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Neue Nationalzeitung · 1911-03-03 · Heft 5 (3.3.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 5 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 5 mit einer sehr anfechtbaren Aeußerung, gab jedoch, nachdem die Angelegenheit nochmals durch den Abg. Gothein in der Sitzung vom 17; März 1910 zur Sprache gebracht war,' in dieser Sitzung folgende Phrasen zum besten: „Ich kann nur wiederholen : die gesetzlichen Bestimmungen darüber sind so klar, daß ich darüber kein Wort zu verlieren brauche, daß ein Jude, weil er Jude ist, nicht ausgeschlossen werden darf im Avancement." Wenn Sie mir einen Einzelfall bekanntere* en, der irgendwie nach gründlichster Untersuchung nur so aufgefaßt werden kann, daß irgend jemand wegen seiner Eigenschaft als Jude zurückgesetzt ist, so können Sie sich darauf verlassen, daß Remedur eintritt." Diese Remedur ist natürlich bis heute nicht eingetreten. Aber es kann auch das Kriegsministerium eine Beantwortung der allgemeinen Beschwerde nicht mehr damit abweisen, daß ihm zunächst bestimmte Einzelfälle ungerechter Benachteiligung nachgewiesen werden möchten. Diese Einzelfälle sind ihm wiederholt bekannt gegeben worden und es ist trotzdem alles beim Alten geblieben. Dieser Tage ist die Frage der Zurücksetzung jüdischer Offiziersaspiranten wiederum auf der Tagesordnung des deutschen Reichstages gestanden. Nicht nur die freisinnigen Gothein und K1 o p s c h sowie die Sozialdemokraten Stücklen und Schöpf 1 in, sondern selbst Gröber vom katholischen Zentrum und der Nationaliiberale Dr. Osann haben unter Widerlegung der antisemitischen Rede Raabs die Behandlung der Juden in der Armee als einen Rechtsbruch bezeichnet. Zentrum-Mitglied Gröber verwies mit Entrüstung auf die Behandlung, welche Deutschland im Gegensatze zu Oesterreich, England und Italien seinen jüdischen Soldaten zu Teil werden lasse, wiewohl sie glänzende Beweise ihrer Tapferkeit gegeben haben. Trotzdem wird es beim Alten bleiben. Die gewundenen Erklärungen des Kriegsministers von Heeringen gipfeln in dem Zugeständnis, daß in der deutschen Armee antisemitische Regungen bestehen, weil „ein Volksheer doch abfärben muß auf die Gesinnungen, die im Volke vorhanden sind". Daß die Zurücksetzung der Juden bei der Beförderung zu Offizieren mit dem „Volksheer" nichts zu tun hat, sondern ein Ausfluß der antisemitischen Regungen des adeligen Offizierskorps ist, sieht der Minister selbst ein und er fügt daher bei, daß an dem Prinzip der Wahl der Offiziere durch das Offizier-Korps, als „eines der freiheitlichsten Institutionen" nicht gerüttelt werden könne. Damit hat auch der Kriegsrcinister den heutigen Zustand sanktioniert. Die Judendebatte im Deutschen Reichstage ist ehrend für diejenigen, die für die Juden eingetreten sind, ohne zu befürchten, daß man sie als Judenschutztruppe lächerlich machen würde. Eine solche Debatte wäre im österreichischen Parlamente nicht möglich. Hier sitzen die „freiheitlichen" deutschen Abgeordneten zusammen mit den Rassen-Antisemiten in einem Verband; die sozialdemokratischen Abgeordneten weichen jeder Judendebatte aus und ihr Chef Viktor Adler verbietet es selbst seinen jüdischen Genossen, mit jüdischen Beschwerden herauszurücken. Für die deutschen Juden sind diese Debatten im Reichstag von großer politischer Bedeutung. Sie demonstrieren ihnen sehr anschaulich, daß sie trotz ihres Deutschtums und weit gediehenen Assimilantentums als Bürger zweiter Klasse von Staatswegen betrachtet werden, daß es nutzlos und vergeblich ist, das Judentum zurückzustellen, wie es ihre leitenden Kreise bisher versucht haben. So wird denn von Staatswegen dafür gesorgt, daß der inner« Gesundungsprozeß im jüdischen Volke immer reichere Blüten entfalte und zu jener Reife gelange, die den nationalen Stolz nicht^in der Anzahl der „Geheimen" und ia der „schimmernden Wehr", sondern in der selbständigen Betätigung auf allen Gebieten des jüdischen Lebens sucht. L. Hermann Bahr: Die Juden in Oesterreich.