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Neue Nationalzeitung · 1911-02-03 · Heft 3 (3.2.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 3 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. gime der Landesverwaltung die jüdische Bevölkerung einer so schweren Krise zugetrieben hat. Die sorgfältig abgearbeiteten statistischen Tabellen, welche der Landesaasschuß für die Experten herstellen ließ, sind daher durch die Debatte in ein ganz anderes licht gerückt worden. Es stellte sich heraus, daß die geringe jüdische Frequenz in den gewerblichen Fach- und Handwerkerschulen nicht, wie einzelne polnische Experten meinten, auf die Unlust der jüdischen Jugend zum Handwerk, sondern auf die Schwierigkeiten, welche jüdischen Frequentanten gemacht werden, zurückzuführen ist; der Umstand, daß zahlreiche polnische Zünfte in Krakau, Rzeszow u. s. w. wegen ihres „historisch-kirchlichen" Charakters sich beharrlich weigern, jüdische Gewerbetreibende als Mitglieder aufzunehmen, wurde von mehrfacher Seite entsprechend gerügt. Daraufhin hat der Gewerbeoberinspektor, k. k. Hofrat N aw r a t i 1, diese Zünfte in Schutz genommen . . . Die positiven Vorschläge, welche zum Zwecke der kulturellen und wirtschaftlichen Hebung des jüdischen Proletariats in der Enquete angenommen wurden, bildeten den Gegenstand mehrjährigen Studiums der berufenen Kreise und der Fachpresse. Der Verzweiflungsschrei des jüdischen Proletariats ist weit über die Grenzen Oesterreichs hinausgedrungen und hat bei den großen Hilfsorganisationen des Auslandes ein nachhaltiges Echo gefunden. Das jüdische Massenelend in Galizien, das bereits zu einem Terminus technicus unserer Amtsstatistik geworden ist, hat sie aufgerüttelt und hat ihnen einen neuen Schauplatz ihrer Tätigkeit eröffnet. Aber die führende philanthropische Organisation, die Pariser Jewish Colonisation Association, konnte bisher das Mißtrauen noch nicht überwinden, das ihr Stifter Baron Hirsch wiederholt in demonstrativer Weise gegen die politisierenden Führer der galizischen Juden an den Tag gelegt hat. So kommt es, daß dieses Milliardeninstitut für die russischen Juden jährlich Millionen, für die galizischen Juden dagegen nicht einmal 100.000 K ausgibt. Was dem jüdischen Proletariat in Galizien not tut, das ist bereits ein offenes Geheimnis, dazu bedurfte es keiner Enquete. Die von den Experten aufgestellten Postulate und zwar: Anstellung von Juden in den Aemtern, genaue Durchführung des Schulzwanges unter den jüdischen Kindern, Schaffung von gewerblichen Genossenschaften, Handelsorganisationen und Hausindustrie, Errichtung gewerblicher Lehranstalten für Juden und Schaffung eines ständigen Organs für die Statistik der Juden — bilden nur einen kleinen Bruchteil der im Inleresse einer vollständigen Gesundung des galizisch-jüdischen Proletariats unbedingt notwendigen Maßregeln. Dazu würde in erster Linie die Ueb ernahme der Baron Hirschschen Schulen durch das Land gehören, weiters die endgiltige Errichtung des längst projektierten Religionslehrerseminars, welches Statthalter Graf Potocki auf Grund eines Wahlpakts mit dem Wunderrabbi von Beiz im Jahre 1907 fallen ließ; ungemein wichtig wären die Schaffung von Arbeitsgelegenheit für die erwachsenen Männer, die mit ihrer Arbeitskraft nichts anzufangen wissen, die Förderung von Produktivgenossenschaften für jüdische Handwerker, die Einschränkung der Sonntagsruhe für die denSamstag f eie rnd en K aufleute, wie überhaupt die Bekanntmachung der jüdischen Kleinhändler und Kleingewerbetreibenden mit den Vorteilen des Kooperativsystems, die der polnischen und ruthenischen bäuerlichen Bevölkerung bereits zugute kommen. Auch die j ü d i s c h e n Auswanderer müßten in ähnlicher Weise geschützt und unterstützt werden, wie dies seitens der Polnischen Emigrationsgesellschaft in Krakau, die vom Lande und vom Staate reichlich subventioniert istr rücksichtlich der polnischen Emigranten geschieht. Allerdings wird im Wege der Emigration kein nahmhafter Abfluß geschaffen werden. Die letzten Beschlüsse d«r Einwanderungskommission in Washington deuten darauf hin, daß es mit der jüdischen Masseneinwanderung nach Nordamerika endgiltig vorbei ist. Um so dringender ist die rasche Hilfe, von der noch vor vier Jähren der galizische Landtag gesprochen hat; um so größer die Pflicht der ZentralregierungT hierfür auch selbst zu sorgen. Am 14. Februar wird Ministerpräsident Baron B i e n e r t h die Massendeputation der brotlos gewordenen jüdischen Schenker empfangen. Möge sich der Leiter der Staatsregierung vor Augen halten, daß die galizische Schenkerfrage nicht vom Standpunkte des Antialkoholismus, sondern lediglich in Verbindung mit dem gesamten galizischjüdischen Problem, wie es die Enquete endlich vor der großen Oeffentlichkeit dargelegt hat, zu lösen ist. Die Enquete -*Rede des Abgeordneten Dr. I^olischer. Anmerkung der Redaktion: Unsere Stellung gegenüber dem Abgeordneten Dr. Kolischer ist bekannt. Wir haben wiederholt festgelegt, daß der Abgeordnete von Kölomea, der seit dem Jahre 1897 dem Parlamente angehört, nicht ein einziges Mal die Interessen der jüdischen Bevölkerung im Parlamente vertreten hat. Er setzte seinen Ehrgeiz drein, sich als volkswirtschaftlicher Fachmann im Polenklub und im Parlamente eine Position zu verschaffen; er hat aber nichts getan, um sich die Sympathien der jüdischen Bevölkerung zu erringen. Mit Erstaunen wird man nun lesen, daß Doktor K o 1 i s c h e r plötzlich in der Enquete sein „jüdisches Herz" entdeckt hat. In seiner Rede hat er zu den drei brennendsten Fragen (Hausiergesetz, Sonntagsruhe und Schänkerfrage) in einer Form Stellung genommen, die an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig läßt und wegen ihres interessanten sachlichen Teiles die größte Oeffentlichkeit verdient. Es drängt sich aber die Frage auf: Warum hat Dr. Kolischer nicht den Mut, dieselben Worte der Entrüstung wider die Aushungerungs-Politik gegenüber den Juden im Parlament oder im Landtage auszusprechen? Dr. Kolischer hat auch die Tendenz seiner Rede offen klargelegt: Die Hausjuden fürchten, daß ihnen der Boden unter den Füßen vollständig schwindet; Doktor Kolischer steht vor der Gefahr, daß er bei den nächsten Reichsratswahlen, trotz aller Machinationen, die drei Stimmen Majorität nicht mehr aufbringen wird; er fürchtet, daß der Zusammenbruch des Moschko-Systems nicht aufzuhalten ist. So jammert und wehklagt er, daß der Onkel Landmarschall seinen Hausjuden helfe. Die Rede Dr. Kolischers ist ungemein symptomatisch für die jetzige politische Haltung der Juden in Galizien, sie ist der Schwanengesang der polnischen Hausjuden. Darum soll sie in diesem Blatte festgehalten werden.

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