Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1911)
- Date
- 1911-01-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Neue National-Zeitung" Seite 3 Sch. j. Abrahamowicz. (Mendale Mocher Sforim.) Zum fünfundsiebzigsten Geburtstage. Von David Frischmann.*) „Mendale" ist der größte Künstler, den die moderne jüdische Literatur bis heute hervorgebracht hat. In seinen Werken spiegelt sich das Leben der russischen Juden wieder und wenn wir in diesen Büchern lesen, kommt uns plötzlich zum Bewußtsein, woraus dieses Leben zusammengesetzt ist; eine Angst überfällt uns und unendliches Mitleid regt sich in unseren Herzen. Ich will nicht von dem besten dichterisch-poetischen Werke unserer Literatur, von der „Klatsche" sprechen, auch nicht von den dichterisch-kritischen Streitschriften „Die Maske" und „Der Priziw", welche rücksichtslos die Wunden unseres gesellschaftlichen Löbens bloßlegen — aber auf vier Hauptwerke des Dichters, die einen rein künstlerischen Wert besitzen, will ich näher eingehen. Es sind dies die Werke: „Fischke, der Krumme", „Massojs Benjamin Basch- ] Ischl", „Das Wünschfingerl" und „Schlojme Reb Chaim's". Schon aus diesen Werken erkennen wir, was Abrahamowicz für unsere Literatur bedeutet Nehmen wir an, daß eine Sintflut die „jüdische Gass" in den kleinen litauischen Städten mit allem, was dort lebt vom Erdboden ausrottet und keine Spur vom merkwürdigen jüdischen Leben zurücklassen würde. Aber durch einen sonderbaren Zufall wären diese vier Bücher Mendale's erhalten geblieben — dann würde sich ein zukünftiger Forscher nur durch diese Werke allein ein genaues Bild vom jüdischen Leben in den kleinen russischen Städten in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts machen können. Ich kenne keinen Typus aus der Judengasse, der mir in Abrahamowicz' Werken nicht begegnet wäre; keine Redensart, keinen Kniff, die mir nicht aus seinen Büchern bekannt sind, keine Beschäftigung, keinen Beruf, die er nicht geschildert hätte; die ganze Lebensart des Juden während Tag und Nacht, von Jahresanfang bis Jahresschluß wird uns vorgeführt. Wird vielleicht jener Forscher wissen wollen, wie das jüdische Gesicht und wie der jüdische Körper ausgesehen haben, so wird er es in Mendale's Büchern finden. Der Dichter zeichnet das Gesicht, mit Nase und Augen, mit glatter und gerunzelter *) Das Jubiläum Sch. J. Abrahamowicz', der sich mit seinem Schriftsteller-Namen Mendale Mocher Sforim nennt, wird in ganz Rußland und Polen von der jüdischen Bevölkerung als ein nationales Fest gefeiert. Denn Abrahamowicz ist der Vater und Altmeister der Jargon- Novellistik; seine Schöpfungen sind Produkte eines wahren Dichter- Genies. Man wird dies in Westeuropa für eine Übertreibung halten, weil ihm bisher die Anerkennung der zünftigen Literarhistoriker versagt blieb. Was bedeutet dies? Abrahamowicz erfreut sich der Anerkennung und Verehrung jener Millionen, die keiner anderen Sprache als des Jargons mächtig, ihm zahlreiche Stunden ihres einzigen geistigen Genusses verdanken. Deshalb gebührt Abrahamowicz eine hervorragende Stellung nicht bloß in der Geschichte jüdischer Dichtkunst, sondern auch vornehmlich in der Geschichte jüdischer Kultur. Daß bisher nur seine wenigsten Arbeiten ins Deutsche übersetzt wurden, beweist nur, welcher Abgrund die jüdische Intelligenz von der Geisteswelt der jüdischen Volksmassen trennt. Obigen