Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 7 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „N^ue National-Zeitung" Nr. -7 noch widerhaarigen und arg rückständigen Elementen, die überdies unter der Patronanz der Behörden standen und sich mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln den Neugründungen entgegenwarfen. In diesen Kämpfen aber erstarkte die Allianz. Und daß sie auf richtiger Fährte war und einer,-viel verheißenden Zukunft entgegenging, zeigten ihr die vielen tausende Mitglieder, die ihr, um das Kulturwerk zu fördern, opferwillig und verständnisvoll zuströmten; noch mehr aber der Entschluß des Baron Hirsch, der infolge dieser segensreichen Tätigkeit der Allianz auf die Zustände in Galizien aufmerksam geworden war, diese Schulgründungen in Galizien im großen Maßstabe weiterzuführen. - Die Baron Hirsch-Stiftung kam nach unsagbar mühseligen Verhandlungen — denn sie fand bei den berufenen Faktoren nicht das geringste Entgegenkommen; im Gegenteil — endlich zustande; und die Allianz, anstatt sich ihr, wie sicher zu erwarten war, als intellektuelle Urheberin dieser damals ungeahnt großartigen Schulstiftung arbeitsfreudig anzuschließen, warf bei erster Gelegenheit die Flinte ins Korn und zog sich, da sie jetzt von neuen, anders als die frühere gearteten, ruhebedürftigen Männern betraut war, auf die ehemalige Untätigkeit zurück, sägte den Baumstamm, auf dem sie so sicher saß, mit eigenen Händen ab, überwälzte hastig ihre, unter soviel Mühe und Schweiß gegründeten und zur Blüte gebrachten Schulen auf die Stiftung und rieb sich in ihrer großen — Bescheidenheit, wie von einer schweren Last befreit, aufatmend, froh die Hände, sich mit der leichten, von jedem anderen beliebigen Verein unschwer zu besorgenden Funktion begnügen zu dürfen, eine einfache Zahlstelle zu sein. Es folgen, nun zehn Jahre behaglichen Nichtstuns und — Siechtums; dieses Siechtum und die rege Bewegung — alias Konkurrenz — die sie ringsum mächtig wachsen sah, drängten sie, sich abermals die schlaftrunkenen Augen zu reiben und sich aufzurütteln. Und da zeigte es sich, daß diese Augen, vom langen, trägen Schlafe getrübt waren. Denn anstatt den Weg dort weiter zu verfolgen, wo sie ihn abermals verlassen, tappte sie sich zurück, zu seinem Anfang, nicht ahnend, daß auch in Galizien die Dinge inzwischen ein rechtschaffenes Stück nach vorwärts gediehen sind. Und so träumt sie noch den alten Traum, der vielleicht vor zwanzig Jahren noch aktuell, heute aber bereits ein längst verklungenes Märchen ist. Und so träumt sie von einem gewaltigen Zauberer, den sie in irgend einem Winkel Galiziens durch Errichtung einer e i n k 1 a s s i g e n, sage, spreche und schreibe: einer einklassigen Schule, und von einem anderen, den sie mitsamt seinem gefürchteten, gespenstischen Anhang durch Errichtung eines Kindergartens in den Sand gestreckt habe. — Ist das Altersschwäche, aus der ein Kindermund spricht? Denn an solche Kindereien, mag sie auch ein Zeitungsblatt zum Gaudium eines ahnungslosen Publikums und zum eigenen Nutzen verbreiten, glaubt heute kein vernünftiger Mensch mehr," der nur oberflächlich mit unseren galizischen Verhältnissen vertraut ist. Es gibt heutzutage, wo auch bei uns in Galizien das gesamte arbeitende Volk seit langem-so mächtig aufgewühlt und aufgerüttelt wurde und den Segen des Volksschulunterriehtes, dessen Mangel es am eigenen Leibe empfindlich fühlt, zu schätzen weiß, keine so mächtigenWunderrabbis und keine Gemeindegewaltigen mehr, die es mit Aussicht auf Erfolg wagen dürften, ©ine Schulgründung zu verhindern, auch im dunkelsten Galizien nicht mehr. Vielmehr verträgt heute jede noch so rückständige jüdisch-galizische Gemeinde und begrüßt gern eine regel rechte Volksschule, ohne daß man den faulen Versuch, der vor 30 Jahren noch am Plätze war, machen-müßte, sie im Wege eines „m o d e r rt e n C h e der s" einzuschmuggeln,- wie die Allianz uns glauben machen möchte, noch träumend von den Tagen ihrer ersten Jugend, da sie die Zwischenzeit gründlich verschlafen hat. Geht nur immer hin, in die erste beste Gemeinde, wo Unterrichtsstätten nötig, lind gründet herzhaft moderne vier- und sechsklassige Schulen und ich bürge euch dafür, daß man euer Beginnen segnen wird. Nur verschont uns, um der Wahrheit willen, mit euren längst überflüssig gewordenen, längst antiquierten Kunststückchen, die uns nur zeigen, wie sehr ihr selbst zurückgeblie be n seid! Ihr wollt Führer seih und seid doch nur selber Genasführte! Von wem? Blickt um euch und ihr seht in eurem Rücken schlaue Leutchen sich über eure Einfalt lustig machen, die euer schwaches Urteil verwirren und ihre Rechnung dabei finden. — Wollt ihr aber durchaus Kindereien treiben, so treibt sie hinter euren vier Wänden, aber schreit 'sie beileibe nicht aus und publiziert sie nicht auf Kosten gesammelten Geldes, das besser verwendet werden sollte. Und daß ich euch es nicht verhehle, diese eure, mit schier gesprengten Backen ausposaunte Aktion der „Schulgründungen", deren Wohlergehen ihr euch von einem geräuschliebenden, fahrenden Weibe bezeugen lasset, dünkt mich nicht bloß kindisch, sie riecht auch stark nach Geschäftskonkurrenz; Dann wäre es auch tief ernst um die Rettung der jüdischgalizischen Jugend vor physischer und geistiger Verwahrlosung; warum laßt ihr auf der anderen Seite blühende Schulen sich auflösen, weil ihnen die Subsistenzmittel fehlen? Warum springt ihr ihnen nicht bei, verschließt Augen und Ohren ihrer Not und geht lieber auf Abenteuer aus, um Eulen nach Athen zu tragen: das Cheder mit moderner Färbung zu stabilisieren? Alljährlich lesen wir im Berichte der Baron Hirsch-Stiftung bittere Klagen, daß diese Stiftung nicht nur die Petitionen galizischer Gemeinden um Kreierung von Schulen unberücksichtigt lassen, daß sie sogar bestehende und bewährte Schulen auflassen und zahllose Kinder ihrem Schicksal überlassen müsse! Was wäre nun da für die Allianz das nächste zu tun? Sie aber läßt feste Häuser brennen, drückt sich kalt an ihnen vorbei, um anderswo au f e i g e n e Faust ephemere Lehmhütten aufzuführen. Und niemand von euch fragt, ob das auch rechtens? Wäre die Sache nicht gar so traurig, sie nähme sich bei näherer Betrachtung possierlich aus: der Präsident der Allianz ist zugleich auch Präsident der Stiftung, Und da weiß die rechte Hand nicht, was die linke tut! Der Präsident der Hirsch-Stiftung weiß, daß heutzutage selbst die als »finster verschrieenen galizischen Gemeinden für moderne Vol-ks-' s c-h u 1 e nreif geworden, - undmuß wegen Geld mangel die von dort herkommenden Gesuche ablehnen. Als Präsident der Allianz aber bietet er hilfreiche Hand anderen Orten zur Gründung e i n k 1 a ssiger, dem Cheder nahe stehender Schulen! Was