Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 6 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 „Neue National-Zeittmg" Seite 3 Das gleiche Schicksal trifft die Juden im Lehrerberuf. Von den jüdischen Schulen und den jüdischen Religionslehrern abgesehen, gibt es weder in den Elementarschulen, noch in den mittleren und höheren Lehranstalten auch nur einen einzigen jüdischen Lehrer. Ebenso sind sämtliche Professuren an allen Hochschulen „judenrein" und die wenigen jüdischen Privaidozenlen, die sich während der Iibera'en Aera Alexanders II. habilitieren konnten, sind an den Fingern abzuzählen. Zur Erhallung der Schulen tragen die Juden schwere Steuern; jedoch nur ein geringer Prozentsatz ihrer Kinder findet in den russischen Schulen Aufnahme. Die Juden können in der Armee dienen. In Wirklichkeit liefern sie 30 bis 40 Prozent mehr Soldaten als es das Los bestimmt. Der Jude darf für das „heilige Bußland" sterben; aber er soll keine Belohnung erwarten. Kein Jude kann Offizier werden. 60.000 Juden dienten im japanischen Krieg. Ein Ukas von 1904 versprach allen Juden, die sich im Kriege würdig benommen haben, freies Wohnrecht im ganzen Reich. Doch die russische Regierung ist an Versprechungen nicht gebunden. Der Jude wird von drückenden Ausnahmsgesetzen und widerspruchsvollen Gesetzauslegungen sosehr gehetzt und geplagt, daß er nicht mehr weiß, welch „allgemeines Menschenrecht" ihm am folgenden Tag entzogen werden mag. Es scheint, daß für die Juden überhaupt kein Gesetz mehr existiert, welches die russische Regierung zu respektieren verpflichtet ist. Er ist vollkommen auf Gnade und Ungnade der raubgierigen Polizei preisgegeben. Es ist berechnet, daß die Juden jährlieh 20—25 Millionen Rubel Schutzgelder an die Beamten bezahlen. Bestechung ist ihre einzige demütige Waffe. . . . Doch vom jüdischen Standpunkte aus sind es nicht die Plünderungen, die Entrechtung, sogar nicht die Morde, die am meisten zu beklagen sind l Schrecklicher als all diese sind die unvermeidlichen Folgen der immerwährenden Furcht und Verfolgung — die moralische Entwürdigung einer Rasse. Für dieses Verbrechen wird Rußland verantwortlich sein. Doch nicht Rußland allein. Die Zivilisation kann der Strafe nicht entgehen für die Handlungen, die die Zivilisation gestattete. Diese unverzeihliche Politik der russischen Regierung wendet sich in erster Reihe an die brutalen Instinkte der ignoranten Massen. Sie begann mit dem Regierungsantritt Alexanders III., als die ersten „Pogrome" die ganze zivilisierte Welt empörten. Seit der Zeit haben die Judenverfolgungen nicht nachgelassen. Massenausweisungen wechselten mit Massenmord ab. Die Grausamkeiten fanden ihren Gipfelpunkt in der Tendenz einer völligen Vernichtung der jüdischen Rasse in Rußland. Der Urheber dieser Politik war Pobjedonoscew — genannt der Großinquisitor von Rußland. Sein Plan war, ein Drittel der Juden zur Auswanderung zu zwingen, ein zweites Drittel im Schoß der griechisch-orthodoxen Kirche zu absorbieren und das bleibende Drittel durch wohlgeplante Entziehung der Existenzmittel auszurotten. Diese augenscheinlich unmögliche selbstmörderische Politik wurde im Auslande nicht ernst genommen. Jedoch die brutale Behandlung der Juden während der letzten zwei Jahre zeigt, daß die russische Bureaukratie, die „ihren Willen zu ihrem Gesetz macht" — es versucht, sogar das Unmögliche möglich zu machen. Die Juden werden wie einfache Verbrecher von Ort zu Ort gehetzt. Ausweisungen, Verfolgungen und die unvermeidlichen Bestechungen schaffen ein wirtschaftliches Elend und eine industrielle Verwirrung, welche große Massen zwingen, Schutz und Sicherheit :in der Auswanderung zu suchen, und ruinieren die Existenzen vieler, die nicht einmal in der Flucht -Rettung finden können. Von Zeit zu Zeit erscheinen in