Artikel, in den* David Frischmann, selbst ein hervorragender Schriftsteller, die dichterische Persönlichkeit Abrahamowicz's schildert, entnehmen wir dem Warschauer Jargon- Tagblatt „Haint", L. Stirne; er zeichnet die Hände und Füße, wie der Jude die Nase rümpft, wie er mit den Händen herumfuchtelt und was jede Bewegung bedeuten soll, wie er mit den Augen blinzelt — mit einem hierher, mit dem andern dorthin — und was jeder Blick bedeutet, wie er geht und wie er sitzt; wie der Reiche und wie der Arme steht; wie der Händler schreit, der die Kunden hereinlockt, und wie der Wucherer schweigt, ja sogar wie der Jude schlafend aussieht. Es gibt keinen charakteristischen Zug, den der eigenartige Maler mit seinem feinen Pinsel nicht gemalt hätte! Wird sich der Forscher interessieren, wie die jüdischen Kleider jener Zeit ausgesehen haben, so muß er bei Mendale nachschlagen. Er wird geschildert finden: den Kaftan und die Pekescha (langer Rock), die Schirmkappe und die Sabatmütze, den seidenen Sabatrock und den Pelz mit dem zerrissenen Unterfuttcr, dem abgeschabten Kragen und den Kotfiecken, die, wenn getrocknet, von selbst herunterfallen. Er wird finden den Juden mit den weißen Strümpfen und den zerrissenen Steckschuhen, mit dem Talis Kutin,*) dem Chalat,**) der nackten Brust and den schmutzigen Kleidern, die Spuren von Kugeifett, Scholet und Dottergelb aufweisen. Auch die Jüdin mit dem Damenhut, der mit Beeren, Federn und einem Vogel geschmückt ist, wird er wiedererkennen, die fromme Jüdin, die Jüdin mit der Perrücke und dem türkischen Shawl — alle werden ihm in Mendale's Büchern begegnen. Wenn er sich interessieren wird, wie das Hausgeräte und die Einrichtung der Stuben ausgesehen haben, wird er sie bei Mendale geschildert finden: Die Wanduhr, das ewig krachende Bett, das Holzsofa, verschiedene Tische, Sessel, Besen, Schaufeln und alle anderen Gebrauchsgegenstände, die die Hausfrau nötig hat. Die Arm- und Hängeleuchter, die zwei kupfernen und die fünf Zink-Pfannen, die in der Küche aufgestellt sind, das Dutzend Tombaklöffel, die zwei Becher, den Chanukah-Leuchter und alle anderen Kostbarkeiten des jüdischen Hauses hat er ebenfalls nicht zu schildern vergessen. Willst du wissen, wie die jüdische Gass' aussieht, dann sieh bei Mendale nach: Die Häuser haben eine sonderbare Form. Man könnte fast sagen, daß sie leben . . . Mendale schildert auch die Häufchen Mist vor den Haustüren, die vom Vieh und den verhungerten Hunden auf der Suche nach Nahrung aufgewühlt werden. Und wie sich uns das Bild vom äußeren Leben in der jüdischen Gass' einprägt, so bleibt uns in noch viel größerem Maße nach der Lektüre der Eindruck vom Denken und Empfinden des Juden zurück. Wir lernen seine Träume und Hoffnungen, seine Wünsche und all das, was seinem Leben Inhalt gibt, kennen. Er zeigt ims Kaufleute und Schnorrer, Makler und Händler, Wohltäter und Arme, Würdenträger, Jeschiwe-Bocherim,***) Wucherer, Bordell Wirtinnen, Bürger und Melamdem,f) Schuster und Schneider — und nicht immer sind es Typen aus dem alltäglichen Leben, oft zeichnet er auch Ausnahmsmenschen, die uns nur selten begegnen. Aber wenn wir einen solchen Menschen kennen lernen, vergessen wir ihn nicht sobald. Wenn wir die reiche Gestaltungskraft des Dieh- *) Kurzer Gebetmantel mit Schaufäden. **) Schlafrockartiger Rock. ***) Frequentanten einer höheren Talmudschule, f) Lehrer.