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Neue Nationalzeitung · 1911-03-03 · Heft 5 (3.3.1911) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 5 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 5 gesetzes und die strengere Ueberwachung der Einwanderung. In diesem Zusammenhange gewinnt eine Anregung der durchaus nicht judenfreundlichen Londoner „Times" besondere Bedeutung. Die „Times" meinen ganz richtig, daß es ungerecht und deplaziert wäre, die jüngsten Vorfälle dazu zu benützen, um gegen die Traditionen des freien England zu unwürdigen Maßregeln zu greifen. Viel wichtiger wäre es, wenn die englische Regierung die Gelegenheit ergreifen und bei den übrigen Staaten eine in ternational e Enquete fiber die Auswanderung, ihre wahren Ursachen und Folgen anregen und durchsetzen würde. Es sei immerbin ein großer Unterschied, ob jemand bloß deshalb auswandert, weil er es anderswo etwas besser hat, oder deshalb, weil die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in seinem Lande ihm sein Verbleiben unerträglich und unmöglich machen. |£CR?»£SP0ND5NZ£N Oesterreich-Ungarn. Die Hausiergesetzvorlage angenommen. Wien. Das Abgeordnetenhaus hat sich dem Diktate der Wiener Antisemiten gebeugt und hat ein Hausiergesetz angenommen, welches das Ende des Hausiergewerbes und damit die Aushungerung von vielen Tausenden jüdischer Existenzen bedeutet. Daß sich der Polenklub und der deutsche Verband in den Dienst dieser erzantisemitischen Politik gestellt haben, mag hier testgestellt werden, da ja in beiden parlamentarischen Verbindungen zahlreiche Abgeordnete sind, die es den Juden zu verdanken haben, wenn sie im Parlamente sitzen. Die äußerst lebhafte Debatte über diese Vorlage und das mutige Eintreten des Abgeordneten Dr. Mahler für die Hausierer, das zu einem Renkontre mit dem Alldeutschen Malik geführt hat, sind aus der Tagespresse genügend bekannt. Soweit es sich jedoch schon jetzt übersehen läßt, wird das Antihausiergesetz in der Fassung des Abgeordnetenhauses, mit seinen verschiedenen Ausnahmsbestimmungen für die Landsleute der hausierfeindlichen Abgeordneten schwerlich Gesetzeskraft erlangen. Es steht zuversichtlich zu erwarten, daß das Herrenhaus dieses gesetzgeberische Monstrum dem Abgeordnetenhause zur Korrektur zurückschicken wird. Inzwischen wird Handelsminister Weißkirchner hoffentlich — Gouverneur der Länderbank werden und einen Nachfolger erhalten, dem weniger am Jubel des Wiener dummen Kerls und mehr am Wohl des Staatsganzen liegen wird. * Der Kampf um die Leopoldstädter Rabbinerstelle. Wien. Die durch die Pensionierung des Rabbiners Dr. S c h m i e d 1 frei gewordene Rabbinerstelle in der Leopoldstadt ist Gegenstand eines heißen Wettbewerbes zwischen den vier Gemeinderabbinern: Dr. Bach, Dr. Feuchtwang, Dr. Grunwald und Dr. Rosenmann. Die Herren wechseln alle 14 Tage mit ihren Predigten ab und bemühen sich, das Vertrauen der Tempelbesucher zu erwerben. Vorderhand ist die Entscheidung des Kultusvorstandes nuch offrn und so ist es begreiflich, daß einige Kandidaten durch Protektionssucherei, durch Absendung von Deputationen an den Kultuspräsidenten ihre Chancen zu verbessern suchen. Soll sich jetzt wieder das Schauspiel wiederholen, das wir vor einigen Jahren gesehen haben, als einige Rabbinerstellen besetzt wurden, daß nicht immer gerade die Tüchtigsten, sondern die Bestprotegierten angestellt werden? Warum will man den Rabbinern der Provinz, die über eine Begeisterung für ihren Beruf, ein Interesse für jüdisches Wissen und wahres Rednertalent verfügen, verwehren, in den edlen Wettbewerb um eine Wiener Rabbinerstelle einzutreten? Die Stätte, wo Dr. Sehmiedl so lange gewirkt hat, ist keine solche, zu der man avanciert; dazu gehört nicht blos Ancienität, sondern auch Befähigung. Hat denn nicht jüngst, anläßlich des Requiems für Baron Albert Rothschild im Seitenstetten- Tempel die peinliche Szene, daß die drei jungen Rothschilds, verstimmt über die Redt Dr. Güdemanns, ostentativ, ohne sich vom Vorstande zu verabschieden fortgingen, bewiesen, daß die Großgemeinde Wien keinen einzigen großen Prediger in ihrer Mitte hat? Das sollte den Herren des Kultusvorstandes zu denken geben. Wenn sich die Herren in den Dienst der Gemeinde und nicht einiger Cliquen stellen; wenn sie ihre Rabbiner auf das ihnen gebührende Piedestal stellen wollen, dann muß die Stelle in der Leopoldstadt zum freien Wettbewerb aller Würdigen überlassen bleiben. Rußland. Die Aufhebung des Ansiedlungsrayons. Petersburg. In der Duma wurde der Gesetzentwurf eingebracht, der die bestehenden Beschränkungen der Juden in der Wahl ihres Wohnorts und der Freizügigkeit von einem Orte nach einem anderen abschaffen soll. Der Gesetzesvorschlag, der von über 160 Deputierten unterzeichnet war, darunter von einer großen Anzahl rechtsstehender Deputierten, wurde von dem Kadettenführer Maklakoff in ausführlicher Rede begründet. Er sprach sich aus allgemein menschlichen und aus Staatsgründen für Aufhebung der nutzlosen Judengesetzgebung aus, die nur die Beamtensehaft und die russische Bevölkerung demoralisiere und die Millionen russischer Untertanen gegen Rußland aufbringe. Redner appeliert zum Schlüsse an das Gerechtigkeitsgefühl der russischen Volksvertretung und betont, daß eine Lösung der Judenfrage in gerechtem Sinne einen Triumph des Gerechtigkeitsgefühls überhaupt bedeute. Von den Nationalisten beantragten die Abgeordneten Markoff und Tscherkasssow die Ablehnung des Gesetzentwurfs ohne Ueberweisung an eine Kommission, indem sie unter den von der Rechten beliebten Ausfällen in niedrigster und gehässigster Weise gegsn die jüdische Bevölkerung hetzten. Die in Rußland üblichen, von den Reaktionären stets angeführten Argumente, daß die Bi freiung der Juden der anderen russischen Bevölkerung, insbesondere den grossen jüdischen Bauernmassen Gefahr bringen werde, was besonders zu beachten ist, gerade von einigen Bauernvertretern, der Arbeitsgruppe, den Oktobristen und den Parteilosen als unbegründet zurückgewiesen. Ein den Oktobristen angehörender Bauernvertreter führte beispielsweise an, daß die Gouvernements mit jüdischer Bevölkerung nicht im geringsten ärmer seien, als Gouvernements mit nichtjüdischer Bevölkerung. Der parteilose Bauernabgeordnete Gulkin erklärte, wenn aus seinem Gouvernement Bessarabien die Juden ausgewiesen würden, würde der ganze Handel

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