Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425834--1952-2428347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 GEMEiNöB=UNö VSREiNSNÄtöRilBtW Wien. (Brigittenauer israel. Tempel-Verein.) Dem Vorstande des Brigittenauer israel. Tempel-Vereines ist nachstehendes Schreiben zugekommen: »Seine Exellenz der Herr k. k. Statthalter für Oesterreich unter der Enns hat im Allerhöchsten Auftrage für die anläßlich der Feier des 80. Geburtsfestes Seiner Majestät telegraphisch zum Ausdrucke gebrachte alleruntertänigste Loyalitätskundgebung den Beteiligten den Allerhöchsten Dank bekanntgegeben. Hievon setze ich den israelitischen Tempel- Verein im XX. Gemeindebezirke zufolge Erlasses det k. k. n.-ö. Statthalterei vom 5. Jänner 1911, Pr.-Z. 4098 ex 19 ip, in Kenntnis. Wien, am 9. Jänner 1911. Der Bürgermeister : Dr. Neumayer m. p." Wien. (Akademischer Verein „Jüdische Kultu r".) Am 5. März d. J. findet im Kursalon der bereits avisierte literarische Abend statt, an dem der bekannte Dichter Schalom Asch aus seinen eigenen Werken vorlesen wird. Karten ä 6, 4, 2 und 1 Krone sind täglich von 7 bis 9 Uhr abends im Vereinslokale (II., Blumauergasse 20) erhältlich. — Der für den 13. d. M. angekündigte Vortrag des Schriftstellers Lubetzki findet Montag, den 20. d. M. statt. Wien. Die „Oesterreichisch-israelitische Union" veranstaltet Samstag, den 18. d. M. im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse 11, einen Vortragsabend. Dem Publikum soll an diesem Abende durch lebendige Rede der künstlerische Gehalt der Bibel vorgeführt werden. Das Programm des Abendes ist folgendes: 1. „Die Bibel als Kunstwerk", Einleitung von Siegfried Fleischer. 2. Vorlesung aus der Bibel von Hofschauspieler Konrad L o e w e. 3. Aus dem „Saulfragment'" von Josef K a i n z, vorgelesen von Hofschauspieler Konrad Loewe. — Der Zutritt ist nur gegen Vorweisung der Einladungskarten gestattet und sind solche im Vereinsbureau, IX., Universitätsstrasse 8, erhältlich. — Nach Beginn der Vorlesung v/erden die Saaltüren geschlossen. — Im Rahmen des diesjährigen Vortragszyklus der „Oesterreichischen israelitischen Union" finden ferner noch folgende Vorträge statt: Donnerstag, den 2. März im Saale des Kaufmännischen Vereines, I., Johannesgasse 4, „Die jüdische Auswanderung nach Amerika" von kais. Rat Johann Lichtenstadt. — Samstag, den 11. März im Saale des Hotel Guth, II., Stephaniestrasse 14, „Randglossen zur Estherrolle" von Rabbiner Dr. Armin A b e 1 e s. — Im Laufe des Monates April im Saale des Hotel Guth, „Jüdische Organisationsbestrebungen im 16. Jahrhundert" von Rabbiner Dr. J. D r o b i n s k y. m «LieN WIMttiLCN Chachain-Bascbi Haiiu Nahums Rücktritt. Rabbi Haina Nah um beabsichtigt, dem Vernehmen nach, an den Sultan die Bitte zu richten, es möchte ihm nach seiner Ernennung zum Senator noch gestattet werden, provisorisch als Großrabbiner zu fungieren, bis die türkischen Gemeinden sich über die Wahl seines Nachfolgers schlüssig geworden sind. Rabbi Nahum möchte jetzt die Wahlen in den Mischlisch Umumi möglichst rasch durchgeführt sehen, damit sein Nachfolger geordnete Gemeindeverhältnisse in Konstantinopel vorfinde. Vorläufig kann man über die Person des zukünftigen Großrabbiners noch nichts Bestimmtes sagen, doch werden in maßgebenden Kreisen folgende Kandidaten genannt: Rabbi Jakob Meir, Chachambaschi von Saloniki, Rabbi Haim Bejerano, Chachambaschi von Adrianopel und Rabbi Abraham Danon, Rektor