Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 7 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue Nationai-Zeitung" Nr. 1 seinem Sohne Ahron heftige Vorwürfe, daß er dem Handel zuliebe das Thorastudium vernachlässigt: ,derhalben, mein lieber Sohn, schreib ich dir da, un' mein ganzen wilen un' meinung, das du mir nit anders solst ton un' solst her kumen lernen, is noch nit zeit mit dir, zu handeln, den ich es ganz und gar nit wil leiden, das du drumelm (Geldgeschäfte machen) solst, den ich wil dir halten den besten Lehrer, den ich in Prag bekumen kan". Das traditionelle Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb und außerhalb der Familie äußert sich in den Briefen in der liebevollsten Weise. Die kleine Gemeinde ahnt das Herannahen stürmischer Zeiten und sucht sich rechtzeitig durch engen Zusammenschluß zu stärken. Für die familiengeschichtliche Forschung bedeuten die Briefe eine äußerst wertvolle Quelle. Vieles, was auf diesem Gebiete bisher nicht klar oder nur Vermutung war, erfährt durch das Briefmaterial eine einwandfreie Stütze oder die erwünschte Richtigstellung. Wenn man bedenkt, wie schwierig es oft ist, aus einer Fülle von Namen die dazu, gehörige Person herauszufinden, mit anderen Wortfn, den richtigen Namensträger zu identifizieren, dann, wird man diesem Teile der Arbeit, deren Ergebnisse wir der auf diesem Gebiete hervorragend bewährten Tätigkeit und Sachkenntnis Dr. Wachsteins verdanken, uneingeschränkte Anerkennung zollen müssen. Es konnte natürlich nicht die Aufgabe der vorliegenden Publikation sein, die wertvollen familiehgeschichtlichen Forschungsresultate übersichtlich zusammenzufassen — das muß jenen überlassen bleiben, die . sich einmal eingehend mit der Geschichte der Prager und Wiener Judengeschlechter befassen werden— doch auch in der uns hier gebotenen Form der Anmerkungen, an der bescheidenen Stelle unterhalb des Striches erhalten wir eine Fülle einschlägigen Materials, das weit über. eine trockene und rohe Stoffsammlung gehend, uns schätzenswerte Beiträge zur jüdischen Familiengeschichte an die Hand gibt. Aus der großen Anzahl der Familiennamen, die in den Briefen teils als Schreiber und Empfänger figurieren, teils im Inhalt erwähnt werden, seien hier nur die geläufigeren zitiert: Auerbach (für die Geschichte dieser in Prag und Wien gleichermaßen angesehenen Familie bedeuten die Briefe eine .erstklassige Quelle). Gohen-Rapa (Rapoport), Falk, F a nt o, F 1 e k 1 s, F1 e s c h, G u tman, Hamerschlag (Heneles), H e 11 e r (mit wichtigen Daten zur Lebensgeschichte des berühmten Jomtob Lipman Heller), Hildesheim, Horowitz, Karpeles, Landau, Linz, Lipschitz, Maor- Eatan (Lucerna)* 0 ettingen, Poppers, Pf ibram, Reinige r, Schi k, Theomin (mit der Stammtafel der berühmten Familie, nur mit Berücksichtigung der in den Briefen vorkommenden Mitglieder auf Seite 102), Ulmo, Wallerstein, Zoref (Goldschmied) u. a. Fast für alle der hier genannten Familien und ihre einzelnen Mitglieder enthalten die Briefe neue und die bisherige Literatur berichtigende Daten. Die sprachwissenschaftliche Bearbeitung der zumeist in jüdisch-deutsch abgefaßten Briefe lag ebenfalls in den Händen eines bewährten Fachmannes, Dr. Alfred Landaus, der schon in einer früheren umfangreichen Arbeit „Die Sprache der Memoiren Glückeis von Hameln" seine Vertrautheit mit allen Details der jüdisch-deutschen