Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 3 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 hinterließ. Es müsse nun unter allen Umständen vermieden werden, daß auch die Günzburgsehe Bücherei in nichtjüdischen Besitz gerate, anstatt in der Jerusalemer Nationalbibliothek, der einzigen Stätte, wo sie hingehöre, aufbewahrt zu werden. Inzwischen wird aus Berlin gemeldet, das Herr Jakob Schiff aus New-York mit der Witwe Baron Günzburgs wegen des Ankaufs der Bibliothek für ein amerikanisches wissenschaftliches Institut in Unterhandlungen getreten sei. Angeblich soll Herr Schiff eine Million Rubel für die Sammlung geboten haben. Rabbiner Schmelkes i« Przeniysl und die Volkszählung. Sämtliche Juden in Galizien, welche anläßlieh der Volkszählung das „Jüdisch" als ihre Umgangssprache angegeben haben, wurde von den Bezirkshauptmannschaften die höchste Strafe und zwar 40 Kronen auferlegt. Unter den Verurteilten befindet sich der bekannte Nationaljude Rabbiner Schmelkes in Przemysl. Der Rabbiner verweigerte jedoch die Zahlung der Buße und erklärte, lieber eine Freiheitsstrafe erleiden zu wollen. Diesem Beispiele werden zweifellos viele Hunderte und Tausende folgen. Man wird also das merkwürdige Schauspiel erleben, daß in Galizien Tausende von Juden wegen einer nach bestem Wissen und Gewissen abgegebenen wahrheitsgetreuen Erklärung ihrer Muttersprache eingesperrt werden ... Demission des russischen geheimen Staatsrates Heiiperin. Nach dreißigjähriger Amtstätigkeit in russischen Staatsdiensten hat der wirkliche Geheimrat J. M. Heiiperin um seine Pensionierung angesucht. Geheimrat Heiiperin, der zuletzt Vizedirektor des Justizdepartements im Ministerium war, ist der einzige Jude, der in Rußland eine so hohe Amtsstelle bekleidet und wäre er nicht Jude, oder hätte er, wie mancher seiner Amtskollegen den Lockungen nachgegeben und seinen Glauben gewechselt, so wäre er schon längst Justizminister geworden. Da Geheimrat Heiiperin nunmehr einsieht, daß er ohne das Opfer seiner Ueberzeugung nicht weiter avancieren kann, entschloß er sich, sein Amt niederzulegen und sich ausschließlich öffentlichen jüdischen Angelegenheiten zu widmen. Auch bis nun hat Geheimrat Heiiperin sieh an allen russischen jüdischen Angelegenheiten beteiligt. So steht er an der Spitze der Gesellschaft zur Förderung der Handwerke unter den Juden und die Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden hat ihn jüngst zum Vorsitzenden gewählt. Und nun dürfte er auch zum Präsidenten der Petersburger Kultusgemeinde als Nachfolger des jüngst verstorbenen Baron von Günzburg gewählt werden. Geheimrat Heiiperin ist ein ausgezeichneter Kenner der jüdischen Geschichte und ein ausgezeichneter Hebräer. Man sieht ihn in Regierungskreisen nur ungern aus dem Amte scheiden, da er zu den befähigtesten und treuesten Beamten zählte und besonders bei den im vorigen Jahre vorgenommenen Revisionen der Intendanturen große Umsicht an den Tag legte. Die Kriminalität der jüdischen Jugend. Der Direktor des Newyorker Jugendgerichtshofes Mr. Cölter hat soeben einen Bericht über „Jugendliche Verbrecher und Wohnungsmisere " veröffentlicht. Aus diesem Berichte geht die interessante Tatsache hervor, daß die meisten jugendlichen Verbrecher das italienische Viertel und die geringste Zahl das eigentliche Ghetto von Newyork liefert, obgleich dort dieselben argen Wohnungsverhältnisse obwalten, wie in den übrigen „Armenquartieren". Zuni Mitgliede des ungarischen Magnatenhauses wurde Baron Peter Herzog ernannt. Dem Magnatenhause 'gehören noch folgende jüdische Mitglieder an: Adolf Ullmann, Franz C h o r i n, Baron Sändor Deutseh- H a t v a n y, Wilhelm 0 r m o d y, Baron