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Neue Nationalzeitung · 1911-02-03 · Heft 3 (3.2.1911) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 3 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung" Seite 11 Rudolf Presber i Israel.*) Der Landrat: Herr Kommissar, ich habe Sie bitten lassen, Sie kennen sich hier in den Verhältnissen unseres Ländchens am besten aus, da Sie schon vierzig Jahre im Dienst sind. Es wird Ihnen nicht entgangen sein, daß — hm, in letzter Zeit der Einfluß unserer jüdischen Mitbürger etwas sehr überhand genommen hat. Ja, was ich sagen wollte — ich lasse den Leuten alle Gerechtigkeit widerfahren: sie sind fleißig und temperamentvoll, aber, hm, ja — schließlich sind sie doch sozusagen Eindringlinge. — Seine Durchlaucht empfindet das wenigstens so. Und ich fühle mich hierin — wie in allem — mit seiner Durchlaucht eines Sinnes. Vor allem aber müssen wir den Gegenkandidaten der Freisinnigen, den konservativen Rittergutsbesitzer von Buchshorn, im Kreisblatt kräftig unterstützen. Der Mann ist von treuer Gesinnung, ist durchaus arisch und doch kein Judenfeind . .. Der Kommissar: Das liegt in der Familie. Der Landrat: Was heißt das, das liegt in der Familie? Der Kommissar: Vor dreißig Jahren, wie die große Judenverfolgung war, kam hier ein Jude von Kischinew durch. Auf dem Gute des Vaters — oder besser: der Mutter des Herrn von Buchshorn wurde der Mann sehr freundlich aufgenommen. Es war ein schöner Mann, dunkelhaarig und von derselben Statur wie der jetzige Herr von Buchshorn, der dreiviertel Jahre später zur Welt kam. Der Landrat: Sie wollen doch damit nicht sagen . .. Der Kommissar: Der Herr Landrat haben ja selbst gesagt: die Leute sind fleißig und temperamentvoll. Und man hat's gerade bei adeligen Damen auf dem Lande oft, daß sie .. . Der Landrat: Schweigen Sie! Hm, was ich sagen wollte — das ist unangenehm. Sie lassen also natürlich diesen fatalen Herrn Buchshorn fallen. Natürlich. Ich darf auch nicht vergessen, ihn von der Ordensliste zu streichen. Na ja, was ich sagen wollte — wir werden dann doch wohl den Doktor Mützelmann aufstellen müssen. Er ist zwar etwas extrem in seiner Judenfeindschaft. Der Kommissar: Ja, Herr Landrat, das kommt vom alten Justizrat Mützeimann. Der Landrat: Mein lieber Kommissar, das ist doch — das ist doch nicht merkwürdig, daß die jungen Leute von den alten ... Der Kommissar: Wie man's nimmt, Herr Landrat. Die selige Frau Justizrat hätt's nie zugegeben. Sie hatte — sie war... Der Landrat: Was denn schon? — Was denn? Der Kommissar: Es war da nämlich vor fünfunddreißig Jahren die große Judenverfolgung in der Bukowina. Damals kam ein Hausierer — ich weiß noch, er hieß Veilchenblüth, er sah aber nicht so aus — auf der Reise nach Amerika hier durch. Die Frau Justizrat — das heißt damals war sie bloß Frau Doktor — gab ihm ein Quartier ... *) Späne! Von Rudolf Presber. Coneordia, Deutsche Verlagsanstält, Berlin W 30. Der Landrat: Sie soll sehr gütig gewesen sein. Der Kommissar: Sehr gütig, wie der Herr Landrat sagen. Zu gütig vielleicht. Der Herr Justizrat war damals auf dem Juristenkongreß in Osnabrück. Ja, und dann — drei Vierteljahr später . . . Der Landrat: Was denn — was denn? Der junge Doktor Mützelmann sollte .. . Der Kommissar: Gerade bei Juristenfrauen, Herr Landrat, hat man's oft, daß . . . Der Landrat: Das ist ja entsetzlich! Und Sie glauben wirklich, daß so in einem Tage ein zugewanderter Jude ... Der Kommissar: Er blieb vier Wochen, Herr Landrat — die ganze Zeit, während der Justizrat in Osnabrück war. Der Herr Landrat sagten ja selbst, die Leute sind fleißig und temperamentvoll. Der Landrat: Ja, was tun wir da — ich möchte erst Seiner Durchlaucht berichten. Seine Durchs laucht wird außer sich sein — außer sich .. . Der Kommissar: Ueber was, Herr Landrat? Ich begreife das nicht ganz. Der Landrat: Wieso — Sie begreifen das nicht? Der Kommissar: Nein. Seine Durchlaucht ist jetzt siebenundzwanzig Jahre. Alle Welt weiß, daß vor achtundzwanzig Jahren der Vater Seiner Durchlaucht schwer erkrankte. Der Landrat: Natürlich. — Wir wissen das — Durchlaucht war die letzte Blüte der Kraft Seiner Durchlaucht. Der Kommissar: Hm. Ja. Das heißt: damals war ein berühmter Professor aus Warschau zugezogen. Loeb Silberstein hieß er, Professor LoebSilberstein. Er hat dem Lande den Fürsten nicht erhalten können. Den nicht. Aber — hm, ja — aber — die Dynastie ist denn doch nicht erloschen. Ihre Durchlaucht die Frau Fürstin konnte dreiviertel Jahre später für den eben geborenen Erbprinzen die Regentschaft . . . Der Landrat: Sie wollen doch nicht etwa die ungeheuerliche Behauptung aufstellen . . .? Der Kommissar: Herr Landrat — unter uns — ich gehörte damals zum Sicherheitsdienst im Schloß und — man weiß, man weiß. Der Landrat: Mensch, Mensch! Sie wollen mir hier am Ende behaupten, daß Sie der einzige Antisemit am Orte sind, der durch die Geburt die Berechtigung dazu hat, was? Der Kommissar: Ach Gott, Herr Landrat. Berechtigung durch Geburt! Meine Mutter war schon fünf Jahre Witwe, als ich zur Welt kam. Der Landrat: So, so. Hm. Ein vaterloses Kind also — Der Kommissar: Sie müssen wissen, Herr Landrat, ich bin jetzt einundsechzig Jahre. Vor zweiundsechzig Jahren war die große Judenverfolgung in Galizien. Damals kam ... Der Landrat (im Zimmer umherrennend: Ich weiß schon ... ich weiß schon . .. Himmel — Himmel — das ist ja nicht zu glauben ... Ach, bitte, Kommissar, ich habe meine Brille verlegt.. . Nehmen Sie doch dort mal den Band Brockhaus mit „J* aus dem Schrank. Ich bin 1864 geboren ... Sehen Sie doch mal nach . .. Was wollt' ich schon sagen? Ja, richtig: sehen Sie doch mal nach, ob 1864 eine Judenverfolgung war?

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