Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 3 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung" Seite 9 schwere Unrecht, das er herzlos an den Schenkern begangen hat, durch Zahlen wegzuleugnen. Aber Lügen haben kurze Beine. Und so ist Bobrzynski leicht zu ertappen. Hofrath Szeligowski hat in der Enquete erklärt, daß anläßlich der Konzessions Verteilung 1U00—1100 Schenker brotlos blieben. Die Statistik der „Gazeta Lwowska" gibt aber selbst eine weit höhere Ziffer zu: circa 7000 Schenker, d. h. zirka 40.000 Menschen. Die amtliche Statistik führt folgende Ziffern an. Es haben sich um Schankkonzessionen 33.393 Personen, darunter 15.189 bisherige Schenker (lies Juden) beworben. Davon wurden 7023 bisherige Schenker berücksichtigt, während weitere 2664 an bisher im Schenkerfache nicht beschäftigte Personen erteilt wurden. Schon damit allein wird amtlich zugegeben, daß 8466 Schenkerfamilien brotlos gemacht wurden. Es folgen dann weitere statistische Auseinandersetzungen, was alles für diese Unglücklichen geschehen ist. Die Statthalterei hat nämlich von den eingelangten 14.682 Rekursen 915 (!) berücksichtigt; darunter befinden sich 741 bisherige Schenker. Ergibt zusammen also eine Anzahl von 7764 Konzessionen an Juden von 15.189 in diesem Berufe bisher Beschäftigten. Dr. Bobrzynski läßt den armen Menschen noch den einzigen Prometeus-Trost: er wird nach Maßgabe der durch die Volkszählung sich ergebenden Volksvermehrung weitere Konzessionen erteilen. Andererseits aber sorgt er im Einvernehmen mit dem Landesausschuß, daß selbst die glücklichen Konzessionäre durch hohe Propinationsfonds-Gebühren wirtschaftlich zu Grunde gerichtet werden, bis sie ihre Konzession selbst zurücklegen. G5MEiNL>5=0N& VSR5iNiNGU>RilWW Wien. (Akademischer Verein „ J ü d i s c h e K u 11 u r" in Wien.) In den ersten Tagen des Monates März findet im Kursalon ein großer literarischer Abend statt, an dem der berühmte jüdische Dichter Schalom Asch, der auf Einladung des obgenannten Vereines nach Wien kommt, aus seinen eigenen Werken vorlesen wird. Wien. (Jüdischer Schulverein für den IX. Bezirk.) Der Vorstand hat beschlossen, einige Elternabende zu arrangieren, das Interesse der Eltern für die Zwecke des Vereines: Unterricht im Lesen, Uebersetzen der Gebete und Pentateuch, jüdische Geschichte, Literatur, hebräisch Schreiben etc., anzufachen und findet der erste Elternabend Montag den 6. Februar 1. J. präzise 8 Uhr abends, in den Vereinslokalitäten statt. Wien. (Oesterr.-ungarische Kolonialgesellschaft.) Samstag, den 4. Februar 1911, abends 7 V, Uhr, findet in dem Saale des Gremiums der Wiener Kaufnannschaft, IV., Schwarzenbergplatz Nr. 16, eine Plenarversammlung statt. Der bekannte Schriftsteller Herr Jaques Jaeger wird über seine „Südamerikanische Studienreise" (Uruguay-Argentinien) sprechen und auch die j üdischen Ackerbaukolonien in Argentinien eingehend behandeln. %J5 ÄLL6.S W&ßttiL5N Rabbi Jakob Meir in Saloniki dürfte den Posten eines Chachambasehi von Jerusalem endgültig annehmen. Wie die „Hacherulh" aus Konsfantinopel berichtet, erwartet man den kaiserlichen Ferman über die Anstellung Rabbi Jakob Meirs spätestens zum kommenden Purimfeste. Die definitive Erledigung dieser so lange schwebenden Angelegenheit ist das Ergebnis eingehender Verhandlungen, die ein Abgesandter des GroJßrabbinats, Rabbi Isak Schaki aus Konstantinopel, mit Rabbi Jakob Meir gepflogen hat. Gleichzeitig verlautet hier, daß auch das Oberrabbinat der Asehkenasim, das durch