Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-03-17 · Heft 6 (17.3.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 6 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425836--1972-2428369
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 „Neue NatipnalrZeitung" Nr. 6 In munizipalen Angelegenheiten trägt der Jude die schwersten Bürden, ohne sich der einfachen Börgerrechte zu erfreuen. Nach einem Ausnahmsgesetze von 1892 darf ein Jude sich weder an 4er Wahl der. Stadtältesten beteiligen, noch als Stadtältester erwählt werden. Einige Mitglieder der jüdischen Bevölkeiung des Ansiedlungsgebietes können wohl von den Gouverneuren der Provinzen dazu ernannt werden. Doch darf ihre Zahl nicht den zehnten Teil der Aeltesten übersteigen. Sogar in Städten, wo die Jaden drei Viertel der Bevölkerung au-machen. In solchen Plätzen herrschen oft Trunkenbolde oder Analphabeten — nur weil sie keine Juden sind — über eine intelligente, wohlerzogene Bevölkerung. Auch die von den Gouverneuren ernannten jüdischen Stadtältesten sind selten wahre Vertreter der Stadtinteressen oder ihrer Glaubensgenossen. (Ifach Aufzählung der vielfachen unmenschlichen Bedrückungen der Juden von seilen der russischen Regierung kommt Rosentbal zu der Ueberzeugung, daß bis zur Lösung der Frage des Domizils sich die Lage der russischen Juden nicht bessern kann.) Hermann Bahr: f)ie Juden in Oesterreich. (Schluß) Ueberall haben wir zwei Gruppen, die feudale, die an der Herrschaft festhalten will, und die liberale oder humanistische oder demokratische Gruppe, den anderen Teil der Menschheit, der empor will, der das alte Joch brechen will. Wie müssen sich nun diese beiden Parteien zu diesem Reformjudentum stellen. Glauben Sie, die alten feudalen Herren, die herrschende Klasse, können eine Freude haben an diesen konservativen feudalen Juden? Ich glaube nicht. Die bloße Existenz dieser feudalen Juden ist ja doch schon ein großes Fragezeichen. Denn mögen sich die Juden noch so sehr bemühen, feudale Formen anzunehmen, die feudale Welt wird sie immer von $ich abwehren und abwehren müssen. Und der demokratische, der emporstrebende Teil der Renschen, der hat sich oft schon direkt für die Juden begeistert, so in der Zeit der Freiheitskriege voii 1800 bis 1810, wo jeder freiheitlich gesinnte Mensen für das Judentum geradezu schwärmte. Und diese Begeisterung hatte ihre natürliche egoistische Begründung: Das bedrückte Bmgertum, der bedrückte Arbeiterstand sahen in den Juden ihre natürlichen Freunde gegen den gemeinsamen Feind. Nun ist es aber ejne sehr merkwürdige Tatsachee, daß die Juden, wie sie zu Geld kommen, auf die feudale Seite übergehen. Daher das tiefe Befremden unter den demokratischen Parteien, daher Klagen über die Unzuverlässigheit der Juden. Für mich ist es aber noch etvvas ganz anderes, was mich befremdet und was mir zugleich furchtbar leid tut: In diesem ungeheuren Kampf der Demokratie gegen die feuda e Well brauchen wir das Judentum und wenn die Juden sich als Rasse, als Volkstum deklarieren würden, könnten sie eine Rolle in diesem Kampfe spielen wie keine andere Nation. Aus einem einfachen Grunde. Die Juden hätten es ni-ht nötig, sentimental zu sein im J£ampfe gegen die feudale Welt Denn wir Nicht-Juden tragen doch in unserem Innern die alten ererbten Wahnvorstellungen unserer Kindheit, wir müssen uns immer erst von der feudalen Welt, in deren Suggestion wir aufgewachsen sind, losmachen. Ich habe in London eine Versammlung der englischen Lords gesehen. Und w,ie ich die englischen Ladys, und Peejs in ihren Kostümen anläßlich einer Thronrede daherkommen