Josef Deutsch- H a t v a n y und Karl Schwab. Die jüdische Bevölkerung Ungarns hat nach der amtlichen Statistik vom Jahre 1909 die Zahl 950.352 erreicht, und dürfte bei der jetzigen Volkszählung einer Million nahekommen. Die Zahl der Geburten betrug 26.123, die der Todesfälle 13.606. Die Fruchtbarkeit der Juden in Ungarn war in dem genannten Jahre perzenluell geringer als bei anderen Konfessionen. Die Zahl der Mischehen stieg auf 658. Nahezu jede zehnte Ehe unter den Juden Ungarns ist eine Mischehe. Die Synagoge in Sniatyn abgebrannt. Vorige Woche brach um 4 Uhr morgens in Sniatyn ein ungeheurer Brand aus, der von einem heftigen Winde begünstigt, große Dimensionen annahm und dem auch ein Menschenleben zum Opfer fiel. In einer Synagoge brannte anläßlich einer Jahresandacht ein Oellämpchen, das auf einem Tische aufgestellt war, auf dem mehrere Bücher lagen. Das Lämpchen kipple um und im selben Augenblick hatte das trockene Papier Feuer gefangen. Gleich war der ganze innere Raum des Bethauses ein Flammenmeer. Ein armer älter Jude, der die Nacht über im Bethause war und bei den Büchern sitzend eingeschlummert war, hatte von dem ihn umgebenden Feuer nichts gemerkt. Die Flammen dehnten sich immer weiter aus, bis sie auch die an beide Seiten des Hauses angrenzenden Synagogen ergriffen. Der avisierten Feuerwehr bot sich ein schauerlicher Anblick dar. Nur mit Mühe gelang es ihr noch, die beiden anstoßenden Häuser vor der gänzlichen Zerstörung zu befreien, während das mittlere Gebäude vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurde. Der alte Mann wurde aus den Ruinen als verkohlte Leiche gezogen. Außerdem wurden daselbst vier wertvolle Thorarollen gänzlich verkohlt aufgefunden. Der gesamte Schaden dürfte sich auf 30.000 Kronen belaufen und war durch Versicherung nicht gedeckt. Das Schächtverbot in Sachsen aufgehoben. Ein Erfolg, wie er der Judenheit in Deutschland seit Jahrzehnten nicht beschieden war, ist in der jüdischen Frage, errungen worden. Durch eine Ministerialverfügung vom 20. Dezember 1910 ist das seit dem 21. März 1892 bestehende Schächteverbot für das Königreich Sachsen aufgehoben. Damit ist der Kampf gegen antisemitische Verleumdung und Heuchelei, dessen tapferster Vorkämpfer der jüngst verstorbene Doktor Hirsch Hildesheimer war, zu siegreichem Ende geführt. Russische Jüdinnen an der Pariser Universität. Unter den 30 Frauen, die im verflossenen Jahre an der medizinischen Fakultät der Pariser Universität promovierten, waren vierzehn Jüdinnen aus Osteuropa (Rußland und Rumänien). Eine russische Jüdin, Savina Aaronovitz, erhielt eine besondere Auszeichnung bei der Prüfung. Allen diesen erfolgreichen Kandidaten war in ihrer Heimat die Zulassung zum Universitätsstudium wegen ihres Judentums verweigert worden. Apothekerausweisungen aus Kiew. Aus Kiew wird über massenhafte Ausweisungen jüdischer Apotkekergehilfen berichtet. Als Grund für die rigorose Maßregel wird eine Staatseiklärung angegeben, wonach Apothekergehilfen nur dann das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons genießen, wenn sie sich über ihre Beschäftigung in bestimmten Apotheken ausweisen können. Eine Organisation jüdischer Kolonisten in Argentinien. Der für den 17. Dezember 1910 nach Buenos-Aires einberufene erste Kongreß jüdischer Kolonisten war nicht so stark besucht, wie erwartet wurde. Es waren im ganzen vier Kolonien durch 12 Delegierte vertreten. Nach eingehender Beratung, an welcher auch viele Juden aus Buenos-Aires teilnahmen, wurde die Gründung einer „Confederation Agrica Argentina Israelita" beschlossen und das Statut der Gesellschaft genehmigt. Die Konferenz schloß mit einem Hoch auf die argentinische Republik.