Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-02-17 · Heft 4 (17.2.1911) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 4 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425834--1948-2428343
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 „Neue National-Zeitung" tfr. 4 Stand soviel angetan würde, wenn einem anderen Stande soviel Elend zugefügt würde, wenn man andere so behandelt hätte wie uns, was würde nicht alles geschehen! Es ist ein schwerer Kampf, den wir zu führen haben; wir sind 3 gegen 516! Aber das eine können wir sagen: Wehn man auch über 4 Abgeordnete zur Tagesordnung übergehen kann; über das jüdische Volk kann man nicht zur Tagesordnung übergehen." (Großer Beifall.) Rede des Abg. Stand. Es ergriff dann das Wort Abg. Stand: »Meine lieben Freunde! Wir haben uns hier in einer traurigen Angelegenheit versammelt. Juden aus Gälizien und der Bukowina wollen ihr Leid demonstrieren. Was wir jetzt in Oesterreich erleben, erinnert uns an Rußland und Rumänien. Was da geschieht, ist so wie ein Pogrom. Das große Unglück ist da, 50.000 Menschen wurden brotlös. Wenn es nicht Juden wären, würde man ganz anders vorgegangen sein. Ich werde die Herren an ein gleiches Beispiel erinnern. Vor vielen Jahren gab es in Galizien ein Gesetz, daß nur Doktoren der Medizin behandeln dürften — früher gab es Wundärzte. Dieses Gesetz wurde aber ergänzt durch Schaffung eines tJebergahgsstadiums und man gestattete den Wundärzten ihre Praxis auszuüben. Es ist eine kurzsichtige, unvernünftige Politik, die heute getrieben wird. Denn die 50.000 Leute werden in Galizien bleiben und das Proletariat wird anwachsen. Wir werden Pest, Seuche, Hungertyphus erleiden; das sollen sich diese merken, die die Existenz von Tausenden über Bord geworfen haben. Hätten nicht nur wir, mit Breiter, sondern hätten alle jüdischen Abgeordneter! mitgearbeitet, dann wäre es ganz anders. Der Polenklub hat immer gesagt, man soll darüber nicht schreiben. Stapinski hat tausend Konzessionen seinen Leuten gebracht (Pfuirufe); ein noch stärkeres »Pfui* gehört denjenigen, die sich Juden nennen." (Stürmische Pfuirufe.) Abg. Stand warnte die Versammlungsteilnehmer, die Reise nach Budapest anzutreten, weil, eine solche Masse auf fremdem Boden von unserem Ministerpräsidenten nicht empfangen wird. „Meine Herren! Wir sprechen offen und wahr; wir arbeiten für euch, aber wir sind wenige, wir sind 3 mit einem außerordentlichen Bevollmächtigten Breiter. Wir brauchen Hilfe auch von anderen Führern und jetzt sollen die anderen Farbe bekennen. Gehet zu Kolischer, Löwenstein, Gall, stürmet diese Leute, bis sie mit euch zu Bobrzynski und Badeni gehen, organisiert euch politisch, haltet zusammen, werdet reif und wir werden doch etwas erreichen. Fahret nach Hause und beeinflusset die öffentliche Meinung des Landes. Ich habe Vertrauen zur Vernunft unserer Staatsmänner, daß sie über 50 000 Personen nicht zur Tagesordnung übergehen." (Stürmischer Applaus.) Es sprachen noch die Herren Dr. Zipser, Komet, Freundlich u.a., worauf die Resolution einstimmig angenommen wurde. Um halb 7 Uhr war die Versammlung, die ohne jeden Zwischenfall vor sich ging, zu Ende. Die Teilnehmer verließen in Ordnung den Saal und begaben sich in die Speisehallen, wo sie bereits ein Nachtmahl