Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1911)
- Date
- 1911-01-16
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'1 Nr. 2 die armen, verlassenen Kinder zuerst ihre Jause aßen und dann ihre Geschenke erhielten. Unsere Zeit weiß wirklich, wie man Wohltätigkeit übt. Es war sehr schön . . Großpapa (streng): „Habt ihr bei euerer Bescherung nicht auch einen Christbaum aufgestellt? Und das nennst du ein Vergnügen, schöne Reden zu hören und zu sehen, wie die Armut zur Schau gestellt wird, während die Besitzenden den Besitzlosen unverschämt sagen: Sehet, wir sind reich und ihr seid arm, deshalb beschenken wir euch! Reden sollte man euch halten, aber auch in die Ohren schreien, wie unjüdisch euer ganzes Gebaren ist. Eueren Damen mit den Juwelen und den dekolettierten Toiletten sollte man es vordonnern, wie häßlich ihr Treiben ist und wie man mit den Kosten ihres Putzes viele, viele arme Kinder unterstützen könnte. Das sollte man — ja, wenn sich euere Redner nur getrauten, Worte der Wahrheit zu sprechen, den Mut hätten, aufrichtig zu sagen, was wahrhaft jüdisch ist. Woher sollen aber die Knechte der Reichen diesen Mut nehmen?" — Tiefes Schweigen. Selbst der zynische Hausarzt wagt es nicht, diesen Worten zu widersprechen. Papa sitzt sinnend, aber mit nicht sehr gescheitem Gesichtsausdruck da. Maina (ermannt sich): „Was wir soeben von dir, Großpapa, gehört haben, ist, verzeihe das harte Wort, zöpfisch. Man fragt nicht, wie das Geld für die Wohltätigkeit hereingebracht wird, sondern ob es hereingebracht wird. Du wirst die Damen nun einmal nicht anders machen, sie wollen bei solchen Veranstaltungen die Toiletten und Juwelen zeigen, die sie besitzen und eine will es der andern zuvortun." (Schwärmend): „Der Saal bot einen herrlichen Anblick. Und diese Triller, diese göttlichen Triller.." Papa (wagt es, wieder dreinzureden): Ja, es war schön. Und bei unserer Bescherung war es auch schön. Es wurde schön geredet." (Naiv): „Einen Christbaum sah ich wirklich nicht dabei, ich kann's beschwören." (Hausarzt und Großpapa lachen.) Mama (immer mutiger): „Wär' auch kein Unglück gewesen, wenn ihr einen Christbaum aufgestellt hättet. Das ist eine schöne Sitte, die mir gut gefällt Solchen Sitten muß man sich anpassen." Großpapa (satirisch): „Ich schlage vor, bei der nächsten Bescherung einen solchen Baum aufzustellen und ihn mit Tephillin zu behängen." Der Hausarzt, der schon lange keine Tephillin gelegt hat, lacht unbändig. Papa, der nur vom Hörensagen weiß, was Tephillin ist, lächelt. Zündet sich eine frische Zigarre an. Mama (höhnend): „Teph — Teph — hängt dies mit dem Automobil zusammen?" Sie lacht gezwungen. Großpapa (ausweichend): „Wir sind von unserem Thema abgekommen. Ich behaupte, daß alle euere Veranstaltungen der wirklichen Fürsorge für die armen Kinder wenig nützen. Sie stacheln nur die Armut gegen den Reichtum auf. Wir haben im Judentum unsere armen Kinder nie verlassen. Helfen wir ihnen, sich eine Existenz im Leben zu gründen und speisen wir sie nicht mit schönen Redensarten und milden Gaben ab. Euere ganze Vereinsmeierei ist mehr Flausenmacherei und nicht einen Pfifferling wert, wenn ihr die Kinder der Armen nicht wirklich zur Arbeit erziehet und sie nicht verlasset, wenn sie euere werktätige Liebe aufsuchen. Da aber geht eine solche juwelenbesäete, tief dekolettierte Wohltätigkeitsdame hin, bezahlt ihr Billet, um die große trillernde Sängerin zu hören, läßt sich selbst bestaunen und den Wert ihrer Brillanten von Journalisten berechnen, und der die großen Schneiderrechnungen bezahlende und sich dabei ärgernde Gatte unserer Wohltätigkeitsdame weigert sich, einen armen jüdischen Jüngling in seine Fabrik oder sein Komptoir aufzunehmen, weil er einen Juden „grundsätzlich" nicht anstellt und den Posten für den Schützling eines arischen Generalgewaltigen vorbehält, der so gnädig ist, den Champagner des jüdischen Fabrikanten vortrefflich zu finden. Nennet mich einen Zopf, die Wahrheit dessen, was ich sagte, werdet ihr doch nicht totschweigen können." Der Hausarzt ist ernst geworden und nickt, unbemerkt, beifällig. Papa hustet laut. Mama (spielt nervös mit der goldenen Lorgnette): „Ich weiß nur, daß unser Verein zur Bekleidung und Bespeisung armer Kinder Hervorragendes leistet. Nächstens veranstalten wir eine „Schneeflocken-Redoute" zu seinen Gunsten." Papa (ängstlich): „Hast du schon, liebe Frau, mit deiner Schneiderin über das Kostüm verhandelt?" Mama (kühn): „Noch nicht, es muß noch eine Komiteesitzung stattfinden." Hausarzt: „Gnädige Frau, legen Sie den Damen ans Herz, daß sie gnädiglich mit ihren Gatten verfahren. Wir leben in schweren Zeiten." (Lacht.) Papa: „Ich möchte auch lachen . . ." Mama (wirft ihm einen ihrer Napoleon-Blicke zu). (Er schweigt.) Großpapa: „Mboh! Fällt die Schneiderrechnung zu groß aus, dann geht man wegen unüberwindlicher Abneigung auseinander." (Alle lachen bis auf den Papa. Ihm graut es vor der Wohltätigkeit und der kommenden — Schneiderrechnung.) M. J. Feld. Eingesendet. l'DAvS^ WIENER©)!; ETABLISSEMENT: MOBEE l^ERKLR 'VI-M^IAHILPEf^: STBA6SE61'LIEFEgT| MODERNE DEISTER : t-W/\jJS6ER!HHRJE {;)miU^H^Ifflj UBERBASCHENDBILLIG! j V£ET) (gy