Sprachforschung bewiesen hat. Ein Blick auf das Seite 115—133 abgedruckte Glossar gibt ein deutliches Bild von dem Gewinn, der aus den Briefen und ans den Untersuchungen Landaus für die sprachvergleichende Forschung, die den jüdisch - deutschen Jargon schon seit Langem als „salonfähig" anerkennt, resultiert. Neben der Schreibung im*Allgemeinen werden Einzelheiten der Wortformen und ^der Wortbildung, die Formen der Flexion, der Interpunktion etc., daneben auch die stilistische und stilgeschichtliche Seite der- Briefe in einer lichtvollen Darstellung erläutert und zu einem ansprechenden Gesamtbild vereinigt.; Die Edition der Briefe selbst ist mustergültig für ähnliche Publikationen. Berücksichtigt man die Schwierigkeiten mit denen die Transkription der in jüdischer Kursivschrift geschriebenen Briefe — mit allen Fehlern und Flüchtigkeiten der Schreiber . — in eine auch weiteren Kreisen zugängliche Schriffform verbunden ist, so muß man sagen, daß die Herausgeber ihre Aufgabe glänzend gelöst haben. Selbst derjenige, dem die Einzelheiten der jüdisch-deutschen Sprache, zumal jener des 17. Jahrhunderts nicht ganz geläufig sind, wird kaum auf irgendwelche Schwierigkeiten im Lesen und Verstehen der Briefe stoßen. Publikationen, wie die vorliegende sind in mehrfacher Beziehung wertvoll. Einerseits vermehren und erweitern sie das Rüstzeug des Forschers — in dem gegebenen Falle kommt der Historiker und der Sprächforscher gleichmäßig auf seine Kosten — andererseits sichert ihnen der anheimelnd gemütvoller Inhalt die Verbreitung in weitesten Leserkreisen. Briefe, zumal wenn sie, wie hier einen kulturgeschichtlich interessanten Ausschnitt bieten, sind und waren immer eine anregendbelehrende Lektüre. Die Wandlungen der Israelitischen . -. . ^,-^Alliai^.,-: - Lemberg, Ende März. Die Wege, welche die Wiener Allianz seit ihrer Gründung wandelt, sind schier unerforschlich. Zehn Jahre lang nach ihrer Konstituierung schlief sie den Schlaf der Gerechten; sie wußte nicht, was sie will, noch soll. Man lese nur die dürftigen Jahresberichte aus jener Zeit. Da kamen die russischen Judenaustreibungen, und sie wurde ungestüm in den Strudel der von aller Welt eingeleiteten Hilfsaktion hineingerissen. Sie beteiligte sich hervorragend — das soll ihr unvergessen bleiben — an der Rettung und Versorgung der tausenden russischen Flüchtlinge, welche hilfesuchend die galizische Grenzen überfluteten und expedierte sie in Gemeinschaft mit der Pariser Allianz zumeist aus Brody nach Amerika. — Hier auf galizischem Boden hat die Allianz sich gefunden. Sie hatte die daselbst herrschenden. desolaten Zustände, die physische und geistige Verwahrlosung der heranwachsenden jüdischen Jugend an Ort und Stelle kennen gelernt, und die reifste Frucht, die sie aus dieser Expedition heimbrachte, war der energische Entschluß, Volksschulen in Galizien ins Leben rufen zu wollen. - Es war ein schweres Stück Arbeit, diei sich die Allianz da auf den Hals lud; aber die Männer, die damals im Vorstande der Allianz saßen, hatten , den besten und edelsten Willen, und ihr Präsident war "Jos. R. v. Wertheimer, der Gründer der ersten Kinderbewahranstalten in Oesterreich und verdienstvolle verflossene Präsident der Wiener Kultusgemeinde. Auf die zehn Jahre beschaulichen Irrlichterlierens folgten jetzt 6 bis 8 Jahre angestrengter und fruchtbarer Tätigkeit, rastlosen Kampfes mit den damals