Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425835--1961-2428357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 5 DIE JUDI5CHE EfllQKflTION. Chefredakteur Julius Müller über die Einschränkung der nordamerikanischen Einwanderung. Der Chefredakteur des New-Yorker jiddischen Tagblattes „Wahrheit", Herr Julius Müller, befindet sich jetzt auf einer Studienreise durch Rußland. Er wurde von einem Mitarbeiter des jiddischen Tagbialtes „Fraind" in Warschau über die neueste Bewegung gegen die Einwanderung in Nordamerika interviewt und machte darauf folgende höchst interessante Mitteilungen: „Sie wollen wissen, wie es bei uns in Amerika mit der Emigrationsfrage bestellt ist? Schlecht, sehr schlecht! Das Schlimmste dabei ist aber, daß diese Frage keine Frage mehr ist. Sie ist vielmehr in ein Programm ausgeartet, in ein Programm von Verfolgung, von Unterdrückung und von Reaktion. So weit natürlich von unserem Standpunkte, vom rein jüdischen Standpunkte, vom Standpunkte heimatloser Leute, die auf Amerika ihre letzte Hoffnung setzten. Vom allgemeinen Standpunkte ist die Angelegenheit vielleicht etwas weniger aufregend, aber gewiß nicht weniger trist. Die nordamerikanische Regierung ist der Meinung, die Einwanderung nach den Zentren der Union sei zu stark. Die Emigranten nehmen angeblich den Arbeitern das Brot weg und dem Mittelslande die Leckerbissen; die oberen Zehntausend bekommen einfach Augenweh von dem unästhetischen Anblick und von den schlechten Manieren der Zwischendeckspassagiere, die zu Tausenden an den Gestaden des Atlantischen Ozeans Zuflucht suchen. Kurz, alle Klassen der Gesellschaft sind in Amerika gegen die Einwanderung, mit Ausnahme vielleicht der Farmer im amerikanischen Westen, die eine starke Einwanderung gern wünschen, sie aber bisnun noch nicht haben. Für die unbeschränkte Einwanderung wären ferner noch die Großindustriellen, die vom wirtschaftlichen Standpunkte die unbeschränkte Einwanderung zwar wünschen, aber sich nicht recht trauen, offen dafür eiuzutreten, weil sie eben an der unbeschränkten Einwanderung großes materielles Interesse haben. . Und könnte die Antipathie gegen die Einwanderung und gegen die Einwanderer in eine praktische Bewegung, in einen offenen Kampf umgesetzt werden, dann würden sofort die nordamerikanischen Häfen gesperrt werden und Nordamerika würde von der allen Welt vollständig abgeschnitten werden — nicht durch die 3000 Meilen breite, sondern durch die 3000 Meilen hohe See. Schnell wechseln die Ereignisse in den kleinen Kindererzählungen, nicht aber in der großen Erzählung, die man kurzweg Wellgeschichte heißt. Lange, lange braucht ein Volk, um selbst zu begreifen, was es will; aber noch länger dauert's, bis es den Mut aufbringt, das zu wollen, was es begreift. Nur die kurze Zeit, die die Deutschen „Galgenfrist" nennen, ließ uns, den Freunden der Einwanderung, das amerikanische Leben, damit wir uns zu einem Widerstande gegen die mächtigen Feinde aufraffen. Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, organisierten sich sämtliche fremdsprachige Zeitungen Nordamerikas, um gemeinsam die Interessen und Bestrebungen der 14 Millionen Fremdgeborenen, das heißt der nicht in Amerika Geborenen, zu schützen. Auch empfing vor kurzem Präsident Taft eine Abordnung dieser Organisation und gab das Versprechen, vorläufig nichts gegen die Einwanderung vorzukehren. Sein Versprechen wird der Präsident vielleicht einhalten, vielleicht auch nicht. Das weiß noch niemand, nicht einmal er selbst. Innerhalb der Partei des Präsidenten wird jetzt ein^ erbitterter Kampf geführt — und vom jeweiligen Ausgang dieses Kampfes wird auch das Schicksal der Emigration abhängig sein. Werden nämlich Taft und seine Freunde zur Ueberzeugung gelangen, daß sie mit Hilfe der Fremdgeborenen besser und bequemer am Ruder bleiben können, dann werden die grausamen, unmenschlichen Verfolgungen der Einwanderer ein wenig nachlassen; werden sie sich aber tiberzeugen, daß es besser sei, sich auf das nativistische Element, welches gegen die Einwanderung ist, zu stützen, dann wird die Lage natürlich noch unerträglicher werden, die Tragik noch folgenschwerer. Wenn Sie aber fragen, wie es mit der Einwanderung im allgemeinen steht, mit der Einwanderung als einer historischen Phase des amerikanischen Lebens, so muß man zugeben, daß die Immigration eine der traurigsten Erscheinungen unseres Lebens ist. Sie ist uns eine drückende Last, sie unterbindet die öffentliche Tätigkeit, sie vergiftet unsere Existenz nicht bloß durch die ewigen Szenen des Elends, des Unglücks und Tränen, sondern auch dadurch, daß wir, die Kinder des ewigen Wanderers, immer wieder das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit und Bedeutungslosigkeit sogar im amerikanischen Leben zu spüren bekommen, obwohl doch die Juden beispielsweise in New-York genug politische Macht besitzen, nicht nur das Schicksal dieser oder jener Kampagne, sondern sogar dieser oder jener politischen Partei zu besiegeln. So steht's mit der Emigrationsfrage in Nordamerika. Und es wird gut tun, wenn man sich in Kreisen, die sich mit der Emigration näher befassen, über diesen Stand der Emigrationsfrage Rechenschaft abgibt. In der ersten Hälfte dez 19. Jahrhunderts tauchte die berühmte ,Monroe-Doctrin' auf, welche lautete : Amerika für die Amerikaner, womit gesagt werden wollte, daß es keinem europäischen Staate erlaubt sein soll, irgend welche Territorien in Amerika zu besetzen und sich in die inneren Angelegenheiten der Republiken hineinzumengen. Gleichzeitig hat aber der Schöpfer der oben erwähnten Doctrin, Präsident Monroe, eingesehen, daß man zur Durchführung dieses Prinzipes im Innern groß und mächtig sein müsse,' was nur durch eine starke Einwanderung möglich war. Und die ganze Politik der amerikanischen Staaten war darauf gerichtet, die Immigration zu fördern. Nun sind aber die jetzigen Politiker bei ihrem weiteren Ausbau des Prin* zips, ,Amerika für die Amerikaner', zur Meinung gelangt,