Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1911)
- Date
- 1911-01-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. I^inderfürsorge. (Ein Gespräch.) Personen: Papa, Mama, Der unvermeidliche Hausarzt, Grosspapa. Schauplatz: Sehr modern eingerichtetes Speisezimmer, elektrisch beleuchtet, wohl durchwärmt. Man sitzt beim Tee. Stimmung behaglich. Der Hausarzt (Sechziger. Hornkneifer. Große Glatze. Gesichtsausdruck spöttisch, etwas zynisch. Spricht dem süßen Gebäcke mit Vehemenz zu, sonst ziemlich harmlos): „Der Kleinen fehlt nichts. Hat kein Fieber. Leichte Halsentzündung wird sich entwickeln. Papa und Mama können ganz ohne Sorge sein. Bitte sie natürlich morgen nicht ins Lyzeum zu schicken ..." Großpapa (im gleichen Alter wie der Hausarzt. Wohlgefärbtes Gesicht. Noch dichtes weißes Haupthaar. Langer, ehrwürdiger Bart. Freundlich blickende Augen. Etwas altertümlicher Gehrock): „Wird nicht so gefährlich sein, die Krankheit. Machen die Eltern heute mit den Kindern Geschichten! Alles dreht sich um das Kind. Was Wunder, wenn euch Eltern die Kinder über die Köpfe wachsen. Und die Vereinsmeierei, welche durch die Kinderfürsorge, so nennt ihr doch dies Erzeugnis unserer neuesten Kultur, erzeugt wird! Säuglingsheime, Freitischvereine, Kinderhorte, Ferienkolonien, ich kenn' mich gar nicht mehr aus. Und die vielen Präsidenten und Präsidentinnen dieser Vereine! Man wählt Präsidenten und Vizepräsidenten, sei es aus dem männlichen, sei es aus dem weiblichen Geschlechte und bildet einen Verein dazu. Darauf scheint mir die ganze gemachte moderne Kinderliebhaberei auszugehen. Die nächste Volkszählung wird aber zeigen, wie weit verbreitet eine Furcht ist, die alle ohne Unterschied ergriffen hat, die Furcht vor dem Kinde, das heißt, besser gesagt, die Furcht vor dem Kinderhaben." Der Hausarzt lächelt verschmitzt. Er ist mit dem Gesagten sehr einverstanden, hütet sich aber, die Wahrheit gleich dem Großpapa, der es, dem Herrn sei es gedankt, nicht notwendig hat, sie zu verschweigen, herauszusagen. Papa (Dreißiger, raucht starke Zigarren. Anflug von Glatze und bedenkliche Neigung zum Embonpoint) will reden, wird aber darin von der, wie man es nennt, besseren Ehehälfte gehindert. Mama (imponierend, hochelegante, kostbare Toilette, moderne Frisur mit den vielen Löckchen, Haar onduliert, rotblond, man spricht davon, daß es gefärbt sei, Zähne noch ziemlich erhalten, Ausdrucksweise befehlshaberisch, dem Kommandoton zuneigend.): „Man muß unsere Zeit verstehen, dann wird man nicht so reden, wie Du, lieber Vater, gesprochen hast. Lobt mir nicht immer die Zeiten, in denen, besonders unsere jüdischen Familien, mit Kindern reich gesegnet waren, ohne daß die Eltern wußten, wie sie die Kinder versorgen sollten. War dies ein Glück für die Eltern und nicht vielmehr ein Unglück für die Kinder? Da lobe ich mir unsere Zeit. Die sorgt für die armen Kinder. Unser Verein, dem anzugehören ich die Ehre habe, bekleidet hunderte solcher armer Kinder und bespeist sie auch. Das nennen wir soziale Fürsorge. Die ganze Stadt redet noch heute von der großartigen Veranstaltung, die wir vor einigen Wochen für unseren Verein in Szene setzten. Das war ein Erfolg . . ." Großpapa (unerbittlich): „Der Damenschneider, Friseure und Juwelenhändler." — Papa (stößt dichte Rauchwolken aus, die ihn einhüllen, und seufzt hörbar). Der Hausarzt (lacht unwillkürlich auf). — Mama (läßt sich nicht stören, der Redefluß wird immer unaufhaltsamer): „Auch diese Leute wollen leben. Das war ein Glanz, den der Konzertsaal darbot! Solche Toiletten sah man hier noch nicht! Und, wenn man wieder bedenkt, daß dies alles zu einem wahrhaft wohltätigen Zwecke geschah, dann muß man eine Zeit loben, in der die Wohlhabenden also die Pflichten des Besitzes (sie sieht sich bei der Zitierung dieser Phrase triumphierend im Kreise um), die Pflichten des Besitzes so wohl verstehen." Großpapa: „Und das nennt man jüdische Wohltätigkeit. So viel i c h von ihr weiß, wirkte sie immer im Stillen, nicht mit dem Aufgebote von Sängerinnen, denen man amerikanische Preise bezahlt, und mit einer Heerschau über Toiletten, welche die braven Ehemänner auch im Schweiße ihres Angesichtes nicht bezahlen können." (Schweigen.) — Der Hausarzt (zynisch): „Sollen sie sich scheiden lassen, die Ehemänner, die nur ihre „teueren" Gattinnen zu ernähren, aber nicht zu bekleiden vermögen. (Er lacht). Uebrigens zeichneten sich, wie man mir erzählte, bei jenem der Wohltätigkeit (er hüstelt) geweihten Konzerte, viele Damen durch einen gewissen Mangel an Toilette aus. Gefährlich an diesen nebligen Abenden." Papa (lacht gezwungen): „Sie haben recht, lieber Doktor, man hörte und sah bei diesem Konzerte Mannigfaltiges." Mama (wirft ihm wütende Blicke zu): „Aber Du mußt es selbst zugestehen, daß der Reingewinn dieser Veranstaltung ein hoher war und einem sehr wohltätig wirkenden Vereine zufloß. Und, wie hat die Sängerin getrillert! Das trifft keine Nachtigall." (Sie ist verzückt, das Auge glänzt.) Großpapa (lächelt spöttisch): ^Die Nachtigall bekommt aber auch nicht für ihr Trillern tausende Kronen. Doch wie mein seliger Onkel Abraham zu sagen pflegte, Spaß auf die Seite. Muß die vielgepriesene jüdische Wohltätigkeit wirklich durch solche Reizungen wachgerüttelt werden? Sieht es so mit uns aus, dann reden wir lieber von unserer Menschenfreundlichkeit nicht." Der Hausarzt (häßlich lächelnd): „Unsere Zeit bedarf der Stimulantia, wie wir Aerzte es nennen. Sie hat schlaffe Nerven. Der Wohltätigkeitssinn bedarf auch der Aufstachelung." Papa (versöhnlich, in Ausgleichsstimmung): „Sie haben recht, Doktor. Wir sahen dies auch jüngst bei der Bescherung, die unser Verein zur Bekleidung armer Kinder veranstaltete. Welche schöne Reden hörte man da! Es war ein Vergnügen, zu sehen, wie