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Neue Nationalzeitung · 1911-04-07 · Heft 7 (7.4.1911) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 7 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 7 ähnlich behandelt, bis sich die „Obrigkeit" und die herrschende Clique überzeugten, daß sie durch ihren Druck nur eine verbitterte Gegenwehr hervorrufen und daß sich auch Märtyrer finden, die mit ihrem Blut ihrem Volke den Weg zur Freiheit düngen. Die jüdischen Wähler haben bei den vorigen Wahlen mitunter so hinreißende Beispiel© des Mutes, der Opferwilligkeät und der politischen Reife gegeben, daß wir mit Zuversicht auf die politische Entwicklung der breiten jüdischen Massen vertrauen dürfen. Sie zu befördern und zu stählen, muß Sache der Wahlbewegung sein. Vorerst müssen in allen Bezirken, wo jüdische Majoritäten oder bedeutende Minoritäten bestehen, jüdischnationale Kandidaten aufgestellt werden. Je mehr, desto besser. Der jüdische Wähler soll das jüdischnationale Programm kennen lernen; sein eigenes politisches Alphabet. Er wird es früher oder später begreifen und sich daran klammern wie ein Kind an das Gängelband. Das gilt vornehmlich für Galizien und Bukowina; nicht minder aber auch für die westösterreichischen Bezirke. Die westlichen Juden haben jeden Anlaß, die Kämpfe der jüdischnationalen Kandidaten in Galizien und Bukowina mit ihrem Interesse und ihrer Sympathie zu begleiten; die eifrigsten, selbstlosesten Kämpfer für das jüdische Werk sind doch nur d i e jüdischnationalen Abgeordneten, die weder ein „deutsches Herz", noch eine „Marxistische Bibel" als Ballast mitschleppen müssen. Deshalb ist es auch für die westlichen Juden nicht ganz gleichgiltig, wie viele jüdischnationale Abgeordnete das nächste Parlament zählen wird. Dr. S. R. Landau. Prof. Dr. M. Grünfeld: Passah-6edankeB. Mit dem Hinweis auf das Brot des Elends, das unsere Voreltern in Mizraim gegessen, beginnt sie, und einen goldenen Hoffnungsstrahl senkt sie an ihrem Ende auf unsere Häupter hernieder. Ich spreche von der alten, ewig jungen Pessah-Haggada. Dieses verschlissene Büchlein hat Heine in seinem Fragmente „Der Rabbi von Bacharach", für den mancher wohl, gleich mir, alte Ghetto-Erzählungen hergibt, verherrlicht. Die „Agade" ist ihm eine „seltsame Mischung von Sagen der Vorfahren, Wundergeschichten aus Aegypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern". Sie ist aber viel mehr. Ein seltsames, im echt realistischen Tone gehaltenes Büchlein ist's, das Israel und seine ganze Geschichte, wie in einem Spiegel, uns vorhält. Das ist kein graues, in nebelhafter Ferne liegendes Altertum, welches uns mit hohlen Augen aus diesen krausen, mosaikartigen Deutungen entgegenstarrt. Nein, wirkliche, greifbare Gegenwart lacht uns aus diesen wunderlichen Sätzen entgegen, und eine Zukunft grüßt uns, hoffnungsreich, rosig, aus dem so schwer zu verstehenden und doch so klaren Gedichtlein, „von dem Böcklein, das der Vater gekauft um zwei Sous". Besingt es doch den Allgewaltigen, der den Sieg davonträgt über alle Mächte, selbst den alles verzehrenden Todesengel. Die „Agade", wie sie Heine nennt, ist kein altes Buch, kein Buch des Altertums, sondern ein jugendlich strahlendes Werk, für alle Zeiten geschrieben, das richtige Pessah-Büchlein. Denn, was bedeutet Pessah? Den Sieg des Frühlings über den Winter, der Jugend über das Alter, der Freiheit über Knechtschaft, der Gerechtigkeit über Gewalttätigkeit, der Liebe über den Haß. Pessah bedeutet die Niederlage Mizraims, des despotischen, sich selbst vergötternden Pharaos. Und wer hat ihnen die Niederlage beigebracht? Ein Volk, das sich nach Freiheit sehnt, dem sein Kanaan in der Ferne winkt. Ein Mann, der in der Wüste zu riesenhafter Größe emporgewachsen ist, dessen ganzes Wesen durch Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe verklärt erscheint. Nicht ins Altertum führt uns die „Agade", sie zeigt uns vielmehr die Jugend, welche die Alten, die über ihren Streitfragen die ganze Nacht disputierend imd diskutierend verbringen, anrufen mit den Worten: Mit haarspaltenden Sophistereien lasset ihr die Zeit vorübergehen, und nun ist der junge Morgen erschienen, der eine neue Zeit verkündet, die ihr nicht einmal ahnet, geschweige denn verstehet. Das ist schön und dichterisch bedeutsam in der kuriosen Erzählung enthalten, die von den Weisen in Bene- Berak berichtet, von den Weisen und ihren Schülern. Sage ferner jemand, daß die „4 Söhne", von denen die „Agade" spricht, nicht recht eigentlich unsere Zeit kennzeichnen. Der Weise, der Philosoph, aber auch der Weitabgewandte, der den Gründen der Dinge nachspürt, und darob der wirklichen Welt und der realen Zeitereignisse vergißt. Der Uebermütige, der sich aus unserer Mitte ausschließt, von unserem Judentum und seinen Kämpfen, nichts wissen will. Der Fromme, der Unschuldige, der überirdische Hilfe erwartet und in seiner Herzenseinfalt den Dingen ihren Lauf läßt, wie ihn diesen eine unerforschliche Vorsehung angewiesen. Und was sollen wir von dem großen, von Tag zu Tag anwachsenden Heere derer sagen, die unserem Judentum gegenüberstehen, fraglos, wortlos? Denen dieses Judentum eine ägyptische Sphinx ist, deren Rätsel nicht gelöst werden kann? Ist es nicht ein Bild unserer Zeit, das uns hier mit frischen, unverlöschbaren Farben entgegengehalten wird, so realistisch deutlich, so strahlend, als hätte es ein Maler von heute, nicht ein Künstler längst vergangener Zeiten gezeichnet. Und dann kehre ich immer wieder, wenn ich Heines Werke durchblättere, mit besonderer Freude zu seinem „Rabbi von Bacharach" zurück. Wie realistisch treu ist hier der Seder in grauer Vergangenheit geschildert. Da feiern sie das Fest der Freiheit, es blinkt der Wein in den Bechern, aber hinter ihnen lauert Tücke und Tod. Wie schnell hat sich Freude in Trauer verwandelt, Jubelrufe sind zum Wehgeschrei geworden, der Becher des Segens, er wurde zum Becher der Wermut. Und wir wandern mit dem Rabbi und seiner schönen Sara in die Frankfurter Judengasse und hören ihn die ewigen, unsterblichen Worte sprechen: „Sieh, schöne Sara, wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Tore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Die Worte klingen, als wären sie auch aus einer „Agade" entnommen. Es ist ja richtig: Zu allen Zeiten sind sie gegen uns aufgestanden, um uns zu vernichten, und der Herr errettete uns stets aus ihrer Hand. Aber kennen wir sie nicht, die falschen Freunde, die unsere Tore von außen

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