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Neue Nationalzeitung · 1911-03-17 · Heft 6 (17.3.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 6 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 6 Herr Stapinski bekämpft die Juden und speziell dieZionisten. Wie kommt es nun, daß er der zionistischen „Kredit- U nion" in Lernberg-den Ankauf seiner Bank-KonZession um den Betrag von K 200.000 offeriert hat? Könnte man nicht, wenn man wollte, seine Hetze gegen die armen Schenker mit der Ablehnung jenes Geschäftes seitens der zionistischen Kredit-Genossenschaft in Zusammenhang bringen? * Die chiistlichsoziale Stojalowskische Bauernpartei hat vor einigen Tagen in einem Krakauer Schwurgerichtsprozeß eine schwere Niederlage erlitten. Pater Szponder, ein Mitglied des Polenklubs, wurde als Privatankläger gerichtlich als Emigrations-Hyäne gebrandmarkt, zahlreiche Verfehlungen in pekuniärer und sittlicher Beziehung, Auswucherung, Schwindeleien, Sittlichkeitsattentate u. dgl. wurden ihm nachgewiesen; aus dem Prozesse gegen den Direktor der „Polnischen Emigrationsgesellschaft", Herrn Okolowicz, ist letzterer fr eigesprochen als Sieger hervorgegangen. Und Pater Szponder bleibt weiter Mitglied des Polenklubs, um als echter „Christlichsozialer" gegen die „jüdische Moral" und „jüdische Ausbeutung" zu wettern. * Der jüngste Schlachzize, Dr. Nathan v. Löwenstein, hat in den letzten Monaten die polnische Presse mehr beschäftigt als ihm lieb war. Bei der Transaktion zwischen den Grafen Heinrich Potocki und Anton Wodzicki einerseits und der preußischen Regierung anderseits, wodurch die teiden Grafen ihre Anwartschaft auf das fürstlich Sulkowskische Fideikommis Rydzyna um den Preis von neun Millionen Mark verkauften, hat Dr. v. Löwenstein als Rechtafreund des Grafen Potocki interveniert Hiefür hat er ein Honorar von 250 000 Mark eingeheimst. Der Sturm des Unwillens, der in der gesamten polnischen Presse gegen die beiden Grafen als nationale Verräter entflammt ist, hat auch den Dr. v. Löwenstein nicht verschont. Auch ihm wird vorgeworfen, daß er für einen Judaslohn polnisches Eigentum an Preußen verschachert hat: er, der doch Häuptling der Assimilation sjuden zu sein vorgibt, er, der den Schimpfnamen des Hausjuden zu seinem Ehrentitel auserkoren hat. Die polnische Presse vergißt offenbar, daß Moszko überall seinen Vorteil sucht, daß für ihn der Patriotismus ein Geschäftsobjekt ist. Macht man mit und durch Patriotismus Geschäfte, dann ist man Patriot; steht der Patriotismus im Wege, dann ist man bloß — Geschäftsmann. Die polnische Presse, soweit sie von Löwenstein nicht bestochen wurde, hat diese Moszko-Moral nicht akzeptiert. So ist es um Löwenstein herum still geworden. Er mußte zusehen, wie ihm das Ziel seiner Träume, die Stelle des Präsidenten der Lemberger Advokatenkammer, von seinem Busenfreunde Dr. Aschkenaze weggeschnnppt wurde; auch sein Lemberger Genieinderats-Mandat ist unsicher. Viele christliche Wähler hatten bei den vorwöchentlichen Wahlen in den Komitee-Listen seinen Namen gestrichen und dafür geschrieben: „Nathan de Rydzyna" oder „Nathan Rydzynski". Da=? Skrutinium ist noch nicht beendet; es wird aber zeigen, wer sich bei der Lemberger Wählerschaft einer größeren Gunst erfreut: Dr. von Löwenstein oder Nathan de Rydzyna ... * Der Zersetzungsprozeß im Polenklub hat begonnen* Und er wird unaufhaltsam fortschreiten. Denn dieser Polenklub hat die meisten