Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 3 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. §_ _______________„Neue National-Zeitung"_ _Seite 5 Abgeordneter Adolf Stand hat in einer längeren Rede zum Fragebogen Stellung genommen und in entschiedener Weise das antisemitische Regime, durch das die jüdischen Volksmassen ins tiefste Elend herabgeschleudert Wurden, gebrandmarkt. Damit war den anderen Experten gleich eine Gelegenheit geboten, sich neben dem Gutachten auch das Vergnügen einer Polemik gegen Stand zu leisten, die der Landmarschall nicht ungern sah. Das Resultat der Enquete bildete eine Reihe von Resolutionen, auf die sich die meisten Experten einigten, ohne daß es zu einer Abstimmung darüber gekommen wäre, Die Herren scheinen jedoch selbst eingesehen zu haben, daß diese Resolutionen einen sehr problematischen Wert besitzen. Die Herren Dr. Nimhin und Doktor von Löwenstein regten daher am dritten Beratungstage die Schaffung einer jüdischen Organisation an, einer „Selbsthilfe8, die unter dem Patronate und der Kontrolle des Landes als „Bindeglied zwischen dem Lande und der Judenschatt" die Resolutionen verwirklichen sollte. Das Geld dazu soll wahrscheinlich die — JCA hergeben. Denn die Frage, ob eine rasche Hilfe für die verarmte jüdische Bevölkerung beim Lande oder bei der Regierung zu erwirken sei, wurde von allen Experten, wie Landes.lusschußmitglied Doktor Jah 1 als Vorsitzender konstatierte, verneint. Das nenne ich doch nobel sein. Die Polen und Ruthenen schämen sich nicht, alljährlich hunderttausende Kronen von der Regierung für ihre agrarischen und kooperativen Organisationen anzunehmen. Die Hunderttausende jüdische Bettler, von denen die meisten durch antisemitische Maßregeln der Landes- und Staatsorgane um ihre Existenz gebracht werden, sollen aber nichts verlangen. So wollen es einige Leute, denen es genügt, daß sie zum Fenster hinausgesprochen haben, die aber selbst satt sind und nicht empfinden, was hungern heißt. Kein Wunder, daß die öffentliche jüdische Meinung von dieser Enquete gar nichts erwartet; der Landmarschall hat selbst zugegeben, daß sie bloß eine „moralische" Bedeutung haben werde. Von der Moral allein können die Polen bekanntlich nicht leben und ebensowenig ihre jüdischen Nachbarn. * Wir dürfen wohl eine detaillierte Darstellung der von den einzelnen Experten abgegebenen Gutachten übergehen, zumal dieselben nur auszugsweise in der Form von Gommuniques seitens des Landesausschuß- Präsidiums den Tagesblättern bekanntgegeben wurden und aus denselben auch unseren Lesern bekannt sein dürften. Es wird sich ja übrigens anläßlich der Besprechung des demnächst erscheinenden stenographischen Protokolles noch die Gelegenheit ergeben, auf die Enquete zurückzukommen. Aufgabe unseres Blattes kann es für heute lediglich sein, einzelne besonders markante Momente aus den Verhandlungen hervorzuheben. <£* Die christlichen Experten. Hiezu gehört gewiß in erster Linie die Stellungnahme der christlichen Experten. Von denselben haben das Wort nur diejenigen ergriffen, welche einen Amtscharakter bekleiden, sowie der Direktor der Landesbank Zgorski und der Direktor des christlichen Genossenschaftsverbandes Ulmer. Wenn sie auch nicht alle den Hofratsrang bekleiden, so sind sie jedenfalls im Charakter von Beschwichtigungs-Hofräten aufgetreten. Gewerbe - Oberinspektor Hofrat Nawratil, Gewerbeinstruktor Dr. Sehönett, Herr Ulmer und der genannte Direktor Zgorski haben wiederholt das Wort ergriffen, um die berechtigten Klagen der Juden gegen ihre parteiische Amtstätigkeit und ihre amtlichen Uebergriffe abzuwehren. Sie verteidigten sich natürlich, indem sie die Verhältnisse beschönigten. Dr. Schönett war bemüht, darzustellen, daß es den Juden nicht so schlecht geht und sich die Verhältnisse mit der Zeit allmählich bessern. Hofrat Nawratil erhob gegen die Juden den Vorwurf, daß sie schwere Arbeiten scheuen. Gegenüber dem Hinweis des Abg. Dr. Diamand auf die Boryslawer Grubenarbeiter meinte er, daß sei nur eine Ausnahme. Gegenüber der Feststellung, daß die zahlreichen Gewerbe- und Handwerkerschulen jüdische Zöglinge nicht aufnehmen wollen, gebrauchte der Herr Hofrat den merkwürdigen Dreh, daß die Juden diese Schulen meiden. Eine sehr interessante Diskussion wurde in der Enquete über die Kreditgewährung seitens der Landesbank an die christlichen und jüdischen Genossenschaften geführt. Es besteht nämlich in Galizien ein Verband von 356 christlichen Genossenschaften, dessen Direktor, Herr Ulmer, zur Enquete eingeladen wurde und ein jü dis ch e r, sogenannter Allgemeiner Verband von 520 Genossenschaften, dessen Leiter, Advokat Dr. W i 111 i n, zur Enquete nicht eingeladeu wurde. So sieht nämlich die Unparteilichkeit des Grafen Badeni aus. Als nun im Laufe der Enquete von jüdischer Seite der Vorwurf erhoben wurde, daß die Landesbank den christlichen Genossenschaften einen Kredit von 16Millionen Kronen, den jüdischen aber nur einen Kredit von 4Uü UOü Kronen eingeräumt hat, da fand Herr v. Zgorski keine andere Erwiderung, als daß er die Institution der jüdischen Genossenschaften herabsetzte, sie im allgemeinen für überflüssig erklärte, und bloß als Spekulationsunternehmungen einzelner Familien in kleineren Städtchen hinstellte. Diese Verdächtigungen sind unwiderlegt geblieben, denn der einzige Mann, der darauf sachkundig erwidern könnte, wurde gar nicht eingeladen. In der Schenkerfrage waren die Delegierten, zwei Statthaltereireferenten, Hofrat Szeligowski und Statthaltereirat Dr. Brückner, bemüht, die Zahl der brotlos gemachten jüdischen Schenker auf eine Minimalzahl herabzudrücken. Sie nannten eine Ziffer von 1000 bis 1100. Dagegen meinte selbst Dr. Diamand, daß, als er im Parlament von 50.000 um ihre Existenz gebrachten Menschen sprach, diese Zahl von mehrfacher Seite als viel zu niedrig gegriffen erklärt wurde. * Die jüdische Emigration. In auffälliger Weise wurde in der Enquete die Frage der jüdischen Emigration vernachlässigt, wiewohl sie im Punkte VII des Fragebogens enthalten war. Die Geringschätzung, mit welcher diese Frage behandelt wurde, kam am besten darin zum Ausdruck, daß sie in den unten angeführten 11 Postulaten der Enquete nicht einmal erwähnt erscheint. Wiewohl es Pflicht der Experten wäre, vom Landesausschuß zu verlangen, daß derselbe den jüdischen Aus Wandererschutz ebenso organisiere wie den Auswandererschutz der polnischen Emigranten — die polnische Emigrationsgesellschaft in Krakau steht unter dem Protektorate des galizischen Landesausschusses und erhält eine Jahressubvention von K 20.000, überdies hat sie von der Regierung im vorigen Jahre 50.000 K zum Baue einer Auswandererhalle erhalten — sind sie mit