Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 7 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Meue National-^eitung^ Seite 3 hüten? Die Narrheit und Furcht, die sieh innerhalb unserer Tore breit machen? Da laufen die Einen mit schönen, süßlichen Worten unseren Gegnern nach und küssen die Hände derer, die ihnen Backenstreiche versetzen. In eitler Narrheit jauchzen andere wieder allen Neuerungen zu und erwarten von diesen rettende Hilfe. Feige, geschüttelt von blasser Furcht, sehen andere einer unbekannten Zukunft entgegen. Und es fehlen die Männer der Tat, die uns aus dem moralischen Sumpfe emporziehen, in den wir rettungslos zu versinken scheinen. Da kommt Pessah, das Fest der Freiheit, des Frühlings und der Jugend. Spende es uns Trost und Ermutigung in all dem Jammer der Zeit. Es lehrt uns die Bitternis der Vergangenheit kennen, die unsere Vorfahren zu verkosten bekamen. „Sieh', das ist die Kost, die unsere Väter in Aegypten genossen!" Nur unsere Väter? Wird sie nicht auch unsern Kindern gereicht? Dem Morgen sehnen sich diese entgegen. Wann wird er erscheinen? Wann werden die Nebel der Nacht schwinden vor den Strahlen einer jungen Sonne der Freiheit, wann werden milde Frühlingslüfte das Eis des harten Winters, der noch auf uns lastet, zum Schmelzen bringen? Bange Fragen, auf die keine Antwort entgegentönt. „Gegenwärtig sind wir noch Knechte." Die „Agade" sagt es, das alte, kuriose Büchlein. Aber, wie trefflich kennzeichnet sie wieder unsere Zeit. Greisenhafte Eitelkeit, hohle Selbstbespiegelung, niedrige Selbstzucht, alles verlästernde Mißgunst, sie führen ihr Pharaonen-Regiment in unserer Mitte. „Knechte sind wir gewesen," sagt die „Agade", wir sind es noch und haben uns noch immer nicht zur Freiheit durchgerungen. Was wird das kommende Jahr bringen? Wird es uns die lang ersehnte Befreiung schenken? Die „Agade" verkündet es hoffnungsreich, zuversichtlich. Sie verkündet es in dem wunderlichsten aller Lieder, das an ihrem Schlüsse steht. „Es kam der Heilige, gepriesen sei sein Name, und vernichtete den Todesengel." Der Todesengel, wie oft schwebte er über unseren Häuptern? Wir hörten seiner Fittiche düsteres Rauschen, wir ahnten schaudernd seine Nähe. Da raffte sich Israel auf, stark und mutig zog er gegen Tod und Verderben in den Kampf. So sahen wir manchen blutigen Pessah, wie ihn der Dichter in seiner herrlichen Erzählung schildert. Aber aus dem Blute der Ahnen erstand ein neues Geschlecht, das dem Morgen und dem Frühlinge entgegenjubelt. Und lesen wir in der „Agade" von Pessah der Vergangenheit, vom Pessah Mizraim", in der Ferne winkt ein schöneres Fest, das Pessah der Zukunft. Dr. Ignaz Schwarz: Sheffobriefe*). „Für die Erforschung des inneren jüdischen Lebens in Wien fehlen für alle Perioden jene inneren Zeugnisse, die allein imstande sind, uns ein lebensvolles Bild von der gemütlichen Verfassung und dem seelischen Gehaben der jüdischen Bevölkerung zu vermitteln". Mit diesen Worten leitet Dr. W a c h s t e i n, einer der He- *) J ü cl i s c Ii e Privatbriefe aus dem Jahre 1619. Nach den Originalen des k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs im Auftrage der historischen Kommission der israel. Kultusgemeinde in Wien herausg. v. Dr. Alfred Landau und Dr. Bernhard Wachstein Mit 8 Schrifttafeln. Wien und Leipzig, Wilh. Braumüller 