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Neue Nationalzeitung · 1911-01-16 · Heft 2 (16.1.1911) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 2 (16.1.1911)
Date
1911-01-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung' Nr. 2 Stützung der antisemitischen Kolka rolnicze horrende Jahres-Subventionen hergibt. Es ist sehr bedauerlich, daß kein einziger Rabbiner als Experte geladen wurde; ich möchte aber die Experten davor warnen, die Kulturfrage aufzurufen, weil sie eine der Folge-Erscheinungen der Judennot ist, aber keineswegs zu deren Vorbedingungen zählt. Der Fragebogen stellt alle möglichen Fragen, die der Experte schon deshalb nicht erschöpfend beantworten kann, weil ihn dabei das statistische Material im Stiche läßt. Die Gutachten müssen sich also hauptsächlich um eine Frage drehen :Wie schafft man dem jüdischen Proletariate Erwerbsgelegenheit, d. h. Brot? Von diesem Gesichtspunkte wird der praktische Wert der Gutachten zu beurteilen sein. Von den Gutachten der christlichen Experten erwarte ich gar nichts. Es sind darunter ganz vortreffliche Männer, wie Landesausschußmitglied Dr. Jahl und Vizebürgermeister Dr. Rutowski, die den Juden gewiß wohlgesinnt sind. Allein diese Herren sind keine Privatgelehrten, sondern öffentliche Mandatare, die mit der Gunst ihrer christlichen Wähler rechnen müssen. Bezeichnend für die Zusammensetzung der Expertise ist der Umstand, daß nur ein einziger pseudojüdischer Journalist, und zwar der Redakteur des Horowitz-Löwenstein'schen Blattes, dagegen von den christlichen Journalisten lediglich ein Redakteur des antisemitisch-allpolnischen Tagblattes „Slowo Polskie" in die Lage kommen wird, an der Enquete teilzunehmen. Vielleicht charakterisiert dieser Umstand am besten den Wert dieser Enquete und die Absichten ihrer Einberüfer. Dr. S. R. Landau. Der Fragebogen der Enquete. I. Wie ist die ökonomische Lage der Jaden in Galizien beschaffen? Läßt sich behaupten, daß die jüdische Bevölkerung in Galizien verarmt ist? II. In welchen Formen kommt diese Proletarisierung zum Ausdruck? Ist die ganze jüdische Bevölkerung proletarisiert oder ist dies nur in einzelnen Städten respektive Bezirken der FallV III. Wie weit wird diese Verarmung durch folgende ökonomische und soziale Erscheinungen hervorgerufen respektive beeinflußt: a) Ueberbevölkerung im allgemeinen und bei den Juden insbesondere; b) allgemeine Verarmung im Lande; c) Mangel an Aufklärung und Kultur unter den galizischen Juden (Chassidismus usw.); d) Verschuldung des Tabularbesitzes; e) Parzellierungsfieber; f) Zerstückelung des kleinen Grundbesitzes; g) ökonomische Entwicklung und Selbsthilfe der ländlichen Bevölkerung, insbesondere Raiffeisen-Kassen, landwirtschaftliche Genossenschaften (kolka rolnicze) usw.; h) Niedergang des Handwerks und Mangel an Industrie; i) Einseitigkeit des jüdisch-ökonomischen Lebens durch Bevorzugung des Handels und sonstigen Vermittlergewerbes; j) ökonomischer Niedergang des Landes überhaupt. IV. In welcher Weise könnten der kulturelle Stand und die ökonomische Lage der Juden gehoben respektive verbessert werden? Würden sich insbesondere empfehlen: a) Die Einführung und Unterstützung in den kleinen Städten derjenigen Zweige der Hausindustrie, für welche die Juden besonders befähigt sind (z. B. Schneiderei, Stickerei, Spilzenarbeiten usw.)? Wenn ja, soll die Hilfsaktion mit bereits bestehenden Organisationen (Hilfsvereinen) in Verbindung treten oder soll sie selbständig sein? b) Die Erleichterung der Kreditgewährung an jüdische Handwerker und kleine Kaufleüte, um ihnen das nötige Betriebskapital zu verschaffen? Wenn ja, inwieweit würde sich empfehlen, die für diesen Zweck schon bestehenden zahlreichen kleinen jüdischen Kredit-Genossenschaften zu zentralisieren? In welchem Verhältnisse soll dann diese Zentrale zum Lande und zur Zentralregierung stehen? Soll vielleicht eine solche Zentrale gemeinsam mit einem Landesverbände df.r Kultusgemeinden ins Leben treten? c) Die Schaffung einer Arbeitsvermittlung für die jüdischen Arbeiter durch Errichtung von Arbeitsveimiltlungsbureaux wie sie in anderen Ländern bei den jüdischen Kultusgemeinden bestehen? Oder könnten die bereits bestehenden Landesrespektive Bezirks-Arbeitsvermittlungsbureaux auch mit dieser Aufgabe betraut werden? d) Die Verbreitung der Aufklärung durch die Baron Hirsch'schen Schulen, Froebel-Schulen und Kindergärten? Wenn ja, in welcher Weise könnte das Land respektive die Regierung diesem Zwecke moralisch und materiell dienlich sein? e) Die Vermehrung und Vermannigfaltigung von Erwerbsquellen für die galizischen Juden im Handel respektive in der Landwirtschaft? Welche landwirtschaftliche Erwerbszweige würden sich für die Juden eignen? V. Wird die ökonomische Lage der galizischen Juden nachteilig beeinflußt a) durch das Hausiergesetz; b) durch das Gesetz über die Sonntagsruhe; c) durch die Aufhebung des Propinationsrechtes? Welche Mittel werden vorgeschlagen, um diesen Uebelständen abzuhelfen? VI. Wäre es empfehlenswert, der notleidenden jüdischen Bevölkerung rasche Hüfe zukommen zu lassen? In welcher Form soll dies geschehen? Seitens des Landes oder des Staates? VII. Soll die jüdische Emigralion in Galizien zum Gegenstand der Fürsorge gemacht werden? Nach welcher Richtung und in welcher Form? Seitens des Landes oder des Staates? VIIL Sind noch andere Hilfsmittel im Interesse der jüdischen Bevölkerung anzuwenden? IX. Wird durch die einseitige ökonomische Richtung der jüdischen Bevölkerung auch die ökonomische Lage des Landes beeinflußt und in welcher Weise? X. Ist eine spezielle Landes- oder Staats-Hilfsaktion für die galizischen Juden erwünscht, in Hinblick auf den konfessionellen (!) Charakter einer solchen Hilfsaktion und mit Rücksicht darauf, daß auch die nichtjüdische Bevölkerung notleidend ist? Würde es sich nicht vielmehr empfehlen, daß die Hilfsaktion allen Bevölkerungsschichten in den Städtchen und Dörfern, besonders auf dem Gebiete des Handwerks und der Hausindustrie zu Gute käme?

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