Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 3 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Neue National-Zeittmg' Seite 7 schwächliche Zaghaftigkeit und vor allem eine unverzeihliche Versündigung an dem heiligen Werke, an dem Unverstand und Gernegroßtum nicht ungestraft rütteln soll, Es ist wahrhaftig Unheil genug angerichtet: die Verschärfung der Einwanderungsschwierigkeit, die einem Verbot gleichkommt, ist — ich weiß das aus bester Quelle — nur eine Folge des unsinnigen Lärms der „Judenstaatler". Neuerdings ist eine Erschwerung des Landverkaufes hinzugekommen, und es ist keine hypergroße Aengstlichkeit, wenn wir für den Bestand und die Sicherheit der Kolonien zu zittern beginnen. Und man sollte es ruhig geschehen lassen, daß so ernste Gefahren mutwillig heraufbeschworen, daß mit der Existenz der Tausende, die endlich Ruhe und sicheren Erwerb gefunden haben, ein so verwegenes Spiel getrieben wird, weil Herr S. und Genossen mit einem Eigensinn, der nur pathologisch beurteilt werden kann, sich auf die Utopie verbissen haben, daß nur in der „öffentlich-rechtlichen Heimstätte" das Heil der Judenheit zu finden ist. Daß sie die unter der Flagge des „Judenstaates" segelnden, die von einem unter diesem Zeichen einberufenen Kongreß gewählten, dieses an sich nur durch ein „offenes Wunder" zu erreichende Zugeständnis nie und nimmer erreichen werden, ist jedem Vollsinnigen klar, aber selbst wenn das Unmögliche möglich, selbst wenn wirklich Aussicht vorhanden wäre, daß der große Wurf gelingen kann, ist es nicht kompletter Wahnsinn, ein geradezu verbrecherisches Beginnen, um eines Erfolges willen, der vielleicht in ferner Zukunft erkämpft werden kann, die mühsam errungenen Erfolge zu gefährden und um künftigen Ansiedlern eine „gesetzlich gesicherte" Existenz zu bereiten, den Hunderten und Tausenden, die nach Erlösung lechzen und sie finden können, im Elend verkommen zu lassen? , . . Täuschen nicht alle Anzeichen — die Wiener Herren verstehen die Mache — dann wird das kleine Häuflein der Vernünftigen unterliegen und der Kolonisation in der heutigen Form der Krieg erklärt werden. Nun, es sei! Ich täusche mich nicht darüber, daß das für unsere Bestrebungen eine sehr schwere Schädigung bedeuten und daß das bisher in ungetrübter Friedlichkeit seit zwei Jahrzehnten durchgeführte Werk ernsthaft erschwert werden würde, aber sunt certi denique fines: die Vernunft muß doch endlich zum Siege gelangen. Sie werden es mir, der ich seit erwachtem Bewußtsein, nahezu 20 Jahre, mit meinem besten Können für die Kolonisation mich bemühe, nicht verdenken, daß das wahnwitzige Treiben der zionistischen Stürmer mich bis ins Mark aufregt. Aber es ist nicht das allein. Nach1 dem Muster der ,4Welt" hat sich in gewissen zionistischen Kreisen ein großmäuliges Kraftmeiertum herausgebildet, das über alles und jedes von oben herab mit dem Dünkel der Unfehlbarkeit abzuurteilen sich erdreistet und die allerb escheidenste Opposition gegen den Zionismus alleinseligmachender Herzisch erObservanz mit einerRoheitüberfällt, auf die das „Deutsche Volksblatt" neidisch sein könnte. Es ist wahrhaftig weit gekommen, wenn Grünschnäbel, d5e! noch nicht trocken hinter den Ohren sind, die Berner Studenten, es wagen dürfen, gegen Rabbiner und gegen die heiligsten Empfindungen Hunderttausender solche niederträchtige Pöbeleien zu richten, und dann das offizielle Parteiorgan diese Schandleistung ohne ein Wort der Kommentierung wohlgefällig abdruckt. Das darf nicht geduldet werden und wenn der Kongreß es nicht als seine Pflicht erachtet, für Anstand im eigenen Hause zu sorgen, wenn er diese unreifen Taugenichtse weiter toben läßt, dann trägt er mit an der schweren Verantwortung, dann — das ist meine heilige Ueberzeugung — schaufelt er selbst an seinem eigenen Grabe. Und dieses waghalsige Bankunternehmen! Ich verstehe nichts von Finanzsachen, aber das kann auch der laienhafteste Laie erkennen, daß es ein Sprung ins Ungewisse und daß es deshalb ein bodenloser Leichtsinn für ein derartig zweifelhaftes Geschäftsunternehmen den Spargroschen des „kleinen Mannes" zu erschnorren. Ja, würde es sich um Bankanteile von 500 oder 1000 Mark handeln, dann würden nur Leute, die es sich nicht vom Munde absparen, ihr Geld riskieren, aber 20 Mark, die opfert mancher, der damit Weib und Kinder hätte speisen können. Und wird der Kongreß auch das gutheissen; wird er nicht dagegen Verwahrung einlegen, daß in einer offiziellen Ankündigung für ein Unternehmen, über das seine Faiseure sich selbst noch nicht klar sind, mit der Zusicherung glänzender Rentierung durch die Welt gebettelt wird? Sie sehen, wie viel ich auf dem Herzen habe, und das ist noch lange nicht alles — aber ich könnte Bogen füllen, wenn ich Ihnen mein ganzes Herz ausschütten wollte. Ich schreibe Ihnen wohl nochmals vor dem Kongreß. Würden Sie mir Ihre Adresse in Basel mitteilen? Halten Sie recht angenehme Kur und seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem in Treue ergebenen Hirsch Hildesheimer. JRjDRReSWNDeNZCN Oesterreich-Ungarn. Die Massen-Deputation der jüdischen Schenker in Wien. Wien. Wie uns aus Lemberg mitgeteilt wird, hat die Zahl der Anmeldungen für die Massen-Deputation weitaus alle Berechnungen übertroffen Aus allen Gegenden Galiziens, selbst aus den kleinsten Dörfern, m 'lden sich die Teilnehmer, wiewohl ihnen eingeschärft wird, daß der praktische Erfolg der Reise vorderhand kein greifbarer sein wird. Die Deputation reist mit einem Separatzug in Lemberg am 12. Februar, halb 1 Uhr nach Mitternacht, ab und wird in Wien um 7 Uhr abends, am selben Tage, eintreffen. Dienstag, vormittags, werden Ministerpräsident Baron Bienerth und Handelsminister Doktor Weiskirchner die Deputation im Marmorsaale des Parlaments empfangen. Am selben Tage wird die Deputation in der kaiserlichen Kabinettskanzlei eine Huldigungsadresse an den Kaiser übergeben. Die Deputation wird geführt vom Abgeordneten Breiter, dem sich auch Abgeordneier Dr. S t r a u c h e r,