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Neue Nationalzeitung · 1911-03-17 · Heft 6 (17.3.1911) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 6 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. ,6 wir Juden den ruthenischen Führern zu der Macht und Stellung verholfen, in der sie sich heute befinden. Freilich waren die rathenischen Führer damals noch voll des Lobes über den Dr. Straucher und die Juden; kaum aber sahen sie sich in Macht und Stellung, da vergaßen sie ganz an ihren treuen Bundesgenossen und halfen Gesetze schaffen, die die Juden auf dem flachen Lande ganz kalt stellten. Ja, Herr v. Wässilko ließ es sich nicht nehmen, im Landtage den Juden eines am Zeug zu flicken, was er dann durch die lahme Entschuldigung abzuschwächen suchte, daß er bei Leibe kein Antisemit sei und daß er nur so sprechen mußte, um der antisemitischen Strömung im eigenen Lager Rechnung zu tragen. So sieht nun die Dankbarkeit des Herrn v. Wässilko und seiner Parteigenossen aus! Was aber die Undankbarkeit der Juden gegenüber dem Herrn v. Wässilko anbetriffr, weiß ich wirklich nicht, wofür die Juden von Czernowitz dem Herrn v. Wassilko zu Dank verpflichtet wären. Herr v. Wassilko hat wohl so manchem Juden hilfreich die Hand geböten; dies geschah aber immer nur als Lohn für geleistete Dienste politischer oder privater Natur, keineswegs aber können solche persönliche Gefälligkeiten das jüdische Volk zu Dank verpflichten. Und wenn die jüdischen Wähler, zu denen auch ich zähle, dem Herrn v. Wassilko ihre Stimmen bei den Gemeinderats wählen gaben, so geschah es nicht etwa aus Dankbarkeit, sondern nur weil sie bekunden wollten, daß sie noch immer bemüht sind, trotz der Affronts, die ihnen die ruthenischen Führer wiederholt angetan haben, das gute Einvernehmen mit denselben aufrecht zu erhalten. Die 254 Juden aber, die den Namen Wassilkos auf ihren Listen strichen, haben ihm dafür, daß seine Partei ihren Stimmzettel blitzblank judenrein machte, die gebührende Antwort gegeben. T)er Jahresbericht des „Bezalel". Der Verein „Bezalel" versendet den fünften Bericht der Kunstgewerbeschule in Jerusalem. Deiselbe weist erfreuliche Fortschritte auf. Zunächst hat der „Bezalel" die Größe seines Betriebes bedeutend erweitert. Gegen 150 im Vorjahre waren im verflossenen Jahre 270 Personen (Arbeiter und Schüler) beschäftigt. Die Räume des stattlichen Hauses reichten für die Zwecke der Schule nicht mehr aus und wurde das bisher vermietete zweite Bezalelhaus in den Betrieb einbezogen. Außerdem wurde noch in den Gartenräumen des „Bezalel" ein neues Teppichatelier errichtet. Ein wichtiger Ansiedlungsversuch ist in Ben Schämen (ehemals Kirjat-Sefer) bei Lydda unternommen worden, indem dort mehrere Arbeiterfamilien kleine Häuschen und ein Terrain von je zirka 20 Ar erhalten, worauf die Arbeiterfamilien einen Gemüsegarten anlegen, Geflügelzucht und Milchwirtschaft hetreiben können, während die Männer gegen ein festes Monatseinkommen in gemeinsamen Werkstätten an der Herstellung kunstgewerblicher Gegenstände arbeiten. Vom hygienischen Standpunkte aus verdient die judäische Hochebene den unbedingten Vorzug vor den schmutzigen Gassen Jerusalems, auch die ökonomischen Verhältnisse der Siedler werden auf dem Grund einer gemischten landwirtschaftlich-industriellen Lebensführung eher ihr Fortkommen finden. Vom