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Neue Nationalzeitung · 1911-03-03 · Heft 5 (3.3.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 5 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite. 4. „Neue National-Zeitung" Nr. "5 Dr. S. R. Landau: IDer Erfolg der SchenkeriDeputation*) Die Mas^endeputation der gdizischen Schenker hat Wii'ii mit einem Gefühle der Befriedigung verlassen. Das Hilfskomitee des „Verbandes der östlichen Juden" hat in Verbindung mit der organisierten jüdischen Studentenschaft <Lis Arrangement des Aufzuges sowie die Verpflegung von i70ü Personen tadellos besorgt; die von gewisser Seite gehegten Erwartungen, d<<ß es 2/u einem Fiasko kommen werde, sind zunichte geworden. Von größtem Eindrucke auf die Deputation war die Versicherung des kaiserlichen Kabinettsdirektors, daß der Kaiser informiert sei und in seiner bekannten väterlichen Fürsorge gewiß auch die Not der Schenker lindern werde. Die dadurch hervorgerufene gehobene Stimmung vermochte selbst die unfreundliche Haltung des Präsidenten des Polenklubs nicht zu trüben. Die Juden in Galizien und in der Bukowina, eine M'iilioa an der Zahl, sind ein zentralistisch und kaisertreu gesinntes Element, und sie sind überzeugt, daß ,d^r Kaiser und die Zenlralregierung sie den Launen einer sich souverän gebärdenden Landesautonomie nicht ausliefern w« rden. Die Führer der Deputation haben aber auch den Eindruck gewonnen, daß die maßgebenden Stellen in Wien über den ziemlich komplizierten Stand der Schenkerfrage in Galizien und in der Bukowina nicht genau informiert sind. Auch nach dieser Richtung hat die Deputation aufklärend gewirkt. Ein Moment wurde jedoch bisher weder öffentlich noch publizistisch erörtert, wiewohl es vielleicht die wichtigste Seite dieser Frage berührt: die ethische. Eine Aufklärung nach dieser Richtung scheint umso dringender, als gerade dieses Moment zu einer Verhetzung der öffentlichen Meinung wider die Schenker seitens ihrer skrupellösen politischen und konfessionellen Feinde mißbraucht wird. Die Presse erfüllt ein gutes Werk, wenn sie zum Schutze der Existenz von 100.000 Menschen die öffentliche Meinung aufklärt. Der Obmann des Polenklubs hat in seiner Antwort an die Deputation nach dem vom Sekretariat des Polenklubs ausgegebenen Kommuniquee unter anderem gesagt: „Bei der Ausgabe von Schankkonzessionen habe man auf die verheerenden Wirkungen, welche der übermäßige Alkoholgenuß unter der Bevölkerung anrichte, Rücksicht nehmen müssen und eine Reduzierung der Schankkonzessionen sei deshalb notwendig gewesen." Die antisemitische Presse hat in ihrer bekannten Art gegen die „ Schnapsjuden gehetzt. Eine. nüchterne, objektive Beurteilung der Tatsachen beweist jedoch, daß; beide Aeußerungen nur der Voreingenommenheit entspringen. Nach «»ner Statistik aus dem Jahre 1903 beträgt der jährliche Verbrauch an Alkohol per Kopf in Litern: In Frankreich 16.41, Belgien 12.58, Spanien (ein rein katholischer Staat) 12.05, Schweiz 11.21, Deutschland 9.35, England 8.17, Oesterreich-Ungarn 7.49, Galizien — 4.9. Galizien steht also in Bezug auf den Alkoholverbrauch hinter den übrigen Provinzen *) Dieser Artikel ist als Nachwort zur Schenker-Deputation am 20. Februar in der „Wiener Sonn- und Montags- Zeit ung" erschienen. Die Redaktion. unserer Monarchie weit zurück. Warum will, man also die jüdischen. Schenker dem Gespenste der „Alkoholverheerung" als Opfer hinweifen? Allein die Schenker reißen sich doch nicht um den Ausschank von Branntwein. Das Proiinationsrecht in Galizien hat sich im Sinne des HofKanzleidekretes vom o. Juni 1819, Nr. 16.731 auf den Ausschank von gebrannten geistigen Getränken und von Bier bezogen. Der Schenker hat daher auf Grund der Propinationsberechtigung für den an den Gutsherrn und später an die Propinationsfondsdireklion bezahlten Paehtschilling Branntwein und Bier ausgeschenkt. Die Inhaber einer Kaffeeschankkon/'.ession durften im Sinne einer Entscheidung des Verwaltung-gerichtshofes vom 6. Juli 1887 und eines Erlasses des Ministeriums des Innern vom 11. April 18y3 den Ausschank von Tee mit Rum nur als Propin itionsschenker, das heißt im Einvernehmen mit dem Propinationsberechtiglen, betreiben. Wenn also der „AlkoholVerheerung" entgegengewirkt werden soll, dann g« be man doch den bisherigen Schenkern eine Konzession gemäß § 16, Absatz c der Gewerbeordnung (Ausschank von Wein und Bier). Man erweitere die Konzession der Tausende von Kaffeeschankkonzessionären in den kleinen Städtchen, deren bäuerlichen Konsumenten den Tee ohne Rum nicht trinken wollen und die daher ruiniert sind, dahin, daß man ihnen, wie der obzitierte Ministerialerlaß ausdrücklich vorhersieht, „die Konzession zum Ausschenken von Rum oder eines anderen geistigen Gebänkes als Beigabe zum Tee oder Kaffee" verleihe. In der Massendeputation befanden sich zahlreiche Personen, besonders Frauen, die nur eine solche Ausdehnung ihrer Konzessionen angestrebt haben und dennoch abgewiesen wurden. Wenn der Ministerpräsident und der Handelsminister, wie sie versprochen haben und wie es ihre Pflicht ist, die vorliegenden Beschwerden sachlich und vorurteilslos prüfen werden, dann haben sie die Möglichkeit und Gelegenheit, viel Unrecht gut zu machen und ehrliche, arbeitsame Staatsbürger vor schwerem Unheil zu bewahren. Stapinski hetzt weiter. Der Appell der galizischen und Bukowinaer Schenker an die Wiener Zentralbehörden hat das Mißfallen des Herrn Stapinski erregt. In seinem „Przyjaciel ludu" setzt er die Hetze gegen die Schenker fort. Er droht sogar mit einer Massendeputation der — Bauern. Wenns ihm recht ist, uns kann das billig sein. In der letzten Nummer seines Blattes polemisiert er gegen die im obigen Artikel des Dr. Landau enthaltene Widerlegung der unsinnigen Phrasen seines Klubobmannes über die Alkohol Verheerung in Galizien und meint, daß, wenn schon in anderen Staaten mehr Alkohol vertilgt wird, als in Galizien, so geschehe dies mehr in Städten und zumeist in der Form von Wein und Bier. Ueber die Anregungen des obigen Artikels, die gerade darin gipfeln, daß man den Schenkern Konzessionen für Bier- und Weinausschank geben möge, geht der schlau sein wollende Bauernfänger stillschweigend hinweg. Eine solche Polemik kann wohl seine Leser überzeugen; sie enthüllt aber auch die ganze Verlogenheit der Stapinskischen Politik. •u

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