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Neue Nationalzeitung · 1911-03-17 · Heft 6 (17.3.1911) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 6 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSÜ5 MCiONftL-ZBCUNG rer«üsö£Ber: ors.R.LNNö^u:: XIII. JAHRGANG. WIEN, 17. MARZ 1911. Nr. 6. Die Korruptionsaffären im Polenklub. Vor dem Bezirksgericht in Tarnobrzeg spielt sich «in merkwürdiges Schauspiel ab. Der jüdische Großgrundbesitzerssohn Moses K a n a r e k tritt als Angeklagter dem nationaldemokratischen Abgeordneten Wioncek entgegen, um dessen Bestechlichkeit und Mißbrauch des Mandates anläßlich der Vergebung der Schenkerkonzessionen im Dienste jüdischer Schenker zu beweisen. Die Person des Moses Kanarek ist unseren Lesern bekannt. Er ist Obmann des Bezirks-Komitees der Stapinskischen Volkspartei im Tarnobrzeger Bezirk und sonst ■eine Stütze Stapinskis. Die rücksichtslosen antisemitischen Angriffe Stapinskis und seines Organs gegen die jüdischen Schenker, die Hetze Stapinskis, die mit Erfolg darauf ausging, die Dorfjuden und jüdischen Schenker vom flachen Lande zu vertreiben, haben den Hausjuden der Volkspartei ganz kalt gelassen. Erst als Stapinski wegen seiner Machenschaften mit der Bankkonzession selbst zum Gegenstand von Angriffen in der nationaldemokratischen Presse wurde, da tritt Kanarek auf den Schauplatz. Er nimmt es auf sich, das Korruptions- Material Stapinskis gegen drei allpolnische Abgeordnete vor der Oeffentlichkeit aufzurollen und im Dienste seines Herrn den Revanchekampf gegen die Allpolen durchzuführen. Die Wechsel und Briefe der drei kompromittierten allpolnischen Abgeordneten werfen auf die Moral der ganzen allpolnischen, national-chauvinistischen, antisemitischen Partei ein merkwürdiges Licht. Das häßliche Strebertum ihrer Führer nach Minister-Portefeuilles und Sinekuren hat auf die bäuerlichen Parteimitglieder die erzieherische Wirkung nicht verfehlt. Die Bestechungen, welche die bäuerlichen Abgeordneten von jüdischen Schenkern verlangten und erhielten, um ihnen Konzessionen zu verschaffen, wiewohl sie öffentlich gegen die Verleihung von Schankkonzessionen an die Juden — gerade so wie Stapinski — hetzten, das sind die Früchte der allpolnischen Schule in Galizien. Durch Judenhetzen, Terrorismus und Großmäuligkeit ist diese Partei groß geworden, sie hat den Statthalter Potocki beherrscht, dann das Ruder des Polenklubs in die Hand bekommen — bis endlich ihre innere Faulheit an die Oberfläche tritt. Und sowohl Stapinski als auch Kanarek haben die Beweise längst in den Händen, ohne davon Gebrauch zu machen. Erst als Stapinski selbst angegriffen wurde, hat er — wie er im Polenklub eingestand — die Kampagne durch Kanarek eröffnet. Leider ist aber fraglich, ob der Strafprozeß von Tarnobrzeg das Ende der Allpolnischen Vorherrschaft in Galizien bedeutet. Denn diese Korruptionsaffäre steht im Polenklub nicht vereinzelt da. Herr Stapinski ist in einen Zivilgerichtsprozeß mit Dr. Schajowicz aus Czernowitz verwickelt und wird sich vor dem Wiener Landesgerichte gegen schwere Anschuldigungen zu verteidigen haben. Dr. Schajowicz verlangt im Prozeßwege 50.000 K als Provision, weil er beim Verkaufe der dem Stapinski vom Finanzminister verliehenen Konzession zur Errichtung eines Pfandbrief- Institutes in Galizien an die Länderbank vermittelt hat. Stapinski habe 200.000 K für die Konzession verlangt und dafür auch die Unterstützung der Länderbank bei der Erlangung des Zündhölzchen-Monopols in Aussicht gestellt. Stapinski bestreitet nicht die Intervention Dr. Schajowicz', wohl aber den Verkauf seiner Konzession. Allerdings hat die Länderbank diese Konzession gekauft, aber Stapinski hatte sie inzwischen zurückgelegt und ihre Uebertragung an seinen Parteigenossen Dr. Dlugosz bewirkt. Es wird Sache Stapinskis sein, vor Gericht den Beweis zu erbringen, daß diese Uebertragung keine fiktive war und der von der Länderbank bezahlte Preis in andere Taschen geflossen ist. Aber ein Vorfall ist doch zu auffällig, als daß er mit Stillschweigen übergangen werden könnte.

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