Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1911)
- Date
- 1911-01-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 2 ters uns vor Augen führen, müssen wir die Leichtigkeit bewundern, mit der er die Figuren schafft. Oft genügt es, wenn er eine Person nur die Nase rümpfen oder die Stirne in Falten legen läßt, daß wir einen ganzen Menschen vor uns sehen. Und da kommt uns der Gedanke: Wer weiß, ob Mendale nicht dazu berufen w7ar, einer der größten Schauspieler zu werden? Dann wieder fragen wir uns, ob er nicht das Talent zum Porträt- und Landschaftsmaler hat. Zeigt er doch in seinen Werken so viel Sinn für Linien und Farben! Er ist der größte Künstler, die größte Künstler- Natur, die unsere moderne jüdische Literatur hervorgebracht hat. te * Die Jubiläumsfeier von Mendale Moeher Sforim. Odessa, den 10. Jänner. Sonnlag hat die schöne Jubiläumsfeier unseres „Großvaters" (so wird Abrahamowicz in der jüdischen Literatur genannt) stattgefunden. Es erschienen die Repräsentanten aller jüdischen Vereine von Odessa und die Delegierten zahlreicher Städte. Als der „Großvater" in Begleitung seiner Frau im Saale erschien, war derselbe bereits ganz besetzt. Der „Großvater" setzte sich, neben ihm seine treue Gattin. Und herrlich schön war das alte Paar anzusehen. Das hohe Alter, das silßerweiße Haupt, die funkelnden Augen, der stolze Gang und die tiefen Furchen auf der Stirne, alles dies verlieh dem ewig jungen Greis einen besonderen Zauber. Und die „Enkel" schauten und konnten sich nicht satt sehen . . . Eine Art Extase beherrschte alle. Das erste Wort sprach der heLräische Dichter ßialik. Er überreichte dem „Großvater" als Geschenk den zweiten Teil der hebräischen Schriften des Jubilars, der kurz vor dem Fest erschien. Bialik hielt bei dieser Gelegenheit eine höchst schwungvolle Ansprache in hebräischer Sprache. Er sagte : „Vor fünf Jahren, als wir Dein siebzigjähriges Jubiläum feierten, beschlossen wir, Deine sämtlichen Werke herauszugeben. Aber es war uns leider nicht vergönnt, unseren Beschluß durchzuführen. Der wilde Sturm und das große Volks-Unglück machten alle unsere Pläne zunichte. Die Mordaxt hing dröhnend über unseren Häuptern und nicht ein Haupt wurde vor Deinen Augen vom Rumpfe getrennt. Du selbst standst ja bis zu den Knien in einem Blutleich, der rings um uns dahinfloß. Du warst ja selbst aus Deinem Heim gerissen und weit in die Fremde verschlagen. In jenen schrecklichen Tagen war uns der Mut geraubt und niedergeschlagen lebten wir nur in den Tag hinein, nicht ausblickend auf den Morgen. Kaum legie sich aber der Sturm, da gaben wir uns wieder der Arbeit hin, um Deinen und unser aller Traum zu verwirklichen. Und nun, wenn wir Dir dieses Geschenk überbringen, so ist das nicht nur ein Beweis dafür, daß Du, der „Großvater" lebst, sondern auch dafür, daß das ganze jüdische Volk lebt ..." Nach dieser Ansprache teilte Herr"L a n d a mit, daß der „Großvater" zum Ehrenmitglied der Odessaer literarischen Gesellschaft ernannt wurde. Darauf begrüßte der bekannte lyrische Dichter Sch. Frug den „Großvater" im Namen der Odessaer literarischen Gesellschaft Er hielt in jüdischer Sprache folgende Ansprache: „Reb Sehollem Jakob! An dem Tage, an welchem das große Fest der jüdischen Literatur, das liebe Fest des gesamten jüdischen Volkes feierlich begangen wird, an diesem festlichen Tage kamen wir hieher, um Sie im Namen der Odessaer literarischen Gesellschaft auf das Freudigste zu begrüßen und Ihnen unsere herzlichen Glückwünsche zu überbringen. Und gekommen sind wir, nicht