1911. rausgeber der im nachfolgenden zu besprechenden Publikation seine im Vorjahre erschienene wertvolle Studie „Die Gründung der Wiener Chewra Kadischa im Jahre 1763" ein. Der Mangel derartiger indirekter Quellen macht sich dem Arbeiter auf dem Gebiete der Wiener Judengeschichte tatsächlich auf Schritt und Tritt fühlbar. Was die uns sonst zur Verfügung stehenden Quellen bieten, wird vielleicht zur Beleuchtung des Verhältnisses der Juden zu Behörden und Obrigkeiten dienen, für die Beantwortung von Fragen, die sich auf das kultur- und sittengeschichtliche Moment beziehen, lassen sie uns fast gänzlich im Stich. Und so ist jeder Beitrag, hauptsächlich wenn er aus jüdischen Quellen schöpft, im Interesse unserer Geschichtsbelehrung dankbarst zu begrüssen. Eine Quelle von ganz eigenartigem Reiz haben uns die Herausgeber in dem genannten Werke erschlossen. Denn die Briefe, um die es sich hier handelt — habent sua fata. Fast durchgehends an einem Tage — dem 22. November 1619 — von Prager Ghettobewohnern an ihre Wiener Verwandten geschrieben und dem bewährten Briefboten übergeben, wurden sieunterwogs als verdächtig aufgefangen, kamen dann auf bisher unbekannte Weise unter die Aktenbestände des Wiener Staatsarchivs, aus denen sie jetzt, fast 30U Jahre nach ihrer Entstehung zum großen Nutzen der Wiener und Prager Judengeschichte ans Licht gefördert wurden. Ist das Auffangen von Briefen zu Kriegszeiten an und für sich keine Seltenheit, so muß man in dem gegebenen Falle dem merkwürdigen Zufall, der uns das wertvolle Briefmaterial erhalten hat, Dank wissen. Die Briefe bilden schon mit Rücksicht auf ihren nur einen kleinen Bruchteil eines Zeitraumes umfassenden Inhalt keine historische Quelle ersten Ranges; die Briefschreiber mußten sich in ihren Mitteilungen wohl manche Vorsicht auferlegen. Was sie uns jedoch bieten, das sind documents humains von ganz besonderer Bedeutung. Sie gewähren uns Einblick in das Kultur- und Geistesleben eines kleinen Kreises von Menschen, die das Bedürfnis haben, ihr Leid und Freud, ihr Wohl und Wehe den durch Bande der Verwandtschaft mit ihnen verknüpften Glaubensgenossen in der kaiserlichen Residenzstadt mitzuteilen. Das Bild, das uas die 47 mitgeteilten Briefe entrollen, ist sozusagen nur ein ephemeres; wir erhalten aus ihnen die Schilderung von Ereignissen jüngsten Datums, wie sie sich in dem verhältnismäßig engen Kreise der Familie und Verwandtschaft des Briefschreibers abspielen. Gerade dieser Umstand verleiht jedoch den Briefen den Reiz der Unmittelbarkeit und den ansprechenden Charakter der inlimen Mitteilung. Sämtliche Momente des Familienlebens, Fragen des Hauswesens und des Erwerbes, des Gemeinde- und Unterrichtswesens kommen neben gelegentlicher Schilderung wirklicher oder drohender Gefahren in den Briefen zur Sprache und trotz aller Übelstände „bricht aber immer wieder der unverwüstliche jüdische Optimismus durch und das allgemeine Urteil, der durch jahrhundertlange Gewöhnung an Leiden Abgehärteten lautet schließlich: die Lage sei noch zu ertragen". Für die Beurteilung der Ethik des Judentums im 17. Jahrhundert ergeben die Briefe eine Fülle von schätzenswerten Anhaltspunkten. Rührend und ehrend ist die Anerkennung, die man d°r Gelehrsamkeit und ihren Vertretern zollt. Ghanoch Hammerschlag macht in seinem, auch sonst sehr interessantem Briefe