den Tod Rabbi Samuel Salants erledigt worden ist, demnächst neu besetzt werden soll. Für diese Stelle ist Rabbi Isak Rabbinowitz aus Poniwesh (Rußland) ausersehen. Eine Bestätigung dieser letzteren Nachricht bleibt noch abzuwarten. Mapu und Smolensky. Im zionistischen Seminar der „Emunah* in Czernowitz sprach Herr Dr. Samuel Rappaport (Lemberg) über die hebräischen Schriftsteller Mapu und Smolensky. Der zirka anderthalbstündige Vortrag, der sich durch besonderen Gedankenreichtum und geistreiche Schilderung auszeichnete, legte Zeugnis ab von der gründlichen Kenntnis, mit der der Referent sein Gebiet beherrschte. Mapu und Smolensky, beide aus ärmlichen Verhältnissen hervorgegangen, sind die ersten wahren Begründer der jüdischen Renaissance, indem sie Rückkehr zum Judentum und zur hebräischen Sprache durch sich selbst bekunden, im Gegensatze zu Mendelsohn, der das jüdische Volk zu einer Glaubensgemeinschaft degradierte und mit der Zivilisation auch ins Judentum fremde Kultur hineinbrachte. Smolensky ist der radikale und revolutionäre Nachfolger des Mapu und geht den Weg, den ihm dieser gezeigt. Smolensky hat dort begonnen, wo Mapu aufgehört. Mapu ist nur literarisch tätig gewesen und hat seine Werke nur als Kunstwerke ohne jede Tendenz geschrieben, er ist bloß der Pfadfinder des modernen hebräischen Stiles. Während Mapu, der unter dem Einfluß der Kabbala stand, begeistert von den landschaftlichen Reizen seiner Heimat Kowno (Rußland), die in Bezug auf ländliche Romantik an Palästina erinnert, sich in Phantasiebildern von der Vergangenheit des jüdischen Staates ergeht, ohne welche Absicht dabei auszusprechen, ist Smolensky ein Arbeiter für die Gegenwart, ein Stürmer und Dränger, der in seinen Werken und in der von ihm später in Wien begründeten Monatsschrift „Haschachar" klipp und klar seine Tendenzen dokumentiert. Mapu hat nachgewiesen, daß die hebräische Sprache nicht tot sei, das heißt man könne sie noch sprechen, Smolensky hat gezeigt, daß sie noch lebe, das heißt, daß man sie noch spreche. Mapu hat gezeigt, daß Zion im Herzen des jüdischen Volkes nicht lot sei, Smolensky, daß es noch lebe und ungeschwächt pulsiere. Mapu hat den Weg gezeigt, Smolensky ist ihn gegangen; er ist der Begründer des modernen hebräischen Stiles. Er wünscht, die hebräische Sprache möge endlich einmal aufhören, die Sprache der Gelehrten und Dichter zu sein, sondern möge die Sprache des Volkes werden. Smolensky ist der Aesthetiker des jüdischen Ghettos, der im jüdischen Volke jüdisches Wissen und jüdischen Geist mit modernem Wissen und moderner Zivilisation vereinigt wissen will. Die Bibliothek des verstorbenen Barons (xiinzbnrg. Im Jerusalemer „Haor" richtet Elieser ßen- J e h u d a in einem längern Aufsatz an alle Zionsfreunde und Verehrer der jüdischen Literatur und Wissenschaft die Aufforderung, die kostbare Büchersammlung des kürzlich in Petersburg verstorbenen Barons David Günzburg für die jüdische N a t i o n a 1 b i b 1 i o t h e k in Jerusalem zu erwerben. Die erforderlichen Geldmittel könnten nach Ansicht Ben-Jehudas durch Beihilfen der verschiedenen Palästinaorganisationen sowie durch eine im großen Stile einzuleitende Sammlung aufgebracht werden. Eine ähnliche wertvolle Büehersammlung, die Tausende der seltensten jüdischen Drucke und Handschriften enthielt, die sogenannte Friedlandiana in Petersburg, ist vor Jahren dem jüdischen Volke dadurch verloren gegangen, daß der Besitzer sie testamentarisch der Kaiserlichen Bibliothek in St. Petersburg