Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeittmg" Nr. 4 Dr. Max Diamant (Czernowitz): Die Schenkerfrage in der Bukowina. Ich hatte angekündigt, daß ich jedem Schenker, dessen Gesuch um Verleihung einer Schankkonzession zurückgewiesen wurde, den Rekurs umsonst mache. So schrieb mir einer dieser Unglücklichen: „Ich bin seit 35 Jahren Schenker, bin heute ein Mann von 56 Jahren, mit einer kranken Frau und fünf unversorgten Kindern. Ich habe keinmal mit jemandem im Dorfe etwas zu tun gehabt, aber der Bruder vom Gemeindevorsteher ist mein Nachbar, ein reicher Bauer, er hat die Konzession bekommen und ich soll gehen hungern mit meinen Kindern. Helfen Sie mir, Herr Doktor!" Nicht allen diesen Armen gab aber ein Geschick die Möglichkeit, zu sagen, was sie leiden. Sie sitzen da mit dem Bescheide in der Hand, Fünfzigjährige und Sechzigjährige mit ihren zahlreichen Kindern, mit ihrer alten Mutter oder dem invaliden Schwiegervater und blicken mit tränenden Augen in den Tag hinein. Erwerben — einen anderen Beruf erlernen wieso? Die Kiemen wollen jeden Tag essen, die Alten krächzen, das Weib sieht den Mann halb wahnsinnig an. Er, der bisher das Haus erhalten hat, elend, jämmerlich zwar, vermag auch das nicht mehr. Verzweifelt rafft er sich noch auf, versucht auf einem anderen Wege zu einem Erwerbe zu kommen. Doch die vorsichtig bukowinische Verwaltung hat den Juden am Lande alle Wege verrammelt. Noch ist unser Schenker nicht verzweifelt und will seinen Kindern Brot geben. Er zieht nach Czernowitz, in die große Stadt mit ihren vielen Möglichkeiten des Erwerbes. Czernowitz ist bis jetzt nur durch seine patriotische Gesinnung bekannt. Es könnte aber noch berühmter werden durch seine Massenquartiere. Diese sind furchtbar, entsetzlich, Gräber für Scheinlebende. Dort quartiert sich der Schenker ein. Die Familie wird bald zu Grunde gegangen sein. Hunger, Tuberkulose lösen die Judenfrage so gut, wie die Taufe. Nur die Tochter dürfte zu einem Erwerbe kommen ... Ein schleichender Pogrom. Nicht einmal halb so viele Konzessionen wurden erteilt, als bisher Schenken im Betriebe waren. Ungefähr die Hälfte der Gastwirtkonzessionen wurde an Juden vergeben. Bisher waren aber fast alle Schenker, zirka zweitausend, Juden. Ein Viertel derselben bleibt also beim Brote, vorläufig, denn auch diese werden bald dank der vom Landespräsidenten B1 e y 1 e b e n so - zielbewußt geleiteten Verwaltung brotlos sein. Vor Jahr und Tag ging ein Sturm von Erregung durch Europa. Das neue, rumänische Gemeindegesetz verbot den Juden den Aufenthalt in den Landgemeinden. Als es dann zur Ausführung kam und man die Juden plötzlich aus den Dörfern verjagen wollte, „im Interesse der Bauern", wie es hieß, widersetzten sich die Bauern der Austreibung mit Sensen und Sicheln. Sie wollten von ihren Juden nicht lassen, den einzigen Freunden, die sie weit und breit hatten.- Militär mußte aufgeboten werden, um dieses .:bauernfreundliche Gesetz" zu vollziehen, das im Interesse der rumänischen Pfründenjäger lag. Heute werden die rumänischen Bauern erst recht ausgebeutet und stehen elend und hilflos da. Wir in der Bukowina sind schon vorsichtiger und europäischer. Da macht man keine Gesetze zur Judenverfolgung. Die Verwaltung funktioniert ruhig, glatt, einwandfrei und salonfähig. Die Wiener Judenpresse wird den Bleyleben gewiß verteidigen, wenn man ihn mit Jorga in dieselbe Schublade werfen wollte. Man gibt noch einigen Juden gewisse Rechte, aber man arbeitet auch für die Zukunft vor. Drei Viertel eines ganzen Standes, vielleicht fünfzehnhundert jüdischen Familien, wird das Genick umgedreht. Das ist kein Kischinew, denn die Juden haben das Rekursrecht. Damit sich die Rekurrenten aber gar keinen Illusionen hingeben, daß sie nach gemeinem Rechte behandelt werden und nicht nach besonderen Grundsätzen, ist im Gewerbedepartement der Czernowitzer Landesregierung, an der Tür seines Leiters, eine sinnige Bekanntmachung angenagelt, die folgenden Wortlaut hat: „In S ch|ank k on z'e ssi ons - angelegenheiten werden weder Auskünfte erteilt noch Informationen entgegengenommen." An der Spitze dieses Departements steht nämlich ein sehr „objektiver Bezirkshauptmann", der Täufling Rossin, den seine jüdische Vergangenheit gegenüber den Juden zu besonderer „Objektivität" verpflichtet. Niemand in der Landesregierung zweifelt daran, daß dieser Täufling ganz im Sinne des Bleyleben handelt. Bleyleben hat nämlich das lebhafte Bedürfnis, irgendwo im Westen als Statthalter unterzukommen und weiß daher ganz genau, daß er sich im Judenpunkte nichts vergeben darf. So spielt er denn mit offenen Karten. Er schreibt auf die Türe des Gewerbedepartements der Landesregierung, daß das, was für alle gilt, für die verzweifelten, jüdischen Schenker nicht gilt. Für sie gibt es nicht einmal Akteneinsicht. Sie nehmen eine Ausnahmsstellung, aber eine odiose, ein. Wenn heute für irgend ein Gewerbe neue gesetzliche Bestimmungen in Kraft gesetzt werden sollten, keine europäische Verwaltung würde daraus einen Anlaß machen, ihren Bürgern den Erwerb zu entziehen. Auch die österreichische Verwaltung hat sich dieser Einsicht gegenüber' ihren Bürgern nicht verschlossen. Christliche Schenker sind bei ihren Betrieben geblieben. Gegenüber den Juden muß man aber kalt und hart, im Amtsstil heißt das „objektiv", sein. Diejenigen von ihnen, die die Konzession wiedererhalten haben, haben sie als Akt besonderer Gnade bekommen und der Bezirkshauptmann hat nicht ermangelt, bei jedem einzelnen Falle auf diesen Gnadenakt hinzuweisen. Wem es zweifelhaft war, dem mag es jetzt klar werden: die jüdischen Massen im Osten sind in das Verfassungsleben nicht einbezogen, sie sind nicht gleichberechtigt, sie haben überhaupt kein Recht, sie sind bloß geduldet, genau so wie in Rumänien und Rußland. Die Gleichberechtigung bezieht sich nur auf jüdische Einzelpersonen, die ihr Judentum gegen diese Rechtsstellung eintauschen. Die Regimentsärzte, die Kommerzialräte, die Richter sind persönlich in die österreichische Rechtsgemenschaft aufgenommen, gegen die armen Juden kann es losgehen; sie sind genau so vogelfrei und werden genau so als Personen