Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 5 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Abraham Reisen: „Die Schindmähre". (Dem „Grossvater" zu seinem 75. Geburtstag gewidmet.) (Schluß.) „Das sind aber ganz andere Sachen! Die kann ich für drei Kopeken Leihgebühr gar nicht hergeben." Diese Worte spricht der Rakower Lehrer mit der Miene eines Kaufmannes, der viel auf seine „konkurrenzlose" Ware hält und glaubt, daß ihm die Kundschaft das Geschäft stürmen wird. „Darüber wollen wir uns jetzt nicht streiten," sage ich ihm, indem ich mir einen Plan schmiede, wie ich zu den Büchern kommen könnte. Denn mit den Büchern hatte der Lehrer eine neue Bibliotheksordnung mitgebracht. „Fünf Kopeken für jedes Buch, und zwar sofortige Bezahlung. Ünd hier ist ein Buch, für das ich allein 25 Kopeken Leihgebühr verlange. Das ist, verstehst du mich, ,Die Schindmähre' von Abramowicz." Diese Worte begleitet ein siegesbewußtes Lächeln. Darauf frage ich neugierig; „Was ist denn das, ,Die Schindmähre1? Auch ein Roman?" „Du bist noch ein Jingel! Abramowicz schreibt keine Romane. Frage deinen Vater, der wird es dir sagen," erwidert der Lehrer lachend. Ich aber bin ganz verwundert über seine Worte. „Der Vater läßt mich kein Geschichtenbuch lesen — und ,Die Schindmähre1 ja? Ich bekomme Angst. Der Lehrer sagt aber: „Du brauchst keine Angst zu haben. ,Die Schindmähre1 kennt auch dein Vater. Hat nicht dein Vater einmal in Woloschin gelernt?" fragt er plötzlich. Ich weiß gar nicht, wo er hinaus will. So viel mir bekannt ist, war mein Vater in der Tat dort und ich sage es ihm auch. „Ja? Dann sage deinem Vater, daß ich ,Die Schindmähre1 für ihn mitgebracht habe. Er soll nur herkommen und wir werden einig werden." Ich kann nicht begreifen, wieso der Lehrer so sicher ist und glaubt, mein Vater werde seine Bücher lesen. Aber seine Sicherheit übt einen solchen Einfluß auf mich aus, daß ich zu Hause gleich damit herausplatze: „Vater, der Melamed läßt dir sagen, daß er für dich ein Buch, ,Die Schindmähre', mitgebracht hat." Die Mutter mengt sich hinein: „Der Junge ist verrückt geworden! Die Geschichtenbücher haben das aus ihm gemacht." Der Vater läßt sich aber nicht aus der Ruhe bringen und sagt: „Komm' her zu mir und erzähle von Anfang an, langsam . . . ausführlich ..." Ich traue mich aber in meinem Schreck nicht, den Vater zu fragen. Endlich ermanne ich mich aber und frage stotternd den Vater: „Hast du nicht in Woloschin gelernt?" Darauf der Vater: „Bist du meschugge? Was soll diese Frage? Was willst du eigentlich damit? Rede nicht so konfus! Da beruhige ich mich und erzähle dem Vater meine Unterredung mit dem Lehrer ganz umständlich. „Der Rakower Melamed hat ein neues Buch gebracht. Es heißt ,Die Schindmähre1. .. Und da meinte der Lehrer, du seiest in solchen Sachen ein Kenner. Ja, so sagte er wirklich." Ich staune, wie sich mein Vater verändert. Sein Gesicht erhält einen ernst-gutmütigen Ausdruck, er schaut mit sinnenden Augen durchs Fenster und denkt nach. Endlich beginnt er: „So? ,Die Schindmähre1 hat er gebracht? Wie ist das möglich? Schon seit zehn Jahren findet man sie nicht mehr.. . Sehr komisch ist das!" Und er wird bei diesen Worten immer zutraulicher — mehr Freund als Vater. Ich lasse mich von der weichen Stimmung des Vaters mittragen und erwidere gerührt nochmals: „Er hat gesagt: ,Die Schindmähre' von Abramowitseh." Seine Augen leuchten und der Vater sagt versonnen vor sich hin: „Nein, so etwas! Ich habe sie wirklich gelesen. Ja, ja! Aber wie gern, wie herzlich gern würde ich noch einmal dieses liebe Buch durcheilen." Darauf ich! „Er gibt es dir für einen halben Rubel..." Mit einemmale mischt sich die Mutter mit einem Kochtopf in der Rechten drein: „Was? Seid ihr beide mit einemmal meschugge? Einen halben Rubel für Blödsinn hinauswerfen?" Das hört der Vater nicht gern und mit großer Freude höre ich ihn erwidern: „Das ist durchaus kein Blödsinn! Hast du denn eine Ahnung, was ,Die Schindmähre11 ist? Aber ... allerdings ... ja ... ein halber Rubel!? Das ist schon etwas!... Sag' ihm ein Viertelchen, ja ein Viertelchen geb' ich ihm. Er soll sie mir nur über den Schabbes leihen ... er bekommt sie gleich wieder zurück" Kaum hatte der Vater das gesagt, als ich schon zur Türe hinausschieße. Schnell, schnell zum Lehrer. Außer Atem noch bringe ich ihm die Botschaft, daß mein Vater „Die Schindmähre" leihen will, aber nur um einen Viertelrubel bis Sonntag früh. Der Lehrer macht ein saures Gesicht. Doch endlich entschließt er sich und sagt: „Nun gut! Deinem Vater zuliebe gebe ich das Buch ohne Leihgebühr her. Aber hüten muß er es wie seinen Augapfel. Das muß er mir versprechen." Das verspreche ich ihm und noch mehr: ich wolle es noch schöner zurückbringen als es jetzt schon ist. Ich reiße ihm schnell das Buch aus der Hand, damit er es sich nicht noch einmal überlegt und laufe nach Hause. Als ich in das Zimmer komme, bemerke ich, wie sich der Vater gleichgültig stellen will. Es gelingt aber nicht. Er kommt mir entgegen gleich bei der Tür und nimmt mir „Die Schindmähre" ab. Gleich macht er es auf und liest die Aufschrift: „Die Schindmähre". Ein freudiges Lächeln spielt dabei um seinen Mund und er liest weiter: „Von Mendele Moicher Sforim*. Das Lächeln breitet sich dabei immer mehr über sein Gesicht aus. Noch nie sah ich den Vater ein so frohes Gesicht machen. Da werde ich mutig und frage: „Ist es wirklich ein so gutes Buch? ... „Was fragst du? Ob das ein gutes Buch ist?" Und er erklärt mir, daß „Die Schindmähre" kein eigentliches Geschichtenbuch sei. Das sei ein Buch, das einzig in seiner Art dastehe. Und da macht er auch schon wieder das Buch auf und liest das Motto. Einigemale liest er die kleinen Jargonbuchstaben und sagt schmunzelnd: