Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „Neue National-Zeitung* Seite 9 minderen Rechtes angesehen, wie in Rußland und Rumänien. Aus Gründen des Prestiges macht man die Pogroms bei uns nicht revolutionär und plötzlich, man bedient sich zivilisierterer Methoden, man macht das evolutionistisch und schleichend. |BDP».WPMD&NZeN Oesterreich-Ungarn. Baron Albert Rothschild. Wien. Am letzten Samstag ist der Chef des hiesigen Bankhauses S. M. von Rothschild, Baron Albert Rothschild, plötzlich infolge eines Herzschlages verschieden. Baron Albert Rolhschild wurde am 29. Oktober 1844 in Wien geboren. Er war das fünfte Kind des Freiherrn Anselm v. Rothschild, von welchem er durch testamentarische Bestimmung zum Chef des Wiener Hauses Rothschild designiert worden war. Nach der Vollendung seiner Gymnasialstudien besuchte er die Universität in Bonn, wo er sich vorwiegend philosophischen Studien widmete. Seine kaufmännische Vorbildung erhielt Baron Rothschild im Hause Behrens in Hamburg, welches seit jeher als die finanzielle „Prinzenschule" bezeichnet wurde, weil dort die erste praktische Ausbildung der Söhne der Chefs der mächtigsten Häuser erfolgte. Als Baron Anselm Rothschild im Jahre 1874 starb, übernahm Baron Albert Rothschild die Leitung des Hauses, welchem er somit durch 37 Jahre vorstand. Er ist alleiniger Chef des Hauses gewesen, während seine beiden Brüder Nathaniel und Ferdinand Teilhaber waren. Verheiratet war er mit Bettina, der Tochter des Baron Alfons und der Baronin Leonore Rothschild in Paris. Der Ehe entstammten sechs Kinder, fünf Söhne und eine Tochter. Von den Söhnen ist der Aelteste geistig umnachtet; der Jüngste hat sich vor zwei Jahren erschossen, da der Vater seiner Verheiratung mit der Tochter eines jüdischen Arztes aus Nordamerika opponierte. Der Verstorbene ist weder politisch noch sonst öfientlich hervorgetreten. Es hieß, daß er einen Herrenhaussitz wiederholt abgelehnt hat In gewissen Kreisen behauptete man, weil er sich gekränkt fühlte, daß ihm die Geheimrats würde nicht verliehen werde. . Als Nachfolger des Baron Rothschild gilt dessen dritter Sohn, Louis, der bereits seit längerer Zeit im Bankgeschäfte tätig ist. Der Verstorbene wurde in der Familiengruft am jüdischen Zentralfriedhofe bestattet. Am Leichenbegängnis, welches am letzten Dienstag stattfand, nahmen die Spitzen der Behörden, zahlreiche Mitglieder des hohen Adels, der Diplomatie und der Finanzwelt sowie Repräsentanten des Kultusvorstandes und zahlreicher jüdischer Vereine statt. Der Bürgermeister von Wien ist nicht erschienen, auch keiner seiner Stellvertreter, wiewohl der Verstorbene unlängst gemeinsam mit David von Gutmann einen sehr nahmhaften Betrag für das Lueger-Denkmal gespendet hat. Die Kantorenfunktionen versah Oberkantor Don Fuchs in Begleitung zweier Kantoren und des Chors. Den Nachruf sprach Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n. Er feierte den Verstorbenen als vornehmen Charakter und guten Juden. In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 12. d.M. widmete Präsident Dr. Stern dem Andenken des Verstorbenen einen Nachruf. Er nannte seinen Tod „ein großes, schweres Unglück unserer Gemeinde" und wies darauf hin, daß der Verstorbene eine Stiftung von 200.000 K für aufstrebende jüdische Künstler errichtet hat. Dann hatte er auch ein lebhaftes Interesse an der Rothschildschen Familienstiftung, dem Spital der Kultusgemeinde, genommen. Alles in allem sei der Verewigte „einer der größten Wohltäter unserer Gemeinde, ein Förderer der künstlerischen Bestrebungen unserer Glaubensbrüder, ein warmer Anhänger und Förderer ihrer gottesdienstlichen Einrichtungen gewesen". Rußland. Die Juden beim Handwerkerkongress in Petersburg. Petersburg. Nachdem die Regierung seinerzeit die Erlaubnis zur Abhaltung einer Konferenz jüdischer Handwerker mit dem Hinweis auf den bevorstehenden allgemeinen Handwerkerkongreß, wo die jüdischen Handwerker auch ihre speziellen jüdischen Interessen würden vertreten können, abgelehnt hatte, sah man sich nun in jüdischen Handwerkerkreisen veranlaßt, an dem allgemeinen Handwerkerkongreß teilzunehmen. Nach großen Schwierigkeiten gelang es, für die jüdischen Kongreßdelegierten das Aufenthaltsrecht in Petersburg für die Dauer des Kongresses, freilich unter recht lästigen und umständlichen Bedingungen, zu erwirken. Und so nehmen denn an dem gegenwärtig in Petersburg tagenden Kongresse zirka 75 jüdische Delegierte aus verschiedenen Städten des Ansiedlungsrayons teil. Der Kongreß hatte bereits wiederholt Gelegenheit, jüdische Angelegenheiten zu berühren. So wurde von den Vertretern verschiedener russischer Handwerkertruppen im Interesse einer freien Entwicklung des Handwerks die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons verlangt. Diese Forderung rief natürlich den stürmischen Protest eines Teiles der Kongreßteilnehmer hervor. Auf der Tagesordnung des Kongresses steht u. a. auch die Frage der Sonntagsruhe. Das vorbereitende Komitee beantragt diesbezüglich die Aufrechterhaltung des Status quo, wonach der Sonntag als offizieller Ruhetag gilt, den kommunalen Selbstverwaltungsbehörden aber das Recht zusteht, den lokalen Verhältnissen entsprechend eventuell einen andern Ruhetag als den Sonntag festzusetzen. Hingegen fordert die Warschauer Sektion der russischen Handelsgesellschaft die absolute Sonntagsruhe. Es fehlt auch nicht an Anträgen, die direkt gegen die Interessen der jüdischen Handwerker gerichtet sind. So verlangle ein Petersburger Delegierter das absolute Wohnverbot für jüdische Handwerker in Stadt und Gouvernement Petersburg, ähnlich wie dies in Moskau der Fall ist. Die Vertreter der Handwerkerorganisation der Stadt Tula gehen einen Schritt weiter und verlangen ein ähnliches Verbot für das gesamte Innerrußland. Todesnachrichten. Hofrat Professor Grünfeld hat leider kurze Zeit nach dem Tode seiner Gattin seine älteste Tochter, Frau Mathilde S i e g h a r t, verloren. Die Verstorbene, die Gattin des Geheimen Rates und Gouverneurs der Bodenkreditanstalt, Dr. S i e g h a r t, war eine treue Anhängerin ihres angestammten Glaubens, in dem sie auch ihre beiden Töchter erzogen hat. Sie wurde an der Seite ihrer Mutter bestattet.