Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425834--1946-2428341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 sie zu unterstützen, und versicherte, daß der Polenklub gewiß sein möglichstes tun werde, um zumindest den alten Propinationspächtern ihre Lage zu erleichtern und darauf hinzuarbeiten, daß vielleicht doch noch eine Anzahl von Konzessionen verliehen werde. Der Polenklub allein habe jedoch weder die Macht, noch die Möglichkeit, selbst Konzessionen zu erteilen, und könne sich nur bei der Regierung hierfür verwenden. In dieser Darstellung wurde jedoch außer acht gelassen, daß Dr. Lazarski sich über den »konfessionellen* Charakter der Deputation aufgehalten hat. Darauf unterbrach ihn Herr Stand mit der Bemerkung, daß dies keine rein jüdische Deputation sei, da sich auch christliche Schenker angeschlossen hätten. Es handle sich bei der eingeleiteten Aktion nicht um eine konfessionelle Angelegenheit, sondern um die Existenz von über lO.UOO Familien mit 50.UU0 Köpfen, durchwegs arme Leute, die einen schweren Kampf ums Brot führen. Wenn die Geschädigten auch nicht größtenteils Juden gewesen wären, so hätten sich die jüdischen Abgeordneten auch für andere in gleicher Weise eingesetzt. Der Eindruck der Rede Dr. Lazarskis war ein ungemein deprimierender. Von dem Manne, der beim Antritte seines Amtes allerseits als Demokrat gefeiert wurde, konnte man nicht erwarten, daß er die Notlage von Tausenden Menschen für politische Zwecke ausnützen werde. Jetzt weiß man es. Nun hat Dr. Lazarski nach der scharfen Kritik, die Dr. Landau im „Hotel Central" an seiner Rede geübt hat, im Wege der „Polnischen Korrespodenz" zum zweiten Mal den Inhalt seiner Rede bekanntgegeben; diesmal schon geradezu verdreht und entstellt. Die politische Pression, die er an den armen Juden ausüben wollte, indem er ihnen sagte: „Gehet mit uns, so werden wir mit euch gehen" — wird hier mit Stillschweigen übergangen, dagegen werden Dinge erzählt, die der Obmann gar nicht gesprochen hat. So hat Dr. Lazarski bestimmt nicht gesagt: „Ich muß sehr zu meinem Bedauern konstatieren, daß ich an eurer Spitze jene Mitglieder des Polenklubs vermisse, die Ihrer Konfession ang« hören . . . Ich fürchte sehr, ob Sie nicht dadurch, daß Sie diese Abgeordneten von Ihrer Aktion ausgeschlossen haben, dieser Angelegenseit in ganz unnötiger Weise den Stempel einer politihchen Demonstration aufgedrückt haben." Drücken tut sich jetzt am meisten der Herr Obmann wegen seiner unklugen, unpolitischen Rede, die trotz aller Entstellungs- und Ableugnungsversuche hoffentlich allen galizischen Juden endlich die Augen öffnen wird. Mehrere Schenker begannen heftig zu weinen und zu schluchzen und flehten den Obmann des Polenklubs um Mitleid. Er wehrte ab mit dem Bemerken, er könne doch keine Konzessionen verleihen. Es war bereits 2 Uhr nachmittags, als die Massendeputation vom Parlamente ihren traurigen Zug fortsetzte. In der Leopoldstadt löste er sich auf. Die Teilnehmer begaben sich mit den erhaltenen Anweisungen in die Speisehallen; die meisten waren glücklich, nach mehrtägiger Abwesenheit von ihrem Familienherd wieder eine warme Kost zu sich nehmen zu können. * Die Massenversammlung im Hotel Central. Der „Verband der östlichen Juden" veranstaltete am Dienstag, um halb 4 Uhr nachmittags, eine Versammlung im Hotel Central, um den Führern der Deputationen die Gelegenheit der Berichterstattung zu bieten und um eine entsprechende Resolution zu fassen. Der Festsaal war bereits lange vor Beginn der Versammlung überfüllt. Mehr als 1200 Personen, ausschließlich Mitglieder der Massendeputation haben sich eingefunden, um über die Resultate des Tages Bericht zu erhalten und wenigstens einen schwachen Hoffnungsschimmer mit nach Hause zu nehmen. Den Vorsitz führten Dr. S. R. Landau und Apotheker Rudolf Ahl. Dr. Landau eröffnet die Versammlung, indem er die versammelten Schenker, die zur Rettung ihrer Existenz die Strapazen dieser weiten Reise auf sich genommen haben, im Namen des Verbandes begrüßte, ebenso begrüßte er die erschienenen Reichsratsabgeordneten Breiter, Mahler, Stand und Doktor Straucher. Dr. L a n d a u, der über Wunsch der Versammlung einen Teil seiner Rede in jüdischer Sprache hält, sagt: „Meine lieben Brüder und Schwestern! Der heutige Tag bildet für die Wiener Judenschaft ein sehr wichtiges Ereignis; nicht deshalb, weil man heute den jüdischen Millionär Rothschild zu Grabe getragen hat, sondern deshalb, weil die Wiener Juden Gelegenheit haben, zu sehen, wie 2000 Juden aus den östlichen Teilen des Reiches hieherkommen, um in Wien bei den Wiener Zentralbehörden Hilfe zu suchen. Heute hatten die Wiener Juden und das Wiener Publikum Gelegenheit zu sehen, daß hier alten gebrechlichen Männern und armen Witfrauen ihr trockenes Brot genommen wurde. Ich kann Sie, liebe Freunde, versichern, daß mit dem heutigen Tage die Arbeit unseres Verbandes noch nicht beendet ist. Unser Verband wird alles tun, um für euch etwas zu erreichen. Wendet euch mit euren Beschwerden an uns, wir werden gerne für euch eintreten. (Stürmische Bravorufe.) Von den Herren Abgeordneten werden Sie hören, was bei den Ministern ausgerichtet wurde." Die Provokation des Polenklubs. „Ich für meine Person" — setzte Dr. Landau fort — „will mich nur damit beschäftigen, was der Obmann des Polenklubs, Dr. Lazarski, der Deputation geantwortet hat. Der Herr Abg. Stand hat an Herrn Dr. L a z a r s k i, eine ausgezeichnete Ansprache gehalten; er hat appelliert, an die bekannte demokratische Gesinnung des Dr. Lazarski und hat unter anderem gesagt: „Es handelt sich nicht um Juden oder Christen, es handelt sich um Menschen, die ein Stückchen Brnt haben wollen " Die Antwort, die der Obmann des Polenklubs gegeben hat, hat uns sehr enttäuscht. Wir haben uns überzeugt, daß ein Obmann des Polpnklubs dem andern gleich ist. Lazarski hat eine agitatorische Rede gehalten und gesagt: „Sie müssen mit uns gehen, dann werden wir m.i t euch gehen." Anders hätten auch Glombihski und Dzieduszycki nicht gesprochen. Ich glaube, dnß es das letztemal gewesen sein wird, daß die Juden zum Obmann des Polenklubs gegangen sind. Wir haben hören wollen, was man uns sagen wird und die Herren Abgeordneten haben sehr gut getan, daß sie hingegangen sind. Dr. Lazarski sagte wiederholt, die Deputation passe ihm nicht, weil man in Wien meinen könnte, daß in Galizien ein Antisemitismus herrscht. Hört ihr'sl Gibt es denn in Galizien wirklich keinen Antisemitismus? In Galizien werden die Juden weder Landesnoch Gemeindebeamte, weder Lehrer noch Lehrerinnen, sie werden in die Gewerbe-