Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 6 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 „Ivette National-Zcitung" Seite 5 tum, und dieser Anblick, dieser ganz unbegreifliche Haß, das wurde das Motiv zur Umkehr und Rückkehr. Das war der Moment, wo er sich sagte : Du stehst unter diesen Leuten, du spielst mit der Kultur dieser Leute, du fühlst dich noch stolz, wenn du dich der Kultur dieser Leute anpassen darfst* die zu dir und deinesgleichen so stehen, mit diesem verzerrten Haß im Gesieht. Die ganze Dreyfus-Geschichte ist ja gar nichts neues, sie ist schon einmal dramatisiert worden im „Kaufmann von Venedig". Dort wird ein Jude um sein gutes Recht betrogen und alle Manschen freuen sieh. Was bedeutet das? Das ist: daß jede auf feudalem Boden stehende Gesellschaft isoliert leben will. Wie das Fremde herankommt, hört alle Ethik, alle Aesthetik auf; gegen ihn, den Andersartigen, den Fremden ist alles erlaubt. Das hat sich im Falle Dreyfus gezeigt. Ich fürchte, daß sich eine ganz ähnliche Geschichte imFalleHilsner abgespielt hat. Die Frage des Zionismus, die Frage des in Palästina aufzurichtenden Judenstaates oder Kolonisations- Werkes ist eine Sache, die ich viel zu wenig verstehe, als daß ich über sie ein Urteil fällen könnte. Sie ist atich, meine ich, nicht so notwendig. Notwendig ist der Judenstaat im Bewußtsein des einzelnen Juden. Wo zehn Juden beisammen sind, dort soll ein Judenstaat sein. Im nationalen Leben kommt es auf rein instinktive Dinge an. Ich kann ein vollkommener Engländer im Denken und Empfinden werden. Aber selbst wenn ich 20 Jahre in England gelebt habe, mit einer Engländerin verheiratet bin und mich scheinbar vollkommen assimiliert habe, dann werden noch kleine Dinge zum Vorschein kommen, die zeigen, daß ich dennoch kein Engländer geworden bin. Instinktive Dinge lassen sich nicht vom Gehirn aus erraffen. Das, glaube ich, ist der tiefe, psychologische Irrtum der Assimilationsjuden. Was ich sagen will, ist dies: daß nach meiner Ueberzeugung das einzig Notwendige für die Juden und das einzig Notwendige für die anderen Nationen in Europa ist, daß die Juden sich auf ihre eigene Nationalität besinnen, daß sie sich als Nation in Europa organisieren, wobei sie ja in jedem einzelnen Staate sehr gute, brave Staatsbürger sein können und daß sie als organisierte Nation (ob sie nun einen Staat haben oder etwa nur eine große Kolonisation, ist da gleichgültig) sich bekennen und leben. Das Innen ist das Judentum und wenn die Juden sich als Nation fühlen, dann müssen sie, historisch, ob sie wollen oder nicht, auf der richtigen Seite der Menschheit stehen, auf der Seite der Freiheit, auf der Seite des Volkes. Ueberall dort, wo irgendwelche Bedrückte sind, dort sind ihre Freunde und nirgends anders. Seien Sie die Freunde dieser Bedrückten und Sie werden immer auf dem rechten Wege sein. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration. S. WagscfiaÜ (Czerno Witz): I^Iikölai vod Wassilko als „}uderifreund"*). Mit gravitätischer Vornehmheit stattet Herr Nikolai von Wassilko in der „Bukowinaer Post'1 vom 23. Februar d. J den 855 Gemeinderatswählern den Dank ab für das ihm geschenkte Vertrauen, und erhebt gleichzeitig wie ein rachesiebtiger Prophet drohend den Finger gegen die 254 jüdischen Wähler^ die den Mut aufbrachten, ihn nicht zu wählen resp. auf d^r offiziellen jüdischen liste zu streic hen. — Er legt das Bekenntnis ab, dtß wie eine gefährliche Drohung klingt, daß er von dem Wahne, als ob die Juden Dankbarkeit halten, geheilt sei; die Schlußfolgerung läßt sich da leicht ziehen, daß der von diesem Wahne nunmehr Geheilte, alle Rücksichten gegen die Undankbaren, aber auch gegen die wenigen Dankbaren fallen zu lassen sich anschickt. Dieser Fall ist für uns Juden nicht mehr nett; wir haben es wiederholt an unserem Leibe erfahren, daß so und soviele sogenannte Freunde, die eine Zeitlang aus Konvenienz Judenfreundlichkeit heuchelten, bei jedem nur geringfügigen Anlasse, ihre Judenfreundlichkeit fallen ließen, um in das antisemitische Horn zu blasen, dessen Töne so manchem im Verblassen begriffenen Politiker wieder auf die Beine halfen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getaxi, der Mohr kann gehen: dachte sich Herr v. Wassilfco schon längst über die Juden, die ihn und: seine Partei jahrelang unterstützten. Nun soll die Tat den Gedanken folgen. Wir Juden sind auch immer auf solche Ereignisse gefaßt, und wenn wir auf die Vergangenheit, wo wir so manch starken Gegner ü! erlebten, zurückblicken, schauen wir auch vertrauensvoll in die Zukunft: trotz einer eventuellen offenenen Gegnerschaft des gewaltigen Herrn v. Wassilko. Zur Aufklärung nur will ich hiemit beigetragen haben, daß die Undankbarkeit nicht auf Seiten der Juden; als vielmehr auf selten des Heyfh von Wassilko zu finden ist, und ist es ganz unverständlich, wie der sonst so schlaue Herr v. Wassilko1 sich so naiv stellt, die Sehuld der Undankbarkeit den Juden in die Schuhe zu schieben. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß Dr. S t r a u c h e r die seinerzeit erst im Werden begriffene ruthenische Partei aufs tatkräftigste unterstützte, indem er derselben bei allen Wahlen in Stadt und Land die jüdischen Stimmen zuführte, in der Voraussetzung wohl", daß die ruthenischen Führer auch die vielfach zurückgesetzten Juden unterstützen werden. Freilich fehlte es damals schon ni<ht an Zweiflern unter den Juden, die kein allzugroßes Vertrauen in die ruthenischen Führer setzten, und Herr Dr. Straucher mußte über sich die schärfste Kritik wegen seiner Rufherien-Politik ergehen lassen. Er aber ließ im guten Glauben von dieser eingeschlagenen Politik nicht ab, und so war es geschehen, daß die Juden, die jahrelang im- Dienste der Deutschen standen, sich voll und ganz in d«*n Dienst der Ruthenen stellten, wozu auch ich »in Scherflein beitrug, indem ich in einem Artikel in der „Bükuwinaer Post'1 vom 6. Dezember 1906 für diese Politik Stimmung machte. So hüben *) Bei den jüngsten Gemeinderatswahlen in Czernowitz ist Wassilko in der III Kurie neben elf Juden als einziger Nichtjude, lediglich mit jüdischer Unterstützung, gewählt worden. Er selbst hat seine Kandidatur mittelst einer polnisch-rathenischen Liste aufgest- 11t, welche durchfiel. Da Wassilko jedoch auf der offiziellen jüdischen Liste von 254 Wählern gestrichen wurde, nahm er dies zum Anlaß, um sich in einer Zeitung über die „Undankbarkeit der Juden" zu beklagen Äfo ßedaktioo