unseren Tagesblättern kurze Kabelnachrichten unter den Ueberschriften: „Das russische Ansiedlungsgebiet wird erweitert", oder „daß der Zar eine Kabinettsbestimmung gutgeheißen hat, wonach neue Wohnungsgebiete für die Juden eröffnet werden sollen". Darauf folgt ein Verzeichnis von präsumptiven neuen Lokalitäten. Nichtrussen werden durch ein solches Verzeichnis leicht irregeführt. Wie viele amerikanische Leser können wohl wissen, daß all die Gouvernements, die in der Kabelnachricht verzeichnet stehen — Witebsk, Wolhynien, Mohilew etc. — immer zum Ansiedlungsgebiele gehörten. Für die Eingeweihten ist es kein Geheimnis, daß vor jeder Aufnahme einer neuen Anleihe die lokalen Beamten die Juden aus den Dörfern ausweisen, damit die zentrale Regierung ihnen später die Erlaubnis erteilen mag, in ihre Wohnsitze zurückzuhehren, um so der ganzen Welt ihre Liberalität laut zu verkünden» Dieses fördersame Mittel wurde in der letzten Zeit so oft wiederholt und hat so vieles Unheil angestiftet, daß im letzten Sommer — trotz dem Triumphe der Reaktion — 160 Delegaten der Duma sich bewogen fühlten, eine Gesetzvorlage in die Duma einzubringen, um der größten Kalamität der russischen Juden, dem Wohnrechte, ein Ende zu machen. Weitere 30 Mitglieder der Duma haben versprochen, die Gesetzesvorlage zu unterstützen. Was auch das Schicksal der Gesetzesvorlage sein mag, so wird doch schon die Diskussion derselben die wahre Lage der russischen Juden enthüllen. Von den neulichen Auslassungen in den reaktionären Zeitschriften merkt man bereits, daß die Regierung die durch die Debatte hervorgerufenen Eindrücke abzuschwächen versucht. Vom amerikanischen Standpunkte aus ist jedes Kind berechtigt, eine Schulbildung zu genießen. Sogar die Schulbildung ist einem großen Teil der jüdischen Jugend versagt. Unter Nikolaus I. und Alexander II. machte die russische Regierung große Anstrengung, die Juden von ihren alten Methoden der Talmudschulen abzuwenden und sie zu veranlassen, die Staatsschulen zu besuchen, Die Studenten wurden sogar durch verschiedene Konzessionen und Privilegien ermuntert. Diese weitsichtige Politik brachte Resultate, die für die Juden sowohl als für die Regierung von Nutzen waren. Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Seit 1886 hat der Kultusminister Verordnungen erlassen, wonach die Zahl der Juden in den Schulen bedeutend beschränkt ist. In den Residenzen Petersburg und Moskau auf 3 Prozent der Gesamtaufnahme, in anderen Städten bis 5 Prozent und im Ansiedlungsgebiet bis 10 Prozent, Einige Hochschulen nehmen überhaupt keine Juden auf. Diese grausamen Beschränkungen haben einfach barbarische Zustände hervorgebracht. Bloß ein geringer Teil der jüdischen Kinder kann in die Schulen aufgenommnn werden und ein Konkurrenzexamen bestimmt, wer die Bevorzugten sein sollen. Da beginnt in den Familien ein Drillen, Vorbereiten und Abquälen der Kinder, damit sie das Examen glänzend bestehen sollen. Manche eifrige Eltern versuchen es auch — bei der russischen Sphäre der Korruption — die Lehrer und Direktoren durch Bestechungen zu gewinnen. Nichts kann demoralisierender für die Eltern und die Kinder sein. In diesem harten Kampfe um das Privilegium, die Schule zu betreten und dann dieses Privilegium zu bewahren, ist es nicht zu verwundern, daß viele hochbegabte jüdische Studenten auf der Universität geistig und physisch erschöpft sind. Und dort beginnt der Kampf aufs neue. Manchmal müssen sie jahrelang warten, bis sie immatrikuliert werden. Tausende verlieren endlich alle Hoffnung und gehen ins Ausland, um dort ihre Studien zu beenden. Doch das Diplom einer ansländischen Universität gibt den Juden nicht das Wohnrecht im Innern des Reiches. Sogar mit einem russischen Diplom werden den Juden noch allerlei Schwierigkeiten in den Weg gelegt.