des Konstantinopler RabbinersemiBars. Inzwischen verlautet in gutunterrichteten Kreisen, daß zahlreiche Notable der jüdischen Gemeinden des Reiches sich telegraphisch an den Großwesir, an den Kultusminister und an den Minister des Innern, mit dem dringenden Ersuchen gewandt haben, mit Rücksicht auf die zerrütteten Gemeindeverhältnisse und die vielfachen Parteikämpfe innerhalb der ottomanischen Judenheit von der Ernennung Rabbi Nahums zum Senator abzusehen, um nicht neue heftige Kämpfe und Leidenschaften heraufzubeschwören, die bei der Wahl eines Großrabbiners unvermeidlich wären. Ein jüdisches Museum in Paris. Die letzte Nummer des Organs „Archives Israelites" enthält die Mitteilung von der bevorstehenden Gründung eines eigenen jüdischen Museums in Paris. Frankreich besitzt bekanntlich in den verschiedenen allgemeinen Museen zahlreiche seltene und wertvolle jüdische Antiquitäten, die nun, wie der Aufruf betont, gesammelt und in einem Museum untergebracht werden sollen. Auch einzelne alte jüdische Familien besitzen noch wahre jüdische Musealschätze, die von den Nachkommen verschleudert oder im besten Falle einem bestehenden Museum geschenkt werden, wo diese Gegenstände jedoch nicht zur Geltung kommen. Der Aufruf erblickt in der Schaffung eines solchen Museums ein wirksames Mittel, in der jüngeren Generation die Achtung und Ehrfurcht vor dem Andenken zu erwecken und zu befestigen. Ein merkwürdiger Uebertritt zum Judentum. Der städtische Beamte Suran in Budweis wurde in einer schweren Krankheit von seiner Kostfrau Katharina Fried wie von einer Mutter gepflegt und faßte dadurch eine besondere Zuneigung zur jüdischen Religion, befaßte sich mit dem Studium derselben, lernte die hebräische Sprache und bekannte sich nach seiner Genesung offen — wenn auch nicht formell — als J u d e. Er nahm zweimal täglich am Gottesdienste teil und erwarb im Vorjahre einen Tempelsitz. Als seine Kostfrau starb, verrichtete er von seinem Platze aus das ganze Trauerjahr hindurch das Kadischgebet. In diesem Jahre wollte er auch offiziell ins Judentum aufgenommen werden. Darauf wandte er sich nach Prag an das Oberrabbinat, unterzog sich daselbst der Beschneidung und trat somit in das Judentum ein. Paul Singer, der Führer und Mitbegründer der deutschen sozialdemokratischen Partei, hat trotz dieser Stellung sein Judentum nicht aufgegeben und ist auch auf dem jüdischen Friedhof ähnlich wie Lassalle bestattet worden. Ein wohltuender Gegensatz zu den großen und kleinen „Geistern" der Wiener Sozialdemokratie, die sich in der Kletterpartie auf dem Rtickeu des Proletariates durch das Gewicht ihres Judentums behindert sehen: Adler, Austerlitz, Ellenbogen sind da für die jüngere Generation tonangebend . . . Diese feige Gesellschaft hat wohl am besten der Reichsratsabgordnete Richard Fischer, der am 5. Februar im Namen der Berliner Arbeiterschaft am Sarge Singers auf dem Zentralfriedhof von Friedrichsfelde die Gedächtnisrede hielt, charakterisiert: „Wie hat man" — sagte Abg. Fischer nach dem Berichte des „Berliner Tageblatt" — „ihn geschmäht, weil er Jude war! Wenn aber Singer, der den Glauben seiner Väter innerlich überwunden hatte, treu zu seiner Gemeinde hielt, so ist das ein weilerer Beweis seines moralis chen Mutes, seines Widerwillens gegen feige Kompromiss etf. Wegen Raummangels mußten wir die Parlamentsberichte über das Hausiergesetz sowie die Emigrationsrubrik für die nächste Nummer zurückstellen.