etwa um Ihnen Ehrenbezeugungen zu erweisen, sondern, um Ihnen, unserem werten Künstler, unserem lieben Volksdichter für die uns erwiesenen Ehren zu danken. Künstler, Dichter — der größte Zauberer waren Sie uns! In dem verwilderten jüdischen Wald haben Sie als erster einen Pfad ausgetreten und dieser Pfad weitete sich zu einem großen, breiten Wege aus. In stockfinsteren Nächten stöberten Sie mit einer Laterne in der Hand in den Glupsker Sümpfen, in den Kabzansker Abfällen herum und sammelten jüdische Fetzen; diese webten Sie aber zu Seide und Sammt. Jüdische Tränen verwandelten Sie in reinste Diamanten und Perlen und belohnt hat Sie die jüdische Seele mit dem Besten und Feinsten was sie besitzt : mit dem jüdischen Leid, mit der jüdischen Not; Freuden kommen und kommen von allen Seiten, umgeben Sie, blättern, mischen, kehren hin und zurück die goldenen Kapitel Ihrer mit Blut und Galle geschriebenen Erzählungen und ein Strom des Trostes und der Hoffnung erfrischt und belebt die verdorrte, zerbrochene jüdische Seele. Ganze Menschengeschlechter, Tausende und Abertausende schmachtender jüdischer Seelen lauschen auf Ihr süßes, warmes, jüdisches Wort, sie lauschen auf Ihren tiefen jüdischen Seufzer, auf Ihr stilles, sanftes Lächeln, Großväterchen! ..." Diese schwungvolle Ansprache Frugs wirkte begeisternd auf alle Gemüter. Auch der „Großvater" zeigte merkliche Rührung. Es sprachen noch viele andere und beglückwünschten im Namen verschiedener Gesellschaften und Vereine den Jubilar. Der „Großvater" hörte mit Aufmerksamkeit und Interesse alle an, drückte einem jeden die Hand und nachdem alle gesprochen, ergriff auch er das Wort und sprach : „Ich bin vor Rührung nicht imstande zu antworten. Ich will mich daher kurz fassen. Die Sprache eines Menschen, eines Volkes ist die Seele. Es wäre ein großes Verbrechen meinerseits, hätte ich nicht in den Sprachen meines Volkes gearbeitet. Zwei Seelen besitzen wir : die eine des Sabbates, die andere des Alltages. So haben wir auch zwei Sprachen, und wir müssen beide anwenden. Beide Seelen haben mich bis ins hohe Aller geleitet und bis zu diesem Fest. Soviel mir bekannt ist, feiern die Juden keine Persönlichkeit, mag sie noch so groß sein. Sogar Moses überbrachte man keine Adressen und Begrüßungen. Wann feiert ein Jude? Wenn man mit der Thora zu Ende ist und wieder vom Anfang zu lesen beginnt. Dasselbe ist meine Pflicht; ich habe bis an das Ende gewirkt und muß bald alles wieder vom Anfang beginnen." Die Rede des Jubilars wurde mit einem donnernden Applaus beantwortet. * Eine Abrahainowicz-Feier in Wien. Die am 12. d. M. von den jüdischen Kulturvereinen Wiens im „Bayrischen Hof" gemeinsam veranstaltete und äußerst zahlreich besuchte „Mendele-Moicher-Sforim- Feier" nahm einen ungemein imposanten Verlauf. Den Vorsitz führte Herr B e r t o 1 d i, der in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung des Altmeisters der jüdischen Literatur schilderte als des ersten, der die soziale Not des Judentums durchschaut und künstlerisch dargestellt hat. Es folgte ein ausführliches Referat über das künstlerische Seh äffen des greisen Dichters, von Schriftsteller Ljubetzky. — Den Glanzpunkt des Abends aber bildeten die mit künstlerischer Vollendung und Gefühle vom Opernsänger H. Leo Kaater vorgetragenen jüdischen Lieder. Mit' Enthusiasmus lauschten die Versammelten den Klängen des Skljar'schen „Jeruscholajim" (Worte von Jehuda Halevy), wo Kunst und Künstler sich auf gleicher Höhe befanden. Im allgemeinen eine würdige Feier unseres Nestors.