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Neue Nationalzeitung · 1911-01-16 · Heft 2 (16.1.1911) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 2 (16.1.1911)
Date
1911-01-16
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 9 und Glaser 582, Näherinnen 892, Schuhmacher 1125, Schmiede 6862, Landarbeiter 1195, Taglöhner 3274, Kaufleule und Händler 1574, Dienstboten 3194. — Es waren unter je 100 Bäckern 22 6, Tischlern 18 2, Kleidermachern 36 3, Handlungsgehilfen 13*8, Malern und Glaserern 27-8, Näherinnen 30"6, Schuhmachern 20*1, Schneidern 65'6, Landarbeitern 0*7, Taglöhnern 1-8, Kaufleuten und Händlern 18 2, Dienstboten 4-9% Juden. Betrachten wir noch zum Schlüsse die Herkunft und das Ziel der Einwanderer. Es stammten aus Oesterreich- Ungarn 8431, Rußland 39.150, Großbritannien 3385, Rumänien 1390, Deutschland 652, Anderen Staaten 4543. Auch in diesem Jahre kamen die meisten Auswanderer — 68% aus Rußland. Es wandten sich von den jüdischen Einwanderern nach New-York 34.633, Pennsylvania 4650, Massachusetts 3667, Illinois 3909, New-Yersey 2310, Ohio 1298, Connecticut 912, Missouri 24, Texas 316. Die Hauptmasse der Einwanderer wandle sich auch in diesem Jahre nach dem Staate New-York, nämlich 601%. Von der Landung wurden im Jahre 1909 614 Juden zurückgewiesen. * Die Einwanderung nach Galveston. Der Berliner Korrespondent des jüdischen Tagblattes „Gut Morgen" in Odessa hatte unlängst mit dem Leiter des territorialistischen Zentralkomitees zur Regelung der jüdischen Emigration, Dr. Jochelmann, eine sehr interessante Unterredung. Der Bericht über diese Unterredung lautet: Dr. Jochelmann, der die letzte Emigrantenpartie begleitet hatte und nun aus Bremen zurückkehrte, erklärte mir während unserer Unterredung, daß die ganze Krise nur durch die unrichtige Auffassung der Galveston-Emigration seitens der amerikanischen Regierung ausgebrochen sei. Nun sind die Mißverständnisse vollkommen aufgeklärt worden. Ueber die Lage in Galveston drückte sich Dr. Jochelmann sehr günstig aus. Das Land kann ohneweiters mehr als zwanzig Millionen Einwohner aufnehmen. Die eingewanderten Juden sind in der kurzen Zeit wirtschaftlich bereits so gefestigt, daß sie nach und nach ihre Verwandten und Bekannten zu sich kommen lassen. Es entwickelt sich dort allmählich ein eigenes jüdisches Leben: jüdische Zeitungen werden abonniert und Vereine gegründet. Dr. Jochelmann erklärte, daß man sich bisher über die Galveston-Emigration noch keine rechte Vorstellung gemacht habe. Er beabsichtige daher in allernächster Zeit eine Serie von Artikeln darüber zu veröffentlichen. * Williams neuer Ukas. Der Generalkommissär auf Ellis Island, Williams, der bekanntlich ein grimmiger Gegner der jüdischen Immigration ist, erließ einen neuen Ukas, wonach die schriftliche Verpflichtung von Bürgern aus entlegeneren Gegenden nicht mehr als genügende Garantie angesehen werden sollte, um Immigranten zur Landung zuzulassen. Die armen Einwanderer müssen vielmehr warten, bis der kompetente Beamte sich überzeugt, daß der Garant auch wirklich imstande ist, den Immigranten zu erhalten, Bisher hatten es die Väter oder Gatten, die ihre Kinder resp. Frauen zu sich kommen ließen, nicht nötig, von den entlegenen Städten nach New-York zu kommen, um für ihre Verwandten persönlich zu haften. Es genügte, wenn sie eine schriftliche Verpflichtung schickten. Von nun ab werden sie entweder persönlich nach New-York kommen müssen oder die Immigranten werden solange verhalten werden, bis die betreffende Immigrationsbehörde Erkundigungen über die abholende Person eingezogen haben wird. Williams motiviert seine neue Verordnung damit, daß sich Fälle ereigneten, wo die Garanten ihre schriftlichen Verpflichtungen nicht einhalten konnten und die Immigranten der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fielen. * Der Bericht der nordamerikanischen Einwanderungs-Kominission. Wir haben bereits erwähnt, daß die Kommission die Resultate ihrer dreijährigen Arbeit in 40 Bänden niedergelegt hat. In der Einleitung dazu sagt sie, die Einwanderungsfrage sei jetzt eine rein wirtschaftliche und dürfte nicht mehr vom „Gefühlsstandpunkl:t aus betrachtet werden. Die Empfehlungen der Kommission lassen sich wie folgt kurz darstellen: 1. Analphabeten und Asiaten sind grundsätzlich auszuschließen, ebenso wie unverheiratete Arbeiter, welche kein Handwerk gelernt haben. 2. Die Zahl der Einwanderer aus einem bestimmten Lande soll im Jahr ein gewisses Maximum nicht überschreiten. Ist dieses erreicht, soll bis zum Beginn des neuen Jahres niemand aus dem betreffenden Lande mehr zugelassen werden. 3. Jeder Einwanderer soll gehalten sein, ein Leumundszeugnis der Heimatsbehörde beizubringen. 4. Die Erhöhung der Kopfsteuer wird befürwortet. 5. Jeder Einwanderer soll über eine vom Kongreß festzusetzende Summe Bargeldes verfügen. (Gegenwärtig ist nur im Administrativwege angeordnet, daß solche Ankömmlinge, welche weniger als 25 Dollar im Besitz haben, deportiert werden sollen.) 6. Einwanderer, welche sieh hier binnen fünf Jahren nach ihrer Ankunft eines Verbrechens schuldig machen, sollen deportiert werden. (Gegenwärtig ist die „Karenzzeit" drei Jahre.) 7. Die Einwanderung soll von den Großstädten abgelenkt und nach Möglichkeit den unbesiedelten Gegenden zugeführt werden. Nur in einigen dieser Empfehlungen hat die Kommission Einstimmigkeit erzielt. Ihre Forderungen finden aber wenig oder gar keinen Widerspruch in der anglo-amerikanischen Presse, manche Blätter sind sogar dafür, daß sie so schnell als möglich sämtlich in die Praxis umgesetzt würden. Namentlich verlangen sie, die Einwanderung aus gewissen Ländern solle beschränkt oder ganz verboten werden, und wenn auch die Forderungen der Kommission ihre Spitze gegen den ins ungeheure anschwellenden Strom vielfach recht minderwertigen Menschenmaterials aus Süditalien richten, so ist doch unschwer zu erkennen, daß man bei dieser Forderung auch an Rußland und speziell an die dortigen J n d e n gedacht hat. Daß unter Asiaten im § 1 Mongolen usw. zu verstehen sind, dürfte wohl klar sein, ebenso daß die Kenntnis der hebräischen oder Jargonsprache genüge, um nicht zur Kategorie der Analphabeten gezählt zu werden. Am schwersten werden die russischen Juden dadurch betroffen, daß man von ihnen ein Leumundszeugnis der Heimatsbehörde verlangt. Dadurch werden den Erpressungen der Tschinowniks noch mehr Tür und Tor geöffnet.

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