Standpunkte der jüdischen Kolonisation aus sind aber die Anlagen von Siedlungen auf dem flachen Lande von besonderem Werte. Es ist zu wünschen, daß übrigens weitere Kolonien der Uebersicht wegen nicht zu versprengt m Lande angelegt werden. Für die Leitung der Ateliers wurden zwei tüchtige Lehrkräfte aus Berlin (die Herren;Richard und Erich Goldberg) engagiert, von denen der eine auch den Mal- und Zeichenunterricht leiten wird. Sonst stehen den verschiedenen Ateliers größtenteils ehemalige Schüler des „Bezalel" vor. Es bestehen gegenwärtig folgende Abteilungen: Teppichatelier (dazu Spezialabteilung für Seidenteppiche), Filigran-, Rahmen- und Inkrustations- (Perlmutter-), Kupferabteilung (Damaszener Arbeiten), Kupferschmiede, Färberei, Spitzenatelier (im Anschluß an die Bestrebungen des Frauenbundes für Kulturarbeit in Palästina), dazu Korbflechterei und Lithographie, letztere vorläufig in eigener Regie der Unternehmer. Ein Berliner Kunstgewerbetreibender läßt sich über die Erweiterungsfähigkeit einiger Betriebe folgendermaßen vernehmen: „Als neu einzuführende Techniken kommen im wesentlichen die Metall treibar bei t in Betracht, die zur Vertiefung der Filigran- und Damaskusmetallarbeit erforderlich ist. Alsdann die Elfenbeinschnitzerei, die man als Einlagen, sowohl für die Metallarbeiten, als in Verbindung mit Holzschnitzerei benutzen könnte. Als neue Werkstatt würde ich alsdann noch eine solche für die Batiktechnik empfehlen. Mit Hilfe der letzteren, die keinerlei maschinelle Einrichtungen erfordert, ist es möglich, auf Stoffen aller Art farbige Dekorationen anzubringen," In Bezug auf die Filigranwerkstatt wird empfohlen, „dieselbe in Verbindung zu bringen mit plastisch getriebenen Silberteilen, eventuell unter Verwendung von Email und farbigen Halbedelsteinen. Auch die Verbindung von Eben- und Olivenholz mit Filigranarbeit dürfte von Vorteil sein. Das erste wäre die Einführung der Treibarbeit. Notwendig wäre ferner die Einrichtung einer eigenen Gießerei". Für die Holzwerkstatt empfehle sich die Einführung eigenen Maschinenbetriebes. Die stetige Ausdehnung des „Bezalel" spiegelt sich natürlich auch in den mitgeteilten Daten wieder. Der Wert der hergestellten und verkauften Erzeugnisse belief sich im Jahre 1908 auf zirka Frcs. 20.000' — „ „ 1909 „ „ „ 35.000 — „ „ 1910 „ „ „ 90.000—, Die Arbeitslöhne betrugen exklusive der für den Unterhalt der Schüler erforderlichen Beträge zirka Frcs. 50.0QO —. Die Aktiva betrugen Frcs. 85.579 23 gegen bloß Frcs. 55.650 30 im Vorjahr. Im Berichtsjahre wurden in den Ateliers bedeutende Investitionen gemacht, so daß sich deren Wert von Frcs. 17.000'— im Jahre 1908 auf Frcs. 53.000 — per 1910 erhöht hat. Der Wert des Museums ist mit Frcs. 17.500'— ausgewiesen. An Subventionen und Mitgliedsbeiträgen gingen im Jahre 1910 Mk. 67.000 — gegen 52;800*— (1909) und 19.200'— (1908) ein. Im Berichtsjahre wurde eine Reihe von Ausstellungen mit gutem Erfolge veranstaltet, u. a. in Hamburg (anläßlich des Zionistenkongresses), in Wien (beim Jubiläum der Bar- Koch ba) und in Lemberg. Herr Rittergutsbesitzer Dr.^Paul Schottländer in Breslau hat beschlossen, auf den Namen seines verstorbenen Vaters Julius Schottländer eine Abteilung im „Bezalel" zu errichten und hat für diesen Zweck die Summe von Mk. 10.000'— gespendet.

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