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Neue Nationalzeitung · 1911-03-17 · Heft 6 (17.3.1911) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 6 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 „Neue National-Zeitung" Seite 7 |B9RRßSPONö5NZCN Oesterreich-Ungarn. Das „Jiddisch" im Budget-Ausschuss. Wien. Im Budget-Ausschuß sitzt der Abgeordnete des Judenviertels von Lemberg: Dr. Diamand. Neun Zehntel seiner jüdischen Wähler sprechen nur „jiddisch", sie haben die ersten Laute in dieser Sprache gelallt, sie denken in dieser Sprache und würden es als eine Profanation betrachten, am Samstag deutsch zu sprechen — auch wenn sie es könnten. Wie viele von ihnen das „Jiddisch" als Umgangssprache trotz den Warnungen des Statthalters und des Aufrufes der Kanal Häuptlinge angegeben haben, weiß ich nicht; es waren ihrer gewiß viele, wie in allen anderen Gemeinden Galiziens. Und sie wurden alle gestraft, zu den Maximal-Geldstrafen von 40 K verurteilt, die für sie ein Vermögen bedeuten — weil sie ihre Muttersprache, ihre Umgangssprache der Wahrheit gemäß einbekannt haben, weil sie sich vom Statthalter und von den Kanal Präsidenten nicht die Lüge erpressen lassen wollten, daß ihre Umgangssprache p o 1 n i s c h ist! Hunderttausende Juden in Galizien wehklagen, wenn es sie schmerzt, in Jiddisch; wenn sie seufzen und stöhnen, wenn die Mütter ihre Kinder gebären und begraben, da entringen sich ihnen nur Worte in Jiddisch; alle ihre natürlichen Empfindungen kommen durch Jiddisch zum Ausdruck — und diesen Leuten wird der Vorwurf gemacht, daß sie die Rubrik „Umgangssprache" „falsch" ausfüllen; sie werden gestraft, weil sie jiddisch und nicht polnisch angeben! Aber Herr Dr. Diamand, der Abgeordnete des Ghettos, sitzt im Budget-Ausschuß und schweigt. Dafür hat Hofrat K u r a n d a, der Abgeordnete des Wiener Franz-Josefs-Kais, gesprochen und hat sich der durch eine unerhörte Willkür Verurteilten angenommen, wiewohl sie ihm politisch ganz fernstehen. Das Eingreifen Kurandas wird den Opfern des polnischen Chauvinismus wenig helfen, aber trotzdem war es verdienstvoll. Kuranda hat damit bewiesen, daß er auch für die allgemeine jüdische Sache Interesse hat und er hat dem Minister des Innern Gelegenheit gegeben, zur Frage der „Jiddisch" als Umgangssprache Stellung zu nehmen. Minister Graf Wickenburg hat sofort geantwortet, indem er — auswich. Er meinte, daß anläßlich der nächsten Volkszählung, also in zehn Jahren, wird „erwogen werden müssen", ob an Stelle der Rubrik „Umgangssprache" eine andere zu setzen sei. Bekanntlich hat ja das Parlament durch Annahme der Resolution Kramarz einen bestimmten Wunsch geäußert, über den die Regierung jedoch zur Tagesordnung überging. Der Minister des Innern, der innerlich von dem gesetzwidrigen Vorgehen seines Statthalters überzeugt ist, traut sich offenbar nicht, den Vize-König von Galizien zu desavouieren; die Rede Kurandas wird aber möglicherweise dazu beitragen, daß Graf Wickenburg seinen galizischen Organen in Sachen der Volkszählung mehr auf die Finger schaut. Notwendig wäre es. L. Frankreich. Die Juden in Nordafrika. Paris. Die letzte Nummer des „Journal" enthält einige sehr interessante Daten über die gegenwärtige Lage der Juden in den nordafrikanischen Provinzen Frankreichs. Die Zahl der Juden in Algier beträgt heute 6C.000, die fast alle französische Staatsbürger sind. Sie wurden es durch einen Regierungsbeschluß im Jahre 18/0. Diese plötzliche Erhebung der algerischen Juden zu freien französischen Bürgern, hat sie förmlich in einen Wetteifer getrieben, sich die französische Kultur anzueignen, die nun bereits ihre Früchte zeitigt. Heute gibt es in Algier, besonders in den größeren Städten, fast keinen Juden mehr, der nicht perfekt französisch sprechen würde. Mit der Verbreitung der Zivilisation hat aber auch die Abnahme des religiösen Gefühls und des Studiums des hebräischen Schrifttums platzgegriffen. Bloß in einzelnen Städten, in denen eine größere Zahl aus Marokko eingewanderter Juden wohnen, hat dieser rapide kulturelle Aufschwung nicht diese Verheerung anzulichten vermocht. Tatsache ist, daß zwischen den Pariser Juden und den algerischen sich eine immer größere geistige Verwandschaft herausgebildet hat und daß die algerischen Juden bereits als vollwertige Franzosen oder zumindest doch als französische Juden angesehen und behandelt werden. Ganz anders stehen die Dinge in Tunis. Das Land ist viel kleiner als Algier und zählt inmitten seiner Bevölkerung von zwei Millionen ungefähr 120.000 Juden. In der Hauptstadt Tunis selbst finden sich 50.000 Juden. Tunis ist die größte Judengemeinde in Afrika und hat in der Geschichte der Juden und ihrer Wissenschaft wiederholt eine bedeutende 1 tolle gespielt. Auch heute wird dort noch viel jüdische Wissenschaft getrieben und die Juden, die in eigenen Vierteln wohnen, halten noch treu zu ihrem Religionsgesetze. Allerdings macht sich auch in der jüdischen Jugend dieser Stadt allmählich ein unstillbarer Durst nach französicher Kultur fühlbar. Die Allianee-Sehule in Tunis wird bereits von 4000 jüdischen Kindern beiderlei Geschlechts besucht, während weitere 2000 die französische Schule besuchen. Diese Generation wird bereits ganz in französischem Geiste erzogen. Aber vorläufig sind die tunesischen Juden noch keine französischen Staatsbürger und unterstehen noch der Gerichtsbarkeit des Bey, der unter dem Protektorate Frankreichs steht. Die Juden sind naturgemäß sehr erbittert darüber, daß sie unter diese barbarischen Landesgesetze gestellt sind und haben bereits alle möglichen Mittel angewandt, um ihre Lage zu verbessern, bisher jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Den Mittelpunkt dieser Emanzipationskämpfe bilden zwei jüdischfranzösische Klubs und zwei in französischer Sprache erscheinende Zeitungen. So lange aber Tunis unmittelbar unter arabischer Herrschaft steht, scheint jeder Kampf aussichtslos. Palästina. Schneefall und Notstand in Jerusalem. Jerusalem. Am 11. und 12. Februar hat an der Küste von Palästina ein Südweststurm von einer Heftigkeit getobt, wie man sich ihrer nicht erinnern kann. In Jaffa wurden 56 Leichter vernichtet oder schwer beschädigt und drei Segelschiffe aus dem kleinen Hafen an den Strand geworfen und vernichtet. Zwei italienische Fischerboote scheiterten auf der Fahrt von Port Said. Die Bemannung konnte sich retten mit Ausnahme von zwei Matrosen, die ertranken. Dazu kam Schneefall und Kälte in ganz Palästina und Syrien. In Jerusalem herrschte einige Tage hindurch ein furchtbarer Schneesturm. Auf den Straßen und Dächern erreichte der

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