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Neue Nationalzeitung · 1911-02-17 · Heft 4 (17.2.1911) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 4 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 „Neue National-Zeitung" Seite 11 Abraham Reisen: ,/Die Schindmähre".*) (Dem „Grossvater" zu seinem 75. Geburtstag gewidmet.) I. Der Rakower Lehrer hatte eine ganz hübsche Schüleranzahl, denn er galt als guter Pädagoge. Er stach von seinen Standesgenossen dadurch hervor, daß er als einziger im Orte gebügelte Hemden und Kragen, doch ohne Shlips trug. Und dadurch erntete er auch zu jener Zeit, als das Städtchen schon der höheren Kultur entgegenging, insoferne reiche Früchte, als angesehene Bürger, die etwas auf „Bildung" hielten, dem Kultivierten ihre Kinder übergaben, damit er sie in den Anfangsgründen des Hebräischen und der Bibel unterrichte. Gleichwohl reichte das nicht zu, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weil unser Rakower Melamed außer seinen gebügelten Hemden auch sonst gewohnt war, wie ein besserer Mensch zu leben. So hatte er, und das nannte sonst kein Melamed sein eigen, einen Samowar (Teekocher). Und in diesen Samowar kam nur der beste Popower Tee, den sich im Städtchen nicht einmal Leute kauften, die es sich viel eher leisten konnten. Woher also so noble Bedürfnisse bestreiten? Dazu hatte sich der Herr Lehrer eine kleine Geschichten- Bibliothek angeschafft. Nicht, daß er etwa selbst diese Büchlein geschrieben hätte — so weit war er noch nicht, obwohl sich damals die Lehrer aus der Literatur einen Nebenerwerb schufen. Nein! Er hatte nur im obersten Fache seiner Kommode ungefähr 60 bis 70 Jargöngeschichten für die Mädchen des Städtchens aufgestappelt, die sich jeden Freitag über den Samstag bei ihm ein solches Buch zum Zeitvertreib ausliehen. Ausser diesen jungen Mädchen zählte er noch einen Jüngling zu seinem Leserkreise — das war nämlich ich. Wieso es dazu gekommen ist, weiß ich nicht mehr, doch hatte er an mir einen seiner eifrigsten Leser. Wenn ich soviel auswendig gelernt hätte, als ich da Geschichtenbücher las, wäre ich ein großer Gelehrter geworden — und wer weiß, ob das nicht für mich besser gewesen wäre .... Jetzt ist es aber vorbei. Die ganze Woche nahm ich mir Zeit zum Lesen, nicht so wie die Mädchen bloß am Samstag. Freitag Nachmittag ging ich auch zum Melamed um ein neues Buch undich beeilte mich gar nicht wegzugehen, da sich die hübschen Mädchen im Glieder versammelt hatten. Ich habe unsere Mädchen alle gut gekannt und, obwohl ich erst dreizehn Jahre alt war, habe ich doch schon gewußt, was Liebe ist . . . und zwar erstens aus den Romanen, die ich seit meinem elften Lebensjahr gelesen habe, zweitens — aus meiner eigenen Erfahrung. So kam es, daß ich in zwei oder drei Mädchen von den Leserinnen des Lehrers zu gleicher Zeit verliebt war, ohne selbst unterscheiden zu können, in welche am meisten. Obwohl die Mädchen alle in der damaligen Literatur ziemlich bewandert waren, so kamen sie doch zu mir um. *) Die „Schindmähre" (im Jiddisch-Original „Klaeze") ist der Titel der besten Arbeit von Abrahamowicz, die in einer allegorischen Form die Leiden des jüdischen Volkes in Golus von einem gehetzten j. auf der Straße verendenden Pferde erzählen läßt. Diesem Werke und seinem Verfasser hat Beisen obige Novelle, anläßlieh des viel gefeierten .Jubiläums, des „.Großvaters" gewidmet. : Die Ketf. Auskunft, denn mit meinen Kenntnissen konnten sie sich nicht messen. Unter den Büchern des Rakower Lehrers waren viele, die ich schon einigemale gelesen hatte, so daß ich deren Inhalt gut nacherzählen konnte. Die . Lesensdurstigen fragten mich oft um meinen geschätzten Rat. „Was glaubst du, soll ich mir den ,Blinden Bettler4 nehmen?" Nach einer solchen Frage nehme ich das betreffende Büchel in die Hand, betrachte wichtig seinen Titel, doch habe ich Angst vor dem Lehrer und trete, anstatt zu antworten, dem Mädchen behutsam auf ihren Fuß. Das soll nämlich heißen: „Nimm dir lieber ein anderes." Darauf wirft sie mir einen freundlich-schmeichelnden Blick zu und dieser Blick war mir dann eine süße Erinnerung am ganzen Samstag. II. Auf diesen schönen Nachmittag am Eingang des Sabbats, auf die hübsche Unterhaltung mit den Mädchen im Cheder bei den Büchern, folgten aber leider bittere Stunden zu Hause — eben wegen dieser Bücher. Mein Vater, streng und praktisch wie er war, verbot mir, diese Bücher zu lesen und wenn er mich dabei ertappte, so hatte er mich gleich bei den Ohren: „Was?! Du liest schon wieder diese Narreteien? Ich werde sie dir in kleine Stücke zerreissen!" Und die Mutter stimmte ihm bei: „Für jedes Büchel muß er drei Kopeken Leihgebühr zahlen!" Darauf der Vater: „Ich schenke ihm schon die drei Kopeken — aber er arbeitet ja gar nichts. Wenn er wenigstens die Bibel oder etwas anderes lesen würde, aber immer diesen Unsinn! Dann könnte er schon gleich deutsch lesen. Da hätte er wenigstens einen Nutzen davon. Aber so — gar nichts — Jargongeschichten" ..... Wenn er sich dann so in seinen Zorn hineingeredet hatte, nahm er mir regelmäßig das Buch mit den Worten weg: „Aus mit den Geschichtenbüchern'.".... Nach einigen Tagen pflegte er mir dann das Büchlein zurückzugeben. Bei dieser Gelegenheit tat er dann einen Blick hinein und las eine Stelle. Diesesmal traf er gerade aut das Kapitel, in dem sich Reise mit Adolf küßt. Da tritt ihm eine eigentümliche Schamröte ins Gesicht und er sagt: „Geh sofort zum Lehrer und bring ihm das Buch zurück. Und ich sage dir zum letztenmale, daß ich solche Sachen nicht mehr in meinem Hause sehen will!" III. Ein halbes Jahr später. Der Rakower Melamed ist krank geworden, er hat es auf der Lunge. Endlich hat er sich dazu entschlossen, in die Gouvernementstadt zu einem Doktor zu fahren, üin die Reisekosten herauszuschlagen, kauft er sich ein Päckchen neuer Bücher für einen Rubel zwanzig Kopeken. Als er von der Stadt zurückkommt, hat er natürlich nichts Eiligeres zu tun, als mir die Freudenbotschaft mitzuteilen. Und sie verfehlte auch nicht ihre Wirkung. Ich hatte nämlich schon alle seine Bücher gelesen und ging nur der drei Mädchen zuliebe am Freitag nachmittags zum Lehrer, um ihnen als Ratgeber dienstbar zu sein. Gleich bat ich ihn, mir seine neuen Schätze zu zeigen. (Schluß folgt.)

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