erwartete. Zur gleichen Zeit fand auch im Saal „zum goldenen Widder" eine Massenversammlung statt, wo Dr. Ehrlich den Vorsitz führte. Hier erstattete Abg. Stand das Referat. Die Abfahrt. Um 12 Uhr 8 Minuten nachts verließ der erste Separatzug den Nordbahnhof, bald darauf der zweite. Die Schenker hatten sich bereits um halb 10 Uhr am Bahnhof versammelt, wo sie unter Leitung der Komitees ihr Gepäck zugewiesen erhielten und zur Abreise eingereiht wurden. Mit dem ersten Zug hat auch Abgeordneter Breiter die Heimreise angetreten. Die anderen Abgeordneten waren bereits um 11 Uhr mit M 6 deputierten Schenkern nach Budapest abgereist, wo sie Mittwoch vom Ministerpräsidenten empfangen werden sollten. * I Die jüdischen Speisehallen. Die Bewirtung von 1700 Gästen wurde dem Hilfs-! komitee besonders durch die der Erhaltung von | rituellen Speiseäristälten gewidmeten Vereine „Einheit" j und „Achwah" erleichtert. Im ersten Verein waren es die Herren Vorsteher Hofbauer und Fischer, im zweiten Herr Hämmer, die ihre Lokale der Deputation für Mittags- und Nachtmahlsverpflegung bereit- | willig zur Verfügung stellten und auch selbst bei den J Vorbereitungen sehr tätig mitwirkten. Beide Vereine \i haben auch mehrere hundert Speisekarten unentgeltiich zur Verfügung gestellt 1 Die Speisehalle der „Einheit" hat am Nachmittag nebst ihren täglichen zirka 500 Gästen ungefähr 700 Schenker beköstigt; ein erfreulicher Beweis ihrer großen Leistungsfähigkeit. Beiden Vereinen, hat das Hilfskomitee des „Ver- I bähdes der östlichen Juden" Dankschreiben übermittelt. \\ * I Die polnische Schul' nnd ihr Rabbiner. 1 Der Bethausverein für den polnischen Ritus „Beth 1 Israel", der sich gern äüf die Repräsentanz der pol- 1 nischen Juden in Wien herausspielen möchte, und der 1 Rabbiner dieses Vereines* Herr Mayersohn, haben I sich um die 1500 armen galizischen Juden, die nach I Wien kamen, um hier Rettung vor dem Hüngertode zu 1 Suchen, nicht im geringsten bekümmert. Herr Rabbiner 1 Fürst von der „Schiffschul*4 karti in die Speisehalle | der „Einheit", um bei der Ausspeisung der polnischen 1 Juden anwesend zu seih; der Rabbiner der polnischen | Schul', Herr Mayersohn, ist zu Hause geblieben. 1 Weiterer Kommentar überflüssig. j ¥ * i | Dr. Alfred Stern nnd Moses Gartenberg. f Rabbiner Mayersohn hat nur das Beispiel seines I Vorgesetzten Dr. Stern — für auswärtige Leser sei be- I merkt, daß Rabbiner M. auch als Beisitzer des Rabbinats- I Kollegiums fungiert — befolgt. Dr. Stern hat zwar einen I }jGemeindebundu gegründet, der für die Rechte der I jüdischen Staatsbürger in ganz Oesterreich eintreten $ soll, aber der Gemeindebund besteht offenbar bloß zu j dem Zweck, damit Dr. Stern sein Präsident sein kann. Für arme polnische Juden existiert der Gemeindebund nicht und Dr. Stern mag sich nicht echauffieren. Auch dann nicht, wenn es ihn nichts kostet. Dr. Stern hat am Tage* da die Schenker in Wien ankamen, laut einem Legat des verstorbenen Barons 1 Albert Rothschild 100.000 K zur Verteilung an jüdische j Arme zugewiesen erhalten. Da dem Hilfskomite aus ] der Unterbringung der Schenker namhafte Auslagen erwachsen sind, die durch die Spenden noch nicht ganz gedeckt erscheinen, begaben sich am Dienstag abends

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.