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Neue Nationalzeitung · 1911-01-16 · Heft 2 (16.1.1911) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 2 (16.1.1911)
Date
1911-01-16
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Jüdische Emigrationsprobleme. ii. Privater oder gesellschaftlicher Betrieb? „Am Sitz der Gerechtigkeit ist das Böse zu suchen" — lautet ein biblischer Spruch, der sich auch in unserem Falle vollauf bewahrheitet. Sind wir einmal auf dem Gebiete der jüdischen Emigration der weichherzigen Philanthropie begegnet, so werden wir nach hartherzigem Menschenhaß nicht in weite Fernen zu schweifen haben. Keineswegs sind mit dieser Bemerkung die jüdischen philanthropischen Institutionen und ihre oft ja recht misanthropische Leitimg gemeint; es handelt sich bei obiger Feststellung um ernstere Erscheinungen und tiefere Zusammenhänge. Die notwendig irrationelle Wirtschaftsweise der jüdischen Philanthropie hat eine vor Erpressung und Betrug nicht zurückscheuende Privatinitiative gezeitigt und die jüdischen Emigranten einem Heere von Geschäftsleuten der niedrigsten Sorte ausgeliefert, die alle an die Massenemigration anknüpfenden Wirtschaftsoperationen an sich gerissen haben. Agenturen, Hotelunternehmungen, Wechselstuben (besonders an der Grenze), Kartenvermittlungsbureaux und nicht zu allerletzt Schiffahrtsgesellschaften sind auf dem fruchtbaren Boden der jüdischen Emigration zu voller Blüte gelangt und haben ihre Prosperität den hilflosen jüdischen Emigranten in furchtbarer Weise heimgezahlt. Kein Tag vergeht, an dem die Presse nicht von Opfern der Emigrationsagenten zu berichten hätte. Betrug, Erpressung, Raub, Frauenschändung sind die sanftesten Verbrechen, die die Agentenkriminalität zeitigt. Denn ungestraft kann oft der Agent in seiner Gier den vollständigen Ruin und sogar den Tod des Emigranten verschulden, wovon uns die jüdische Emigration recht zahlreiche Beispiele liefert. Schon aus diesen rein humanitären Gründen sollte man die auf der Emigration aufgebaute Privatinitiative perhorreszieren, da hier der Geschäftsmann das hilfloseste Ausbeutungsobjekt vor sich hat und notwendig zu Exzessen der Geschäftspraktik verleitet wird. Ein die Privatinitiative einschränkender Nationalbetrieb, sagen wir in Form einer nationalen Emigranten-Bank, würde an und für sich schon eine Wohltat für die Emigranten bedeuten und könnte leicht die Geschäftsgebarung der oben erwähnten Dunkelmänner in günstiger Weise beeinflussen. Aber auch national-wirtschaftliche Motive sprechen dafür, daß man die Nutznießung der Emigration nicht ausschließlich Privatleuten überlassen dürfte. Es ist nicht einzusehen, warum eine so bedeutungsvolle volkswirtschaftliche Erscheinung, wie wir sie in der jüdischen Massenauswanderung haben, nur dazu dienen sollte, um privaten Unternehmern die Taschen zu füllen. Man bedenke: Im Jahre 1907 allein sind 275 Millionen Dollar von den Immigranten der Vereinigten Staaten in die alten Heimatländer vermittelst der sogenannten „Immigrantenbanken", die sich in New- York in großer Menge etabliert haben, überwiesen worden. Daß diese Privatinstitute Geschäftspraktiken huldigen, die ihnen nicht nur einen rechtmäßigen Profit, sondern oft auch das ganze Geld ihrer Klienten in die Hände spielen, hat unlängst eine von der Vereinigten Staaten-Regierung eingesetzte Enquetekommission zur Genüge bewiesen. Abhilfe tut hier not. Könnte sich nicht die jüdische Politik der finanziell-kommerziellen Seite der Emigration zuwenden und eine Reihe sich selbst erhaltender gemeinnütziger Institute schaffen, deren die jüdischen Emigranten so sehr benötigen? In einer Zeit, wo eine Domäne des Privatbesitzes nach der andern der Verstaatlichung und Verstadtlichung anheim fällt, sollten auch die Juden eine moderne Politik treiben lernen. Die Nationalisierung aller mit der Emigration verknüpften kommerziellen Unternehmungen ist daher eine Hauptfoderung moderner jüdischer Sozialpolitik, deren Durchsetzung sowohl den einzelnen Emigranten als der kardinalen Lösung des jüdischen Emigrationsproblems zugute kommen würde. III. Menschenstrom und Geldstrom. Ist es aber gestattet, mit dem Emigranten, und zwar speziell dem jüdischen, als mit einer ökonomischen Größe zu rechnen? Darf man dem Emigrantenstrom als solchen eine befruchtende wirtschaftliche Kraft zugestehen? Das sind die eigentlichen Vorfragen, deren positive Beantwortung nottut, wenn wir an die Lebensfähigkeit von Institutionen, die die Regulierung der Emigration rationell betreiben, glauben sollen. Nun, der positive Beweis ist hier leicht zu führen. Grundtatsache ist, daß das Gros der jüdischen Emigranten auf eigene Kosten die entferntesten Kulturstätten aufsucht. Zu berücksichtigen wäre noch, daß der jüdische Emigrant außer den normalen auch extraordinäre Ausgaben aus seinem Geldbeutel zu decken hat, Ausgaben, die aus den unzähligen ihm den Weg verrammelnden Hindernissen resultieren. Wie oft ist der jüdische Emigrant dank der Agentenwirtschaft gezwungen, das Zwei- und Dreifache der gewöhnlichen Reisekosten zu zahlen. Eine mit gewöhnlichen Kosten bestrittene Reise ist bei dem gegenwärtigen chaotischen Zustand der jüdischen Emigration eine Ausnahmeerscheinung. Wir haben es also bei der jüdischen Emigration mit einem bedeutenden Geldstrom zu tun, der seine Richtung zusammen mit dem Menschenstrom in die neue Heimat nimmt. Wenn wir nun gar hören, daß die jüdischen Emigranten nach vollzogener Reise es zuwege bringen, den amerikanischen Grenzbeaniten bares Geld vorzuzeigen, so werden wir vollends die in manchen Kreisen verbreitete Anschauung, die jüdische Emigranten mit Bettlern identifiziert, als eine grundfalsche, nur von unseren philanthropischen Institutionen großgezüchtete Auffassung bezeichnen müssen. Einige Zahlen zur Illustration. Die jüdischen Emigranten haben den Kommissären der Vereinigten Staatenregierung folgende Summen vorgezeigt: Jalu- 1899........M^/n:'» Dollar 1900 ........ rrll.im ., .. 1901........ 487.787 1902........ 420.252 .. 19(i:i........ 738.Nfiii ., 1904 ........ UiOl.848 .. 190f)........ 1.824.017 ,. 190(5........ 2M'>.m Wenn wir nun die durchschnittlichen Reisekosten eines jüdischen Emigranten mit 300 Kronen ansetzen (was eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist), so werden wir z. B. für das Jahr 1906, nachdem wir von der Einwanderungsziffer die Kinderzahl in Abzug gebracht haben, das Niveau des Geldstromes mit 33,038.400 Kronen Reisekosten -\- 11,810.625 Kronen

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