sah, ergriff mich die Schönheit des Bildes so sehr, daß es mir fünf Minuten lang aufrichtig leid tat, daß diese so wunderschöne, ästhätisch so prachtvolle Welt zugrunde gehen soll. Das ist die verdammte Sentimentalität, die davon herrührt, daß wohl mein Urgroßvater ein Knecht gewesen ist, der sich vielleicht ganz wohl gefühlt hat, duß er Fürsten dienen konnte. Irgendeine Welle ist in meinem Blut, die mir manchmal ei' e so sinnlose Ehrfurcht vor der Vergangenheit einflößt. Aber doch den Juden nicht! Die waren doch nicht in die Ideale der feudalen Welt eingeschlossen. Die waren doch in der Judengasse mit dem gelben Fleck 1 Und jetzt werden sie sentimental, wenn sie — ein Barockornament sehen! Wie prachtvoll könnten die Juden in der modernen Welt wirken, wenn sie, von diesem Mangel an Sentimentalität, von diesem Ballast an unnützer Ehrfurcht vor der Vergangenheit befreit, brutal in diese Welt hineingreifen würden und sagen würden: Eure Vergangenheit haben wir Gott sei Dank nicht mitgemacht, wir schätzen sie nicht, wir brauchen sie nicht, wir wollen vorwärts. Das ist das psychologische Problem für die Juden. Und das habe ich nicht zuerst erkannt und hätte es vielleicht nie gesehen, wenn mir nicht ein großes Glück im Leben widerfahren wäre. Ich rechne es nämlich zu den wirklich großen Glücksfällen meines Lebens, daß ich den größten Juden unserer Zeit von Jugend auf persönlich gekannt habe und daß ich mit ihm sehr befreundet gewesen bin: mit Theodor Herzl. Theodor Herzl ist ein Beispiel, an dem Sie den ganzen Leidensweg des Juden sehen können. Wissen Sie, was Theodor Herzl war, wie ich ihn kennen gelernt habe? Er war deutschnationaler Burschenschafter. So fing er an. Und er war ein ausgezeichneter deutscher Burschenschafter. Mit der psychologischen Geschmeidigkeit, die dem Juden eigen ist, hatte er im Gehirn das ganze Deutschtum aufgenommen und wußte es nun sozusagen plastisch auszudrücken. Zum Lohn dafür beschloß seine Burschen schaft, als er im dritten oder vierten Semester war, die Juden aus der Couleur cum infamia zu chassieren. Das war das große Judenerlebnis Herzls. Er, der der Bedeutendste unter diesen Leuten war, er, dem es am ernstesten war mit dem Deutschtum, er wurde herausgeworfen, obwohl ihn alle gern hatten. Nun ging Herzl nach Berlin. Nun versuchte er Weltmensch zu sein. In Berlin fungierte er als Wochenplauderer des „Berliner Tageblatt" in halbfranzösischer Art, etwas, was ihm, wie alle Dinge, die dieses starke Talent angriff, vortrefflich gelang. Nach außen. Für sein eigenes. Empfinden nicht. Denn er war ein Mensch von einer solchen inneren Unschuld, daß er in der geringsten Verlogenheit nicht existieren konnte. Und so war dieses Weltmann-in-Berlin-Spielen für ihn bald unerträglich und rasch ergriff er die erste Gelegenheit, um nach Paris zu kommen. In Paris hat er das ganz große, aufrüttelnde Erlebnis seines Daseins gehabt. Er hat mir dies oft mit schlichler Einfachheit und doch so wunderschön erzählt. Er war dabei, als journalistischer Berichterstatter für die „Neue Freie Presse", wie dem Hauptmann Dreyfus. die Ippauletten vom Leibe gerissen wurden. Und er hat mir geschildert, wie die Gesichter der Menschen ringsherum ausgesehen haben und wie es. für ihn war, als hätte er bisher sein ganzes Leben in einer tiefen Nacht verbracht und plötzlich sei ein ungeheurer Blitz gekommen, der ihm mit einemmale einen Moment lang die ganze Wahrheit enthüllte: er sah auf allen Gesichtern den ungeheuren Haß, nicht gegen den armen Hauptmann Dreyfus, sondern gegen das, ganze Juden^-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.