können, wohl aber wird die ihm gebührende Zurechtweisung nicht ausbleiben. Er wird sie von einer Seite erfahren, die jeden jüdischen Übergriff, jeden Mißgriff und jede Unbesonnenheit mit doppelten Brillen sieht und rasch ahndet, indem sie sie an den Pranger stellt." Der „Hausfreund" hat ja nicht Unrecht: Rabbinische Kanzlerreden allein helfen sehr wenig; wenn Dr. Güdemann die jüdischen Massentaufen in der Wiener Gemeinde wiiklich bekämpfen will, dann müßte er schon zu anderen Mitteln greifen. Rosch-ha-kol und Rabbiner. Es ist bedauerlich, welche Demütigungen oft Rabbiner in den kleineren Städten Ober sich ergehen lassen müssen, wenn sie dem gewaltigen Kultuspräsidenten nicht ganz zu Diensten sind. Daß aber solche häusliche Streitigkeiten zu öffentlichen Gericbtsprozessen ausarten, ist schon ein Skandal. Schauplatz eines solchen Skandals war jüngst dieKultusgemeinde B i s e n z. Freitag den 10. März fand bei dem k. k. Bezirksgerichte in Ungarisch-Ostra ein Ehrenbeleidigungsprozeß statt, welcher vom Rabbiner Dr. Josef Hoff aus Bisenz gegen den dortigen Kultusvorsteher Fürst angestrengt wurde. Die Vorgeschichte ist sehr interessant: Kultus Vorsteher Fürst gestattete nicht, den .Kadisch' im Tempeljlaut zu sagen und machte gegen ein Gemeindemitglied, das trotz dieses Verbotes das Kadisch-Gebet laut verrichtete, die Anzeige bei der k. k. Bezirkshauptmannschaft in U n g.-H r a d i s c h, welche sich au den Rabbiner Dr. Hoff mit der Frage wandte, ob das laute Kadisch- Sagen wirklich nicht gestattet ist. Rabbiner Dr. Hoff erwiderte, daß der Kadisch laut gesagt werden soll, damit die Zuhörer mit dem „Amen" einfallen könnten. Der Gemeinde-Pascha, Fürst von Bisenz, gab sich mit dieser Abweisung nicht zufrieden und benülzte diese Gelegenheit, um seinen jahrelangen Haß an dem Rabbiner auszulassen. Er berief seine getreuen Vasallen zusammen, die einstimmig beschlossen, dem Rabbiner dafür, daß er ein .falsches Gutachten" abgegeben habe, eine strenge Rüge zu erteilen, was auch wirklich geschah. Rabbiner Dr. Hoff sah sich als Seelsorger in seiner Eure verletzt und betrat daher den Klageweg. Als Vertreter des Beschuldigten fungierte ein Wiener Advokat, der über folgendes den Wahrheitsbeweis anbot: „Ist Dr. Hoff als Rabbiner nicht mit den Satzungen der Religion betraut, dann wird er mit vollem Recht der Unfähigkeit geziehen. Hat er aber wissentlich gegen seine Ueberzeugung die Bezirkshauptmannschaft falsch berichtet, dann hat er Unehre ihaft gehandelt.* Der Wahrheitsbeweis wird zugelassen, worauf drei Zeugen unter Eid aussagen, daß Fürst bona fide gehandelt habe und einer der Zeugen gibt an, daß Dr. Hoff ihm gegenüber sich geäußert habe, er habe bloß deshalb das Gutachten so abgegeben, damit das angezeigte Gemeindemitglied, welcher Vater von neun Kindern ist, nicht bestraft wird. Nach langen Au*gleichsversuchen, die jedoch resuttatlos verliefen, beschließt der Richter weitere Zeugen, wie auch einen Sachverständigen Dr. Mich. Halberstamm vorzuladen und vertagt zu diesem Zwecke die Verhandlung. Das kann noch sehr interessant werden. LITERATUR UND THEATER „Fahrende Lente bei den Juden." Mit