*) Ich möchte hier über das so merkwürdige, für alle Nationen Europas so bedeutungsvolle Problem des Judentums sprechen, und zwar so, wie es mir am ersprießlichsten scheint, ganz von meinen eigenen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen aus. Ich bin kein Philosoph, kein Prophet, kein Seher, ich kann Ihnen nicht versprechen, die Wahrheit zu sagen. Ich kann nur meine subjektive Wahrheit sagen. Das, was ich mir denke, wird wahrscheinlich für keinen von Ihnen richtig sein. Denn es gibt, meine ich, nur subjektive Wahrheiten, die man sich nach eigenen Erfahrungen für sichzum persönlichen Gebrauch zu eigen gemacht hat, und es gibt nur eine wissenschaftliche und Kulturaufgabe jedes einzelnen: seine persönlichen Eindrücke zu prüfen,, zurechtzulegen, durch Erfahrung zu erhärten, dann aber auf ihnen zu bestehen. So lassen Sie mich in ruhiger und sachlich-persönlicher Weise ein paar Dinge über das Judentum in Oesterreich sagen, die mich befremden, die mich verwundern, erstaunen, interessieren, die mich zum Teil bewegt haben Vorher: Ich bin kein Jude. Ich stamme väterlicherseits aus den Rheinlanden, von wo mein Vater nach Oesterreichisch-Schlesien eingewandert ist, und mütterlicherseits aus der Gegend, die ich in Oesterreich am wenigsten schätze, aus der kleinen Bureaukratie, aus den Staatsdienern. Mir ist das nicht sehr sympathisch. Aber niemand kann ja für seine Geburt und ich habe mich mein ganzes Leben lang bemüht, diese Tradition in meinem Blute zu überwinden und das Gegenteil1 davon zu werden. Aber es ist, soweit man in diesen Dingen irgendeine Sicherheit haben kann, ziemlich unwahrscheinlich, daß ich einen Tropfen jüdischen Blutes in mir habe. Das hat aber nicht verhindert, daß in gewissen Zeitungen, wenn ich nämlich etwas diesen Zeitungen Unangenehmes sage oder schreibe, zu lesen ist: „Der Jude Hermann Bahr" oder, daß ich als ein besonders krasser Fall jüdischen Geistes zitiert werde.. Es gibt eine deutsche Literaturgeschichte von einem deutschen Professor, in der ein Kapitel, das Kapitel über das junge Wien, mir gewidmet ist und in dem an meinem Beispiel gezeigt wird, wie jüdischer Einfluß ein ganzes Land korrumpieren kann Nun, ich habe den Herrn nie berichtigt. Es hat mir widerstrebt, dies zu tun, weil da leicht das Mißverständnis aufgekommen wäre, als würde ich mich etwa schämen, ein Jude zu sein. Ich würde mich aber genau so wenig schämen,, ein Jude zu sein, wie ich mich schämen würde, ein *) Hermann Bahr hat am vorletzten Sonntag im Saal de& jüdischen Rathauses in Prag über Einladung der Rede- und Lesehalle jüdischer Hochschüler einen Vortrag über dieses Thema gehalten. Der geistreiche Feuilletonist und Dramatiker hat bewiesen, daß er auch ein hervorragender Volkspsycholog ist. Hermann Bahr hat für die jüdisch-nationale Bewegung starke Akzente gefunden, die sich bedeutend hervorheben über die banalen Phrasen, mit denen von mosaisch- und christlich-liberaler Seite die Assimilation verfochten wird. In einem jüdisch-nationalen Blatte ist auch der richtigste Platz für diese glänzende Apotheose desjüdischen Volksgedankens. (Die Redaktion.)

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