seiner Mandate nur der Gewalt, dem Mißbrauch, dem Schwindel zu verdanken. Die großen Ideale der Menschheit, die das nationale Fundament eines jeden Volkes bilden müssen, haben im Polenklub nur ganz vereinzelte Vertreter. Darum kämpfen die Fraktionen miteinander nicht um allgemeine Volksgüter, sondern sie feilschen um den Platfc an der Krippe: um Minister-Portefeuilles, Bank-Konzessionen, Emigrations-Bureau-Lizenzen, Schenken usw. Wie lange noch kann und dart ein solcher Klub im österreichischen Parlamente eine führende Stellung einnehmen? L. Hermann Rosenthal CNew-York): Das Martyrium der russischen Juden.*) Nur wenige Personen außerhalb der Grenzen von Rußland haben irgend einen Begriff von der wahren Lage der jüdischen Untertanen des Zaren. Dafür hat die russische Regierung schon Sorge getragen. Die Preßzensur und verschiedene „Einflüsse" sind ziemlich wirksam, die Veröffentlichung gewisser Wahrheiten zu unterdrücken oder zu beschränken und den Eindruck zu verbreiten, daß der Teufet nicht so schwarz sei wie er gemalt wird, und daß die russische Bureaukratie auch zartfühlend sein kann. In Wirklichkeit aber ist die Politik der russischen Regierung in Bezug auf die Juden brutal und grausam. In drei Dekaden wurden anderthalb Millionen Juden gezwungen, ihr Vaterland zu verlassen. In einer Reihe von schrecklichen „Pogromen" oder antijüdischen Exzessen, die von der Politik der Regierung stimuliert waren, wurden Tausende von hilflosen Juden ermordet, mehrere andere Tausend verkrüppelt oder verwundet und Plünderung; und Zerstörung der Besitztümer der Opfer haben ihre Witwen und Waisen an den Bettelstab gebracht. Die Majorität der jüdisch-russischen Bevölkerung ist sehr arm. Zum größten Teil sind sie in den Städten des sogenannten Ansiedlungsgebietes zusammengepfercht. Der Aufenthalt auf dem Lande ist ihnen nicht gestattet. Diejenigen,, welche als Handwerker oder sonstige Privilegierte das Recht erworben haben, außerhalb des Ansiedlungsgebietes zu wohnenT werden plötzlich auf eine willkürliche Auslegung irgend eine& Paragraphen des Gesetzes hin aus ihrer Existenz aufgestört und aus ihren legalen Wohnsitzen vertrieben. Aus dem Staatsdienste sind sie fast völlig ausgeschlossen. Gesetzlich ist auch der Richterstand den russischen Juden nicht verschlossenr aber trotz der Masse jüdischer Juristen gibt es im .ganzen Reiche nur einen jüdischen Richter, ein Ueberbleibsel au& früheren Zeiten, während die paar Juden, die ehemals als Untersuchungsrichter oder in der Staatsanwaltschaft beschäftigt waren, schon ganz der historischen Verg?ngenheit angehören. *) Dieser Artikel ist nicht nur durch seinen Inhalt, sondern besonders dadurch interessant, weil er in der hervorragendsten amerikanischen Zeitschrift »Outlook", die bekanntlich von Theodor Roosevelt redimiert wird, im Original erschienen ist. Die Redaktion des „Outlook" widmet auch dem Artikel einen ausführlichen Leitartikel. „Kein Amerikaner — heißt es darin —- kann den Artikel in dieser Nummer des „Outlook" lesen, ohne zu fragen: Können wir etwas t u n? Wir können viel tun. Daß die russische Regierurg gegen die öffentliche Meinung des Auslandes nicht indifferent ist, haben wir mehr als einmal erfahren. Deshalb ist die öffentliche Meinung des westlichen Europa und der Vereinigten Staaten ein sehr wichtiger Faktor in der Beschützung der Juden vor Bedrückung in jenem Lande."

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