dem Begriffe Ghetto verbindet man — und wohl mit Recht — das Düstere, Freudlose. Bezeichnet doch dieses Wort selbst die Abgeschlossenheit, in der unsere Vorfahren, fern von allem, was das Leben zu einem heiteren gestaltet, ihr so vielfach beengtes Dasein verbrachten. Aber auch der schmalen Jüdengassse, mit ihren engen Häuschen, fehlte es an Freuden nicht, besonders wenn die Festeszeiten kamen, unter denen namentlich Purim, Chanükkah, Simchäth Thorii,! mit oft überschäumender ''"Lustigkeit gefeiert wurden. Ebenso wurden die Familienfestlichkeiten, insonderheit die Hochzeiten, außerordentlich frohgemut begangdS und es beteiligte sich an ihnen nicht selten die ganze heilige Gemeinde. Daß übrigens die Freude an den Festen dem Judentum eigentümlich, ja sogar geboten ist, entnehmen wir aus ihrer Bezeichnung Chag, was soviel wie „Tanz" bedeutet. Lnd, wie oft wird uns eingeschärft: .Freue dich an deinem Feste!" Mit den Leuten nun, die zur Freude, ja zur tollen Hetze an den Festen und Familienfeiern ihr redlich Teil beitrugen, macht uns eine Broschüre von Albert Wolf s. A. bekannt, die uns, aus dessen schriftlichem Nachlasse herausgegeben und ergänzt von Dr. Max G r u n w a 1 d, vorliegt. Es ist ein gut Stück jüdischer Kulturgeschichte, das hier geboten wird. Man wird sie, nicht ohne belehrt und von ihr erfreut zu werden, durchlesen. (Separatabdruck aus den „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde* Heft 27 bis 31, Leipzig 1U09, Verlag vonM. W. Kauf f mann.) Jüdische fahrende Leute, das waren: die Klesmorim, die Zymbalisten, die Hackebrettschlager, die Marschaliks, Narren, Lustigmacher, die fahrenden Darschanim, die Baöchanim (Erfreuer, von Badach, Targumwort zu 01az\ die Puppen- und Schattenspieler, Jongleurs, herumreisende Chasanim und „Singerl". Kein-Purim, kein Chanukka' verging, ohne daß in den Gemeinden die vagierenden Klesmorim (meist Geiger oder auch Harfenspieler) aufgetaucht wären. Jede Gemeinde hatte für Hochzeiten drei gewichtige Persönlichkeiten : den Narr, der belustigte und rührte, die Köchin, die buck und briet, den Sarver (Serviererl, der für das Service sorgte. Der Narr war aber die wichtigste Person, die eine den Verhältnissen angepaßte, nicht gereimte Derascha hielt Viel Lustiges wird insbesondere von dem Schalksnarren Löbele Fürth (18. Jahrhundert) erzählt, diesem klassischen Spötter. Litanim, Lezim werden sie genannt, diese Lustigmacher oder Marschaliire. Nebenbei: Hängt nicht das Wienerische „Lazzimachen" auch imV diesem Worte zusammen? Oder stammt nicht das Wort aus dem Italienischen, wo Lazzi die Extempores in den Possen iden altrömischen Alellanae) bedeutet? Man gestatte mir eine solche „Loze" eines „Narren* hier anzuführen, die Aehnlichkeit mit der auf Seite 36 unserer Broschüre angeführten besitzt. Einst waren in einer Gemeinde nacheinander die Köchin und der Sarver (Serveur, Hochzeitskellner) gestorben. Da tritt der Narr zu der verstorbenen Köchln hin, gibt ihr ein Briefchen folgenden Inhalts an den „Herrgott" in die Hand: „Lieber Gott, Du hast Dir genommen die Köchin, den Sarver, aber Dein Narr bin ich nicht, ich bin: nur Kohls Narr."